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Archiviertes - Philosophiestunde

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Archiviertes

SEPTEMBER 22

Wir wollen nun einige Beispiele metaphysischer Scheinsätze aufzeigen, an denen sich  besonders deutlich erkennen lässt, dass die logische Syntax verletzt ist, obwohl die historisch-grammatische Syntax erfüllt ist. Wir wählen einige Sätze aus derjenigen metaphysischen Lehre, die gegenwärtig in Deutschland den stärksten Einfluss ausübt.  »Erforscht werden so!! das Seiende nur und sonst - ' nichts; das Seiende allein und weiter - nichts; das Seiende einzig und darüber hinaus - nichts. Wie steht es um dieses  Nichts? - - Gibt es das Nichts nur, weil es das Nicht, d. h. die Verneinung gibt? Oder liegt es  umgekehrt? Gibt es die Verneinung und das Nicht nur, weil' es das Nichts gibt? - - Wir  behaupten: Das Nichts ist ursprünglicher als das Nicht und die Verneinung. - - Wo suchen  wir das Nichts? Wie finden wir das Nichts? - - Wir kennen das Nichts. - - Die Angst offenbart das Nichts. - ~ Wovor und warum wir uns ängsteten, war ›eigentlich< - nichts. in der  Tat: das Nichts selbst - als solches - war da, - - Wie steht es um das Nichts? - _- Das  Nichts selbst nichtet.«
Um zu zeigen, dass die Möglichkeit der Bildung von Scheinsätzen auf einem logischen  Mangel der Sprache beruht, stellen wir das unten stehende Schema auf. Die Sätze unter l  sind sowohl grammatisch wie logisch einwandfrei, also sinnvoll. Die Sätze unter ll (mit Ausnahme von B 3) stehen grammatisch in vollkommener Analogie zu denen unter 1. Die Satzform Il A (als Frage und Antwort) entspricht zwar nicht den Forderungen, die an eine logisch  korrekte Sprache zu stellen sind. Sie ist  aber trotzdem sinnvoll, da sie sich in korrekte Sprache übersetzen lässt; das zeigt der Satz lll A, der denselben Sinn wie ll A hat. Die Unzweckmäßigkeit der Satzform ll A zeigt sich dann darin, dass wir von ihr aus durch grammatisch  einwandfreie Operationen zu den sinnlosen Satzformen ll B gelangen können, die dem obigen Zitat entnommen sind. Diese Formen lassen sich in der korrekten Sprache der Kolonne  lll überhaupt nicht bilden. Trotzdem wird ihre Sinnlosigkeit nicht auf den ersten Blick  bemerkt, da man sich leicht durch die Analogie zu den sinnvollen Sätzen l B täuschen lässt.  Der hier festgestellte Fehler unserer Sprache liegt also darin, dass sie, im Gegensatz zu  einer logisch korrekten Sprache, grammatische Formgleichheit zwischen sinnvollen und  sinnlosen Wortreihen zulässt. Jedem Wortsatz ist eine entsprechende Formel in Schreibweise der Logistik  beigefügt; diese Formeln lassen die unzweckmäßige Analogie E zwischen l A und ll A und die darauf beruhende Entstehung der sinnlosen Bildungen ll B
besonders deutlich erkennen.Schreibweise der Logistik4 beigefügt; diese Formeln lassen die unzweckmäßige Analogie E
zwischen l A und ll A und die darauf beruhende Entstehung der sinnlosen Bildungen ll B
besonders deutlich erkennen.
   
Juli 22

Die Behauptung eines in der Geschichte sich manifestierenden  und sie zusammenfassenden Weltplans zum Besseren wäre nach den Katastrophen und im Angesicht der künftigen zynisch. Nicht aber ist darum die  Einheit zu verleugnen, welche die diskontinuierlichen, chaotisch zersplitterten Momente und Phasen der Geschichte zusammenschweißt, die von  Naturbeherrschung, fortschreitend in die Herrschaft über Menschen und  schließlich die über inwendige Natur. Keine Universalgeschichte führt vom  Wilden zur Humanität, sehr - wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe. Sie endet in der totalen Drohung der organisierten Menschheit gegen die organisierten Menschen, im Inbegriff von Diskontinuität.
 
Hegel wird dadurch  zum Entsetzen verifiziert und auf den Kopf gestellt. Verklärte jener die  Totalität geschichtlichen Leidens zur Positivität des sich realisierenden Absoluten, so wäre das Eine und Ganze, das bis heute, mit Atempausen, sich  fortwälzt, teleologisch das absolute Leiden. [...] Die Gesellschaft erhält sich nicht trotz ihres Antagonismus am Leben sondern durch ihn; Profitinteresse,  und damit das Klassenverhältnis sind objektiv der Motor des Produktionsvorgangs, an dem das Leben aller hängt und dessen Primat seinen Fluchtpunkt  hat im Tod aller. Das impliziert auch das Versöhnende am Unversöhnlichen;  weil es allein den Menschen zu leben erlaubt, wäre ohne es nicht einmal die  Möglichkeit veränderten Lebens. Was geschichtlich jene Möglichkeit schuf,  kann sie ebensowohl zerstören. Zu definieren wäre der Weltgeist, würdiger  Gegenstand von Definition, als permanente Katastrophe.
 
...]  Nicht müßig sind Spekulationen, ob der Antagonismus im Ursprung menschlicher Gesellschaft, ein Stück prolongierter Naturgeschichte, als Prinzip homo homini lupus (der Mensch dem Menschen ein Wolf) ererbt oder erst thesei geworden sei; und ob er, wäre er schon  entsprungen, aus den Notwendigkeiten des Überlebens der Gattung folgte  und nicht gleichsam kontingent, aus archaischen Willkürakten von Machter-  greifung. Damit freilich fiele die Konstruktion des Weltgeistes auseinander.  Das geschichtliche Allgemeine, die Logik der Dinge, die in der Notwendigkeit  der Gesamttendenz sich zusammenballt, gründete in Zufällígem, ihr Äußerlichem; sie hätte nicht zu sein brauchen.
- Th. W. Adorno, Negative Dialektik, 312f -         
Diese Form der Philosophie, die im Wesentlichen aus heißer  Luft besteht, kursierte erstmals Ende der 1960er Jahre. Damals  verkündete der Harvard-Professor Timothy Leary, man könne  auch durch das Verspeisen psychedelisch wirkender Pilze zur  Erleuchtung kommen. Die später New Age genannte Strömung verbindet traditionelle ostasiatische Weisheitslehren mit mittelalterlichen esoterischen Praktiken wie Astrologie und Tarot und  der Mystik der Kabbala. Sprüche wie »Ich bin eins mit meiner  Dualität« oder »Seit ich Vertrauen in die Gerichtsbarkeit gewonnen habe, muss ich keine Waffe mehr tragen« bilden ebenfalls einen wesentlichen Teil der New-Age-Philosophie.Das erinnert uns an die ältere Dame, die Anfang des 19. Jahrhunderts nach einem Vortrag des englischen Dichters Samuel Taylor Coleridge zu diesem gesagt haben soll: »Mister Coleridge, jetzt akzeptiere ich das Universum.« Coleridge schaute sie über seine  Brille hinweg an und sagte: ››In der Tat, Madam, das sollten sie auch!«  Zum Glück haben wir Humoristen, die Licht ins Dunkel des  New-Age-Denkens bringen. Wie viele« New-Age-Adepten sind nötig um eine Glühbirne auszutauschen?  Keiner, denn sie bilden sofort eine Selbsthilfegruppe mit dem Namen; »Mit der Dunkelheit leben«.
-Text aus: Cathcart, Klein: Platon und Schnabeltier -


Michael Schneider
Begriffe und Grundüberzeugungen
New Age steht für Neues Zeitalter und ist eine der wichtigsten – und populärsten – geistigen Strömungen  der letzten Jahrzehnte. Eine inflationäre Inanspruchnahme des Themas  (z.B. als"life style") macht es gleichzeitig schwer, New Age zu  fixieren. Dennoch läßt sich New Age als ein "Patchwork" ständig  wiederkehrender Begriffe, Grundüberzeugungen und Aktivitäten definieren:  Paradigmenwechsel, Kosmisches Bewußtsein und Transformation, die den zentralen Sinn des New Age markieren. a) Der Grundgedanke des Paradigmenwechsels ist nicht ein mechanistisches, sondern ein systemisches, die  Gesamtwirklichkeit vernetzendes Selbst- und Wirklichkeitsverständnis  (Capra), d.h. die Trennungen von Geist und Materie, von Mensch und Natur  scheinen im Neuen Zeitalter aufgehoben. Anstelle der starren Dualismen  setzen die New Age-Autoren organische Synthesen wie den Versuch, die Kluft zwischen Religion und Wissenschaft zu überwinden, oder in die einseitig rationalistische Denkweise des  "old age" veränderte Bewußtseinszustände oder paranormale Phänomene (Parapsychologie)  einzubeziehen. Erst die Erfahrung der größeren Realität "innerer" oder  "geistiger" Welten könne auch zu der Erfahrung führen, daß in jedem  realen Phänomen, vor allem aber im eigenen Bewußtsein, das spirituelle Universum zu finden sei. b) Die Erfahrung eigener Ganzheit ist eng gekoppelt an die Vorstellung eines kosmischen Bewußtseins: Der Mensch soll sich wieder als Teil der Natur verstehen, nicht als ihr Beherrscher, und soll sich dabei in kosmische Rhythmen wiedereingliedern. c) Diese kosmische Ganzheitlichkeit steht dem Transformationsgedanken sehr nahe. Transformation bezeichnet zunächst den Prozeß der individuellen  Bewußtseinserweiterung. Themen sind dabei: Einbezug von Körperlichkeit  und Emotionalität, Suche nach neuer Spiritualität, Wiederentdeckung der  weiblichen Identität oder die Neubesinnung auf Erfahrung.  Mit der Bewußtseinsentwicklung der einzelnen verbinden sich Hoffnungen  auf eine gesellschaftliche Transformation durch die "Verschwörung der  Transformierten" (Ferguson) sowie auf eine "Spiritualisierung der ganzen  Menschheit" (Russell).
Es ist wohl kein Zufall, daß unser Sprachgebrauch „Sinn“ und „Zweck“  sowie „Sinn“ und „Ziel“ vertauscht. Es ist gewöhnlich der Zweck oder ein  Worumwillen, das die Bedeutung von Sinn bestimmt. Der Sinn aller Dinge,  die nicht schon von Natur aus so sind, wie sie sind, sondern von Gott oder  vom Menschen gewollt und geschaffen sind und die darum auch anders oder  nicht sein könnten, bestimmt sich aus ihrem Zweck. Ein Tisch ist dadurch,  was er ist, daß er als Eß- oder Schreibtisch auf ein Wozu verweist, um  dessentwillen er da ist. Auch geschichtliche Ereignisse weisen über sich  selbst hinaus, sofern die Handlung, aus der sie hervorgehen, auf etwas  abzielt, worin sich ihr Sinn als Zweck erfüllt. Und weil die Geschichte eine  zeitliche Bewegung ist, muß der Zweck als Ziel in der Zukunft liegen.  Einzelne Geschehnisse oder eine Folge von Geschehnissen sind, auch  wenn sie für den Menschen bedeutungsvoll sind, als solche noch nicht  sinnvoll und zielvoll. Die Fülle des Sinns ist Sache einer Erfüllung, die in der  Zukunft liegt. Eine Aussage über den letzten Sinn geschichtlicher Ereignisse  zu wagen, ist nur möglich, wenn ihr künftiges telos kenntlich wird. Wenn eine  geschichtliche Bewegung ihre Richtung und Tragweite enthüllt hat, so denken wir über ihr erstes Auftreten nach, um den Sinn des ganzen Ereignisses  von dessen Ende her zu bestimmen, des „Ganzen", sofern es einen  bestimmten Ausgangspunkt und einen deutlichen Endpunkt hat. Die Annahme, daß die Geschichte im großen und ganzen einen letzten Sinn habe,  antizipiert somit einen Endzweck als Endziel. Die zeitliche Dimension eines  letzten Ziels ist eine eschatologische Zukunft und Zukunft ist für uns nur da,  indem wir etwas erwarten, das noch nicht präsent ist. Man weiß von ihr nur in  der Weise gläubigen Hoffens.
- K. Löwith, Vom Sinn der Geschichte -       
Die ästhetische Überwindung der Geschichte

Wir wissen nicht im entferntesten, was gespielt wird, universal  gesehen, wer oder was wir überhaupt sind, woher und wohin, Arbeit und  Erfolg ist in keinen Zusammenhang zu bringen, auch Leben und Tod nicht.  Wir wissen nicht, wer oder was Caesar ermordete, Napoleon das Magenkarzinom erst auf Sankt Helena schickte, den Nebel sandte, als die Nivellesche  Offensíve beginnen sollte, wer manche Winter so hart machte oder die  Winde so stellte, daß die Armada zerschellte. Was sich abhebt, ist immer nur das durcheinandergehende Spiel verdeckter Kräfte. Ihnen nachzusinnen, sie  zu fassen in einem Material, das die Erde uns an die Hand gibt, in „Stein, Vers, Flötenlied“, in hinterlassungs-fähigen, abgeschlossenen Gebilden -  diese Arbeit an der Ausdruckswelt, ohne Erwarten, aber auch nicht ohne  Hoffnung -: etwas anderes hat die Stunde für uns nicht.
Ein Spiel des Äon, ein Spiel der Parzen und der Träume! Welche Haufen in der Geschichte auch siegten, diese Lehre haben sie nie zerstört! Die Lehre  von der Ausdruckswelt als Überwinderin des Nationalismus, des Rassismus,  der Geschichte, aber auch der menschheitlichen und individuellen Trauer,  die unser eingeborenes Erbteil ist. ln irgendeinem inneren Auftrag arbeiten  oder in irgendeinem inneren Auftrag schweigen, allein und handlungslos, bis wieder die Stunde der Erschließung kommt. Ich habe Größeres nicht gesehen als den, der sagen konnte: Trauer und Licht, und beides angebetet; und  dessen Sein sich auf der Waage maß, deren Schalen sich gegeneinander  wohl bewegen, sinken und steigen, aber sie selber wiegt sich nicht.  Womöglich sind die abgelegensten Dinge die allerwichtigsten gewesen und die vergessensten die bleibenden, aber irgend etwas Bestimmendes liegt  vor, darin gibt es eine Beirrung nicht. Nihilismus als Verneinung von  Geschichte, Wirklichkeit, Lebensbejahung ist eine große Qualität, als Realitätsleugnung schlechthin bedeutet er eine Verringerung des lch. Nihilismus ist eine innere Realität, nämlich eine Bestimmung, sich in der Richtung auf  ästhetische Deutung in Bewegung zu bringen, in ihm endet das Ergebnis und die Möglichkeit der Geschichte.
-  G. Benn, Zum Thema Geschichte -
     
Geschichte als Entfaltung der Menschennatur
Vernünftige Selbstbestimmung als Ziel der Geschichte
§ 1: Was die Erziehung bei dem einzeln Menschen ist, ist die  Offenbarung bei dem ganzen Menschengeschlechte.
§ 2: Erziehung ist Offenbarung, die dem einzeln Menschen geschieht: und  Offenbarung ist Erziehung, die dem Menschengeschlechte geschehen ist  und noch geschieht.
§ 4: Erziehung gibt dem Menschen nichts, was er nicht auch aus sich selbst  haben könnte: sie gibt ihm das, was er aus sich selber haben könnte, nur  geschwinder und leichter. Also gibt auch die Offenbarung dem Menschenge-  schlechte nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst überlassen,  nicht auch kommen würde: sondern sie gab und gibt ihm die wichtigsten  dieser Dinge nur früher.  § 5: Und so wie es der Erziehung nicht gleichgültig ist, in welcher Ordnung  sie die Kräfte des Menschen entwickelt; wie sie dem Menschen nicht alles  auf einmal beibringen kann: ebenso hat auch Gott bei seiner Offenbarung  eine gewisse Ordnung, ein gewisses Maß halten müssen.
§ 72: So wie wir zur Lehre von der Einheit Gottes nunmehr des Alten Testaments entbehren können; so wie wir allmählich zur Lehre von der  Unsterblichkeit der Seele auch des Neuen Testaments entbehren zu können  anfangen: könnten in diesem nicht noch mehr dergleichen Wahrheiten  vorgespiegelt werden, die wir als Offenbarungen so lange anstaunen sollen,  bis sie die Vernunft aus ihren andern ausgemachten Wahrheiten herleiten  und mit ihnen verbinden lernt?
§ 85: Nein; sie wird kommen, sie wird gewiß kommen, die Zeit der Vollendung, da der Mensch, je überzeugter sein Verstand einer immer bessern  Zukunft sich fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu  seinen Handlungen zuerborgen nicht nötig haben wird; da er das Gute tun  wird, weil es das Gute ist, nicht well willkürliche Belohnungen darauf gesetzt  sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem bloß haften und stärken sollten,  die innern bessern Belohnungen desselben zu erkennen.
§ 86: Sie wird gewiß kommen, die Zeit eines neuen ewigen Evangeliums, die  uns selbst in den Elementarbüchern des Neuen Bundes versprochen wird.
§ 87: Vielleicht, daß selbst gewisse Schwärmer des dreizehnten und vierehnten Jahrhunderts einen Strahl dieses neuen ewigen Evangeliums  aufgefangen hatten; und nur darin irrten, daß sie den Ausbruch desselben so  nahe verkündigten.   
§ 88: Vielleicht war ihr dreifaches A/ter der Welt keine so leere Grille; und  gewiß hatten sie keine schlimme Absichten, wenn sie lehrten, daß der Neue  Bund ebensowohl antiquieret werden müsse, als es der Alte geworden. Es  blieb auch bei ihnen immer die nämliche Ökonomie des nämlichen Gottes.  lmmer .- sie meine Sprache sprechen zu lassen - der nämliche Plan der  allgemeinen Erziehung des Menschengeschlechts.  
§ 91: Geh deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur laß mich  dieser Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln! - Laß mich nicht an dir  verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten zurückzugehenl  - Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist.  
§ 92: Du hast auf deinem ewigen Wege so viel mitzunehmenlso viel  Seitenschritte zu tun! - Und wie? wenn es nun gar so gut als ausgemacht  wäre, daß das große langsame Rad, welches das Geschlecht seiner Vollkommenheit näher bringt, nur durch kleinere schnellere Räder in Bewegung  gesetzt würde, deren jedes sein Einzelnes eben dahin liefert?  
- G. E. Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts -       
Mai 22
GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL
 
Der Endzweck der Welt und die Überwindung des Bösen  
 
 
Die Geschichte ist die Entfaltung der Natur Gottes in einem bestimmten Element, so kann  hier keine andere als eine bestimmte Erkenntnis genügen und stattfinden. Es muß endlich  an der Zeit sein, auch diese reiche Produktion der schöpferischen Vernunft zu begreifen,  welche die Weltgeschichte ist. - Unsere Erkenntnis geht darauf, die Einsicht zu gewinnen,  daß das von der ewigen Weisheit Bezweckte, wie auf dem Boden der Natur, so auf dem Bo-  den des in der Welt wirklichen und tätigen Geistes herausgekommen ist. Unsere Betrachtung ist insofern eine Theodizee, eine Rechtfertigung Gottes, welche Leibniz metaphysisch  auf seine Weise in noch abstrakten, unbestimmten Kategorien versucht hat: das Übel in der  Welt überhaupt, das Böse mit inbegriffen, sollte begriffen, der denkende Geist mit dem  Negativen versöhnt werden; und es ist in der Weltgeschichte, daß die ganze Masse des konkreten Übels uns vor die Augen gelegt wird. (In der Tat liegt nirgend eine größere Aufforderung zu solcher versöhnenden Erkenntnis als in der Weltgeschichte, und es ist hierbei,  daß wir einen Augenblick verweilen wollen.)
 
 Diese Aussöhnung kann nur durch die Erkenntnis des Affirmativen erreicht werden, in  welchem jenes Negative zu einem Untergeordneten und Überwundenen verschwindet -  durch das Bewußtsein, teils was in Wahrheit der Endzweck der Welt sei, teils daß derselbe  in ihr verwirklicht worden sei und nicht das Böse neben ihm ebensosehr und gleich mit ihm  sich geltend gemacht habe. Die Rechtfertigung geht darauf hinaus, das Übel gegenüber der  absoluten Macht der Vernunft begreiflich zu machen. Es handelt sich um die Kategorie des  Negativen, von der vorher die Rede war, und die uns sehen läßt, wie in der Weltgeschichte  das Edelste und Schönste auf ihrem Altar geopfert wird. Dies Negative wird von der denkenden Vernunft verworfen, die dafür vielmehr einen affirmativen Zweck will. Dabei, daß  einzelne Individuen gekränkt worden sind, kann die Vemunft nicht stehenbleiben; besondere Zwecke verlieren sich in dem Allgemeinen. Sie sieht in dem Entstehen und Vergehen  das Werk, das aus der allgemeinen Arbeit des Menschen-geschlechtes hervorgegangen ist,  ein Werk, das wirklich in der Welt ist, der wir angehören. Das Erscheinende hat sich ohne  unser Zutun zu einem Wirklichen gestaltet; es ist nur das Bewußtsein, und zwar das denkende Bewußtsein nötig, es aufzufassen. Denn jenes Affirmative ist eben nicht bloß im Genusse des Gefühls, der Phantasie, sondern es ist etwas, das der Wirklichkeit angehört und  uns angehört oder dem wir angehören. Die Vernunft, von der gesagt worden, daß sie die   Welt regiere, ist ein ebenso unbestimıntes Wort als die Vorsehung - man spricht immer  von der Vernunft, ohne eben angeben zu können, was denn ihre Bestimmung, ihr Inhalt  ist, was das Kriterium sei, wonach wir beurteilen können, ob etwas vernünftig ist oder unvernünftig.
 
 
Von der Weltgeschichte kann nach dieser abstrakten Bestimmung gesagt werden, daß sie  die Darstellung des Geistes sei, wie er zum Wissen dessen zu kommen sich erarbeitet, was er  an sich ist. Die Orientalen wissen es nicht, daß der Geist oder der Mensch als solcher an sich  frei ist. Weil sie es nicht wissen, sind sie es nicht. Sie wissen nur, daß Einer frei ist; aber  ebendarum ist solche Freiheit nur Willkür, Wildheit, Dumpfheit der Leidenschaft oder  auch eine Milde, Zahmheit derselben, die selbst nur ein Naturzufall oder eine Willkür ist.  Dieser Eine ist darum nur ein Despot, nicht ein freier Mann, ein Mensch. - In den Griechen ist erst das Bewußtsein der Freiheit aufgegangen, und darum sind sie frei gewesen;  aber sie, wie auch die Römer, wußten nur, daß einige frei sind, nicht der Mensch als_solcher. Dies wußten Plato und Aristoteles nicht; darum haben die Griechen nicht nur Sklaven gehabt und ist ihr Leben und der Bestand ihrer schönen Freiheit daran gebunden gewesen, sondern auch ihre Freiheit war selbst teils nur eine zufällige, unausgearbeitete, vergängliche und beschränkte Blume, teils zugleich eine harte Knechtschaft des Menschlichen, des Humanen. - Erst die germanischen Nationen sind im Christentum zum Bewußtsein gekommen, daß der Mensch als Mensch frei ist, die Freiheit des Geistes seine eigenste Natur ausmacht. Dies Bewußtsein ist zuerst in der Religion, in der innersten Region  des Geistes aufgegangen; aber dies Prinzip auch in das weltliche Wesen einzubilden, dies  war eine weitere Aufgabe, welche zu lösen und auszuführen eine schwere, lange Arbeit der  Bildung erfordert. Mit der Annahme der christlichen Religion hat z.B. nicht unmittelbar  die Sklaverei aufgehört, noch weniger ist damit sogleich in den Staaten die Freiheit herr-  schend, sind die Regierungen und Verfassungen auf eine vemünftige Weise organisiert, auf  das Prinzip der Freiheit gegründet worden. Diese Anwendung des Prinzips auf die Weltichkeit, die Durchdringung, Durchbildung des weltlichen Zustandes, durch dasselbe ist  der lange Verlauf, welcher die Geschichte selbst ausmacht. Auf diesen Unterschied des  Prinzips als eines solchen und seiner Anwendung, d.i. Einführung und Durchführung in  der Wirklichkeit des Geistes und Lebens, habe ich schon aufmerksam gemacht; wir werden  sogleich weiter darauf zurückkommen; es ist eine Grundbe-stimmung in unserer Wissenschaft, und sie ist wesentlich im Gedanken festzuhalten. Wie nun dieser Unterschied in  Arısehung des christlichen Prinzips, des Selbstbewußtseins der Freiheit, hier vorläufig herausgehoben worden, so findet er auch wesentlich statt in Ansehung des Prinzips der Freiheit überhaupt. Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit - ein  Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.
 
 Mit dem, was ich im allgemeinen über den Unterschied des Wissens von der Freiheit gesagt  habe, und zwar zunächst in der Form, daß die Orientalen nur gewußt haben, daß Einer frei  ist, die griechische und römische Welt aber, daß einige frei sind, daß wir aber wissen, daß  alle Menschen an sich frei, der Mensch als Mensch frei ist, damit liegt die Einteilung, die wir in der Weltgeschichte machen und nach der wir sie abhandeln werden, vor. . .
 
Sagen wir nun (. . _), die allgemeine Vernunft vollführe sich [in der Geschichte], so ist es um  das empirisch Einzelne freilich nicht zu tun; denn das kann besser und schlechter sein, weil hier der Zufall, die Besonderheit ihr ungeheures Recht auszuüben vom Begriffe die Macht  erhält. Man kann sich allerdings in Rücksicht auf besondere Dinge vorstellen, daß manches in der Welt unrecht sei. So wäre denn an den Einzelheiten der Erscheinung vieles zu tadeln. Aber um das empirisch Besondere ist es hier nicht zu tun; das ist dem Zufall anheim-  gegeben, und darauf kommt es nicht an. Es ist auch nichts leichter zu tadeln und durch den  Tadel sich die Meinung von seinem Besserwissen, guter Absicht zu geben. Dies subjektive  Tadeln, das nur das Einzelne und seinen Mangel vor sich hat, ohne die allgemeine Vernunft  darin zu erkennen, ist leicht und kann, indem es die Versicherung guter Absicht für das  Wohl des Ganzen herbeibringt und sich den Schein des guten Herzens gibt, gewaltig groß  tun und sich aufspreizen. Es ist leichter, den Mangel an Individuen, an Staaten, an der  Weltleitung einzusehen als ihren wahrhaften Gehalt. Denn beim negativen Tadeln steht  man vornehm und mit hoher Miene über der Sache, ohne in sie eingedrungen zu sein, d.h.  sie selbst, ihr Positives erfaßt zu haben. Gewiß kann der Tadel gegründet sein; nur ist es viel  leichter, das Mangelhafte aufzufinden als das Substantielle (z.B. bei Kunstwerken). Die  Menschen meinen oft, sie seien fertig, wenn sie das mit Recht Tadelhafte aufgefunden haben; sie haben freilich recht, aber sie haben auch unrecht, daß sie das Affirmative an der  Sache verkennen. Es ist das Zeichen der größten Oberflächlichkeit, überall das Schlechte  zu finden, nichts von dem Affirmativen, Echten daran zu sehen. Das Alter im allgemeinen  macht milder, die Jugend ist immer unzufrieden; das macht beim Alter die Reife des Urteils, das nicht nur aus Interesselosigkeit auch das Schlechte sich gefallen läßt, sondern,  durch den Ernst des Lebens tiefer belehrt, auf das Substantielle, Gediegene der Sache ist  geführt worden; es ist das nicht eine Billigkeit, sondern eine Gerechtigkeit.
 
Was aber das wahrhafte Ziel betrifft, die Idee der Vernunft selbst, so ist die Einsicht, zu der  die Philosophie verhelfen soll, daß die wirkliche Welt ist, wie sie sein soll, daß der vernünftige Wille, das konkret Gute das Mächtigste ist in der Tat, die absolute Macht, die sich vollführt. Das wahrhafte Gute, die allgemeine göttliche Vernunft ist auch die Macht, sich  selbst zu vollbringen. Dieses Gute, diese Vernunft in ihrer konkretesten Vorstellung ist  Gott. Das Gute, nicht bloß als Idee überhaupt, sondern als eine Wirksamkeit, ist das, was  wir Gott nennen. Die Einsicht der Philosophie ist, daß keine Gewalt über die Macht des  Guten, Gottes, geht, die ihn hindert, sich geltend zu machen, daß Gott recht behält, daß die  Weltgeschichte nichts anderes darstellt als den Plan der Vorsehung. Gott regiert die Welt;  der Irıhalt seiner Regierung, die Vollführung seines Planes ist die Weltgeschichte. Diesen. zu  fassen ist die Aufgabe der Philosophie der Weltgeschichte, und ihre Voraussetzung ist, daß  das Ideal sich vollbringt, daß nur das Wirklichkeit hat, was der Idee gemäß ist. Vor dem  reinen Licht dieser göttlichen Idee, die kein bloßes Ideal ist, verschwindet der Schein, als  ob die Welt ein verrücktes, törichtes Geschehen sei. Die Philosophie will den Inhalt, die  Wirklichkeit der göttlichen Idee erkennen und die verschmähte Wirklichkeit rechtfertigen.  Denn die Vernunft ist das Vernehmen des göttlichen Werkes.
 
 Das, was sonst Wirklichkeit heißt, wird von der Philosophie als ein Faules betrachtet, das  wohl scheinen kann, aber nicht an und für sich wirklich ist. Diese Einsicht enthält, man  kann es den Trost nennen gegen die Vorstellung von dem absoluten Unglück, der Verrücktheit dessen, was geschehen ist. Trost ist indessen nur der Ersatz für ein Übel, das nicht  hätte geschehen sollen, und ist im Endlichen zu Hause. Die Philosophie ist also nicht ein  Trost; sie ist mehr, sie versöhnt, sie verklärt das Wirkliche, das unrecht scheint, zu dem    Vernünftigen, zeigt es als solches auf, das in der Idee selbst begründet ist und womit die  Vernunft befriedigt werden soll. Denn in der Vernunft ist das Göttliche. Der Inhalt, der der  Vernunft zugrunde liegt, ist die göttliche Idee und wesentlich der Plan Gottes. Als Weltgeschichte erfaßt ist nicht die Vernunft in dem Willen des Subjekts der Idee gleich, sondern  allein die Wirksamkeit Gottes ist der Idee gleich. Aber in der Vorstellung ist die Vernunft  das Vernehmen der Idee, schon etymologisch das Vernehmen dessen, was ausgesprochen  ist (Logos), - und zwar des Wahren. Die Wahrheit des Wahren - das ist die erschaffene  Welt. Gott spricht; er spricht nur sich selbst aus, und er ist die Macht, sich auszusprechen,  sich vernehmlich zu machen. Und die Wahrheit Gottes, die Abbildung seiner ist es, was in  der Vernunft vernommen wird. So geht die Philosophie dahin, daß, was leer ist, kein Ideal  ist, sondern nur, was wirklich ist, - daß die Idee sich vernehmlich mache.       
- Hegel -
Thema: Die Zeit
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)
Die Nachbarn (1887)
Der Blonde und der Braune waren Nachbarn; jeder von ihnen stand an der Spitze eines gutmütigen Hirtenvolkes. Sie tauschten nach Bedarf die Produkte ihrer Ländereien und blieben einander stets hilfreich in Not und Gefahr. Niemand hätte bestimmen können, welchem von beiden ihr Bündnis mehr Nutzen brachte.
Eines Tages, im Herbst, begab es sich, daß ein heftiger Sturm großen Schaden anrichtete im Wald des Braunen. Viele junge Bäume wurden entwurzelt oder gebrochen., viele alte Bäume verloren mächtige Äste. Der Herr rief seine Knechte; sie sammelten die dürren Reiser und schichteten sie in Bündel.
Aus dem frischen Holze aber wurden Stöcke zugehauen. Im Frühjahr sollten sie verwendet werden zu einem neuen Zaune für den Hühnerhof der braunen Herrin.
Nun wollte der Zufall, daß ein Diener des Blonden die Stöcke in die Scheune bringen sah. Seine Anzahl schien seinen etwas blöden Augen ungeheuer. Von Angst ergriffen lief er heim und sprach zu seinem Gebieter: „Ein Verräter will ich sein, wenn der Nachbar nicht Böses wider uns im Schilde führt.“
Er und andere ängstliche Leute - es waren auch Weise darunter - schürten so lange das Mißtrauen, das sie ihrem Herrn gegen den Freund eingeflößt hatten, bis jener sich entschloß, zu rüsten gegen die vermeintlich Gerüsteten. Eine Scheune voll von Stöcken hatte der Braune; der Blonde wollte drei Scheunen voll von Stöcken haben. Holzknechte wurden in den Wald geschickt. Was lag ihnen an seiner hohen Kultur? Ihnen tat es nicht leid, einen jungen Baum zu fällen, ihm die aufstrebende Krone abzuhauen und die lichtsuchenden Äste und die Zweige mit den atmenden Blättern. Nach kurzer Zeit war der Wald verwüstet, aber der Blonde hatte viele tausend Stöcke. Wie es ihm ergangen war, erging es nun seinem ehemaligen Freunde. Die Klugen und die Törichten, der Verwegenen und die Zaghaften im Lande, alle schrien: „Es ist deine Pflicht, Herr, dafür zu sorgen, daß uns der Tag des Kampfes reich an Stöcken finde!“Und der Braune und der Blonde überboten einander in der Anschaffung von Verteidigungsmitteln und bedachten nicht, daß sie endlich nichts mehr zu verteidigen hatten als Armut und Elend. Weit und breit war kein Baum zu erblicken, die Felder waren unbebaut; nicht Pflug, noch Egge, noch Spaten gab es mehr, alles war in Stöcke verwandelt. Es kam so weit, daß die größte Menge des Volkes zu Gott betete: „Laß den Kampf ausbrechen, laß den Feind über uns kommen; wir würden leichter zugrunde gehen unter seinen Stöcken als unter den Qualen des Hungers.“ -
Der Blonde und der Braune waren alt und müde geworden, und auch sie sehnten sich im stillen nach dem Tode. Ihre Freude am Leben und Herrschen war abgestorben mit dem Glücke ihrer Untertanen. Die beiden Nachbarn stiegen zugleich auf einen Berg, der die Grenze zwischen ihren Besitzungen bildete.Jeder von ihnen dachte: Ich will mein armes, verwüstetes Reich noch einmal überschauen.Sie kletterten mühsam empor, kamen zugleich auf dem Grate des Berges an, standen plötzlich einander gegenüber und taumelten zurück... Aber nur einen Augenblick. Ihre abwehrend ausgestreckten Hände sanken herab und ließen die Stöcke fallen, auf welche sie sich gestützt hatten. Die ein halbes Jahrhundert in Haß verkehrte Liebe trat in ihr altes Recht. Mit schmerzvoller Rührung betrachtete der Freund den Freund aus halb verloschenen Augen. Nicht mehr der Blonde, nicht mehr der Braune! Wie aus einem Munde riefen sie: !Oh, du Weißer!“ und lagen Brust an Brust.
Wer zuerst die Arme ausgebreitet, wußten sie ebensowenig, als sie sich besinnen konnten, wer dereinst die ersten Stöcke aufgestellt wider den anderen. Sie begriffen nicht, wie das Mißtrauen hatte entstehen können, dem alles zum Opfer gefallen war, was ihr Dasein und das der Ihren lebenswert gemacht hatte. Eines nur stand ihnen fest: die niederdrückende Überzeugung, daß nichts auf Erden ihnen ersetzen konnte, was die Furcht vor dem Verlust ihrer Erdengüter ihnen geraubt hatte.:
Text aus: Das Gemeindekind, hg. Von Joh. Klein, München 1956                Hat sich seitdem irgendetwas verändert, fragen wir uns? Stimme aus dem Off: Der Schluss! Klar doch !
So kann die Wichtigkeit der Vergangenheit gar nicht übertrieben werden, denn für mich gilt »Wesen ist, was gewesen ist«, Sein ist gewesen. Aber wir finden hier das vorhin aufgewiesene Paradox wieder: ich könnte mich ohne Vergangenheit nicht verstehen, mehr noch, ich könnte ohne sie nichts mehr von mir denken, denn ich denke
an das, was ich bin und was ich in der Vergangenheit bin; andererseits bin ich aber das Sein, durch das die Vergangenheit zu sich und zur Welt kommt. Wir wollten dieses Paradox genauer prüfen: da die Freiheit Wahl ist, ist sie Veränderung. Sie wird durch das Ziel bestimmt, das sie projektiert, das heißt durch die Zukunft, die sie zu sein hat. Aber gerade weil die Zukunft der-noch-nicht-seiende-Zustand dessen, was ist, ist, kann sie nur in einer Verbindung mit dem, was ist, begriffen werden. Und das, was noch nicht ist, kann nicht von dem ergriffen werden, was ist: denn was ist, ist Mangel, und kann folglich als solcher nur von dem aus erkannt werden, dem er mangelt.
- Jean Paul Sartre, Das Sein und das Nichts -
Der weiße Mann hat keine Zeit
 
Der Papalagi liebt das runde Metall und das schwere Papier, er liebt es, viel Flüssigkeiten von getöteter Frucht und Fleisch von Schwein und Rind und anderen schrecklichen Tieren in seinen Bauch zu tun, er liebt vor allem auch das, was sich nicht greifen lässt und das doch da ist - die Zeit. Er macht viel Wesens und alberne Rederei darum. Obwohl nie mehr davon vorhanden ist als zwischen Sonnenaufgang und -untergang hineingeht, ist es ihm doch nie genug.
 Der Papalagi ist immer unzufrieden mit seiner Zeit, und er klagt den großen Geist dafür an, dass er nicht mehr gegeben hat. Ja, er lästert Gott und seine große Weisheit, indem er jeden neuen Tag nach einem ganz gewissen Plane teilt und zerteilt. Er zerschneidet ihn geradeso, als führe man kreuzweise mit einem Buschmesser durch eine weiche Kokosnuss. Alle Teile haben ihren Namen: Sekunde, Minute, Stunde. Die Sekunde ist kleiner als die Minute, diese kleiner als die Stunde; alle zusammen machen die Stunden, und man muss sechzig Minuten und noch viel mehr Sekunden haben, ehe man so viel hat wie eine Stunde. Das ist eine verschlungene Sache, die ich nie ganz verstanden habe, weil es mich übel anmacht, länger als nötig über solcherlei kindische Sachen nachzusinnen. Doch der Papalagi macht ein großes Wissen daraus. Die Männer, die Frauen und selbst Kinder, die kaum auf den Beinen stehen können, tragen im Lendentuch, an dicke metallene Ketten gebunden und über den Nacken hängend oder mit Lederstreifen ums Handgelenk geschnürt, eine kleine, platte, runde Maschine, von der sie die Zeit ablesen können. Dieses Ablesen ist nicht leicht. Man übt es mit den Kindern, indem man ihnen die Maschine ans Ohr hält, um ihnen Lust zu machen.Solche Maschine, die sich leicht auf zwei flachen Fingern tragen lässt, sieht in ihrem Bauche aus wie die Maschinen im Bauche der großen Schiffe, die ihr ja alle kennt. Es gibt aber auch große und schwere Zeitmaschinen, die stehen im Innern der Hütten oder hängen auf den höchsten Hausgiebeln, damit sie weithin gesehen werden können. Wenn nun ein Teil der Zeit herum ist, zeigen kleine Finger auf der Außenseite der Maschine dies an, zugleich schreit sie auf, ein Geist schlägt gegen das Eisen in ihrem Herzen. Ja, es entsteht ein gewaltiges Tosen und Lärmen in einer europäischen Stadt, wenn ein Teil der Zeit herum ist.Wenn dieses Zeitlärmen ertönt, klagt der Papalagi: Es ist eine schwere Last, dass wieder eine Stunde herum ist. Er*macht zumeist ein trauriges Gesicht dabei, wie ein Mensch, der ein großes Leid zu tragen hat; obwohl gleich eine ganz frische Stunde herbeikommt. Ich sage, dies möchte eine Art Krankheit sein; denn angenommen, der Weiße hat Lust, irgendetwas zu tun, sein Herz verlangt danach, er möchte vielleicht in die Sonne gehen oder auf dem Flusse im Canoe fahren oder sein Mädchenlieb haben, so verdirbt er sich zumeist seine Lust, indem er an dem Gedanken haftet: Mir ward keine Zeit, fröhlich zu sein. Die Zeit wäre da, doch er sieht sie beim besten Willen nicht. Ernennt tausend Dinge, die ihm die Zeit nehmen, hockt sich mürrisch und klagend über eine Arbeit, zu der er keine Lust, an der er keine Freude hat, zu der ihn auch niemand zwingt als er ich selbst. Sieht er dann aber plötzlich, dass er Zeit hat, dass sie doch da ist, oder gibt ihm ein anderer Zeit -  die Papalagi geben sich vielfach gegenseitig Zeit, ja, nichts wird so hochgeschätzt als dieses Tun -, so fehlt ihm wieder die Lust oder er ist müde von der Arbeit ohne Freude. Und regelmäßig will er morgen tun, wozu er heute Zeit hat. Wir müssen den armen, verirrten Papalagi vom Wahn befreien, müssen ihm seine Zeit wiedergeben. Wir miissen ihm seine kleine, runde Zeitmaschine zerschlagen ihm verkünden, dass von Sonnenaufgang bis Untergang viel mehr Zeit da ist, als ein Mensch gebrauchen kann.
- Erich Scheurmann. Der Papalagi. Die Rede des Südseehäuptlings Tulavil aus Tiavea -
 
 
 
 
 
 
Die Welt als Vorstellung also, in welcher Hinsicht allein wir sie hier betrachten, hat zwei wesentliche, nothwendige und untrennbare Hälften. Die eine ist das Objekt: dessen Form ist Raum und Zeit, durch diese die Vielheit. Die andere Hälfte aber, das Subjekt, liegt nicht in Raum und Zeit: denn sie ist ganz und ungetheilt in jedem vorstellenden Wesen; daher ein einziges von diesen, eben so vollständig, als die vorhandenen Millionen, mit dem Objekt die Welt als Vorstellung ergänzt: verschwände aber auch jenes einzige; so wäre die Welt als Vorstellung nicht mehr. Diese Hälften sind daher unzertrennlich, selbst für den Gedanken: denn jede von beiden hat nur durch und für die andere Bedeutung und Daseyn, ist mit ihr da und verschwindet mit ihr. Sie begränzen sich unmittelbar: wo das Objekt anfängt, hört das Subjekt auf. Die Gemeinschaftlichkeit dieser Gränze zeigt sich eben darin, daß die wesentlichen und daher allgemeinen Formen alles Objekts, welche Zeit, Raum und Kausalität sind, auch ohne die Erkenntniß des Objekts selbst, vom Subjekt ausgehend gefunden und vollständig erkannt werden können, d.h. in Kants Sprache, a priori in unserm Bewußtseyn liegen. Dieses entdeckt zu haben, ist ein Hauptverdienst Kants und ein sehr großes.
[Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 43 ff.Philosophie Schülerbibliothek, S. 23227 (vgl. Schopenhauer-ZA Bd. 1, S. 32 ff.)]

Der Rat, den man dem Pyrrhus gab, die Ruhe gleich zu genießen, die er durch soviel Mühsal gewinnen wollte, stieß auf erhebliche Schwierigkeiten.  Einem Menschen. sagen, daß er in Ruhe leben soll, heißt ihm sagen, er  solle glücklich leben, heißt ihm zu einem ganz glücklichen Zustand raten, den er mit Muße betrachten kann, ohne darin einen Anlaß zur Bekümmernis zu finden. Das heißt aber, seine Natur nicht verstehen. Die Menschen, die von Natur ihren Zustand empfinden, vermeiden ja auch nichts so sehr wie die Ruhe. Es gibt nichts, das sie nicht tun, um die Unrast zu suchen.  Nicht als ob sie nicht einen Instinkt hätten, der sie die wahre Seligkeit  erkennen läßt. So tut man unrecht, sie zu tadeln: Ihr Fehler besteht nicht darin, daß sie die Zerstreuung und den Tumult suchen, wenn sie ihn nur als  eine Zerstreuung suchen; aber das Unglück ist, daß sie ihn so suchen, als ob der Besitz der Dinge, die sie aufsuchen, sie wahrhaft glückliche machen  müßte; und insofern hat man recht, wenn man sie Wegen ihres Strebens  nach eitlen Dingen anklagt. So verstehen in alldem sowohl die, welche  tadeln, als auch die, welche getadelt werden, nichts von der wahrhaften  Natur des Menschen.
- Blaise Pascal, Die Langeweile -
  
April - Mai  2021

Wer von Zynismus redet, erinnert an Grenzen der Aufklärung. (...)
Nicht erst in der Moderne bekommt es die Aufklärung mit einem gegnerischen Bewußtsein zu tun, das sich zunehmend in aufklärungsfesten Stellungen verschanzt.
- Peter Sloterdijk -


  Der Aufklärungsvorgang hat demnach zwei Seiten: den  Beitritt zur besseren Position und den Abschied von der Vormeinung. Eine Ambivalenz der Gefühle ist hiermit  gegeben: ein Gewinn und ein Schmerz. Die Utopie des  liebevollen kritischen Dialogs sieht diese Schwierigkeit  voraus. Der Schmerz wird erträglich im Bewußtsein, daß  er kollegial und freiwillig hingenommen werden kann als Preis der Gemeinsamkeit. Der  "Verlierer" darf sich als den eigentlichen Gewinner sehen. So ist das aufklärerische Gespräch im Wesen nichts anderes als ein Arbeitsringen der Meinungen und ein forschender Dialog zwischen Personen, die sich unter eine Friedensregel a priori  stellen, weil sie nur als Gewinner, als Erkenntnis- und  Solidaritätsgewinner aus der Begegnung hervorgehen  können. Darum wird die Trennung von der Vormeinung  als verwindbar unterstellt.
Ein akademisches Idyll, wie gesagt; zugleich die regulative Idee jeder Aufklärung, die den Blick auf Versöhnung nicht aufgeben will. Daß die Wirklichkeit anders  aussieht, wird niemanden überraschen. In den Konfrontationen der Aufklärung mit vorausgehenden Bewußtseinspositionen geht es um alles andere als Wahrheit:  um Vormachtstellungen, Klasseninteressen, Schulpositionen, Wunschsetzungen, Leidenschaften und um die  Verteidigung von "Identitäten". Diese Vorgaben überformen das aufklärerische Gespräch so stark, daß es angemessener wäre, von einem Bewußtseinskrieg als von  einem Friedensdialog zu sprechen. Die Gegner stehen sich nicht unter einem im voraus vereinbarten Friedensvertrag gegenüberbn - eher in der Haltung von Verdrängungs- und Vernichtungskorıkurrenz; und sie sind nicht  frei im Verhältnis zu den Mächten, die ihr Bewußtsein so und nicht anders reden lassen.
- Sloterdijk -

In unserer hektischen Zeit atmen die meisten Menschen entschieden zu flach, d.h. anstatt beide Lungenflügel angemessen zu füllen, beatmen viele nur die oberen Lungenspitzen. Eine solche Fehlatmung führt jedoch zu vermehrter Anspannung, zu Übererregbarkeit, letztlich forciert sie Gefühle von Angst. Neurologen haben beobachtet, daß während des Lachvorgangs die Atmung wesentlich harmonischer bzw. intensiver abläuft: Die Einatmung wird vertieft und verlängert, beim Ausatmen kommt es zu der wichtigen völligen Luftentleerung. Der Gasaustausch wird so gegenüber dem Ruhezustand fast um das Vierfache gesteigert. Lachen ist somit eine gesunde gymnastische Übung, die den Übenden Befreiung verschafft. In Lachtherapien wird auf diese Weise regelrechtes Atemtraining betrieben: Die Patienten erlernen eine Form der gesunden Bauchatmung, die das Zwerchfell einbezieht. Das Zwerchfell ist der Muskel, der beim unbeschwerten Lachen aktiviert wird. Gesundes Atmen heißt besseres, intensiveres Leben!
 
Menschen, die unter Minderwertigkeitskomplexen leiden, berät man, ganz bewußt Situationen aufzusuchen bzw. sogar herbeizuführen, in denen spontan herzhaft gelacht werden kann. Anstatt in negativen Gefühlen bzw. Eigenprogrammierungen zu verharren, werden die Betroffenen trainiert, selbst Lachanlässe zu schaffen. Gelingt es ihnen, in einer ansonsten eher angstauslösenden Situation einen Gag oder gelungenen Scherz zu machen, werden Gedanken von Enge und Bedrohung durch das befreiende Lachen (bei den Betroffenen sowie bei Beobachtern) in Gefühle von Zuversicht und Stärke umgewandelt. So fordern zum Beispiel Therapeuten ihre Klienten auf, Mut zu Unerwartetem zu haben, sich zu komischen Aktionen zu überwinden. Eine Übung besteht darin, daß von Komplexen Geplagte in der überfüllten U-Bahn freundlich lächelnd zur Fahrkartenkontrolle schreiten. Für gewöhnlich sind solche Aktivitäten mit Scham besetzt. In der Überwindung der Schamgefühle sehen Behandler aber die Möglichkeit, frühen Kränkungen, die in vielen Fällen bereits in der Kindheit stattfanden, etwas von der zerstörerischen Kraft (starke Selbstzweifel) zu nehmen: Die Patienten werden auf lachendem Wege zufriedener und somit gesünder!
- Autor: unbekannt -
“Auf Diensten wie Instagram, Snapchat oder Tiktok kann sich jeder seine eigenen Bilderbuchwelten bauen, seine idiographischen Traumvorstellungen reibungslos und in Sekundenschnelle generieren. Diese Darbietungen sind zwar explizit zum Sharen gedacht, flitzen anschließend aber durch die digitalen Räume und können nie wieder zurückgeholt werden. Antastbar und diskutabel sind sie nur noch durch kurze Kommentarfunktionen, ein paar bunte Emojis. Geliked durch den erhobenen Daumen, gehatet durch den Shitstorm. Verhandelt während Begegnungen von Mensch zu Mensch werden Statements dieser Art so gut wie nicht mehr."
- Diana Kinnert, Die neue Einsamkeit -
Um zu überleben, muß man in die Schule der Realität  gehen. Gewiß. Die Sprache derer, die es gut meinen, nennt es Erwachsenwerden, und es ist etwas Wahres daran. Nur ist das nicht alles. Stets ein wenig unruhig und  reizbar blickt das mitmachende Bewußtsein nach verlorenen. Naivitäten sich um, in die es kein Zurück mehr gibt, weil Bewußtmachungen irreversibel. sind.
Gottfried Benn, selber einer der profilierten Sprecher  der modernen zynischen Struktur, hat wohl die Jahrhundert-formulierung des Zynismus gegeben - luzide  und unverschämt: ›› Dumm sein und Arbeit haben, das ist  das Glück.<< Die Umkehrung des Satzes zeigt erst seinen vollen Inhalt: Intelligent sein und dennoch seine Arbeit verrichten - das ist unglückliches Bewußtsein in der modernisierten, aufklärungskranken Form. ››Dumm<< und  arglos kann es nicht wieder werden, und Unschuld ist nicht wiederherzustellen. Es verharrt im Glauben an die Schwerkraft der Verhältnisse, an die sein Selbsterhaltungstrieb es bindet. Wenn schon, denn schon. Bei zweitausend Mark netto im Monat beginnt leise die Gegenaufklärung; sie setzt darauf, daß jeder, der etwas zu verlieren hat, mit seinem unglücklichen Bewußtsein privat zurechtkommt oder es mit ››Engagements«  überbaut. -  
Der neue Zynismus macht sich, eben weil er als Privatverfassung gelebt wird, die die Weltlage absorbiert, nicht  mehr in der Weise grell bemerkbar, die seinem Begriff entspräche. Er umgibt sich mit Diskretion --»wie wir gleich sehen werden* ein Schlüsselwort der charmant  vermittelten Entfremdurıg. Die von sich selbst Wissende Anpassung, die bessere Einsicht den ››Zwängen<< geopfert hat, sieht keine Veranlassung mehr, sich offensiv und  spektakulär zu entblößen. Es gibt eine Nacktheit, die nicht mehr entlarvend wirkt und bei der keine »nackte Tatsache« zum Vorschein kommt, auf deren Boden man sich mit heiterem Realismus stellen könnte. Das neuzy- nische Arrangement mit dem Gegebenen hat etwas Klägliches, nichts souverän Nacktes mehr. Darum ist es auch methodisch nicht ganz leicht, den diffusen, profilschwa chen Zynismus zum Sprechen zu bringen (...). Die großen offensiven Paraden zynischer  Frechheit sind selten geworden; Verstimmungen sind an  ihre Stelle getreten, und zum Sarkasmus fehlt die Energie. Gehlen meinte sogar, daß heute nicht einmal mehr die Engländer bissig sein können, Weil die Vorräte an Unzufriedenheit aufgezehrt seien und das Rechnen mit  den Beständen begonnen habe. Die Verdrossenheit, die nach den Offensiven kommt, macht den Mund nicht mehr so weit auf, daß die Aufklärung dadurch gewinnen  könnte.
- Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft -     
 Was ist also Schwermut? Sie ist die Hysterie des Geistes. Es kommt im Leben des Menschen ein Augenblick, da die Unmittelbarkeit gleichsam reif  geworden ist und da der Geist eine höhere Form fordert, da er sich selbst als Geist ergreifen will. Als unmittelbarer Geist hängt der Mensch mit dem  ganzen irdischen Leben zusammen, und nun will der Geist gleichsam aus dieser Zerstreutheit heraus sich sammeln und sich in sich selbst erklären;  die Persönlichkeit will sich ihrer selbst in ihrer ewigen Gültigkeit bewußt  werden. Geschieht dies nicht, wird die Bewegung unterbrochen, wird sie  zurückgedrückt, so tritt Schwermut ein. Man kann vieles tun, um sie in  Vergessenheit zu bringen, man kann arbeiten, man kann zu harmloseren  Mitteln greifen als ein Nero, die Schwermut bleibt. Es liegt etwas Unerklärliches in der Schwermut. Wer Trauer oder Kummer hat, der weiß, warum  er traurig oder bekümmert ist. Fragt man einen Schwermütigen, was der Grund seiner Schwermut sei, was denn so schwer auf ihm laste, so wird er  antworten: das weiß ich nicht, ich kann es nicht erklären. Darin liegt die  Unendlichkeit der Schwermut. Diese Antwort ist völlig richtig; denn sobald  er es weiß, ist die Schwermut behoben, wohingegen beidem Traurigen die Trauer durchaus nicht damit behoben ist, daß er weiß, warum er traurig ist.  Schwermut aber ist Sünde [. . .] denn es ist die Sünde, nicht tief und innerlich zu wollen, und dies ist eine Mutter aller Sünden. Diese Krankheit, oder  vielmehr diese Sünde ist überaus verbreitet in unserer Zeit, und zwar ist sie etwa diejenige, unter der das ganze junge Deutschland und Frankreich seufzt.
- Kierkegaard -      
Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom 3.0:
Wir alle machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Jeder für sich. Jeder allein für sich. Jeder in seiner eigenen kleinen Raumkapsel.  - Diana Kinnert, Die neue Einsamkeit -   
Februar - März 2021
Nun wollen wir auch den kleinen Gewinn des heutigen Tages miteinander teilen: bei unserm Stoiker Hekaton las ich den Satz, das Aufhören der Leidenschaften sei auch ein Mittel gegen die Furcht.
 
››Du fürchtest nicht mehr«, sagt er dort, »wenn du nicht mehr hoffst.«
 
Du wirst mir entgegnen:  »Was haben so grundverschiedene Dinge miteinander zu tun?« Mein lieber Lucilius, und doch ist es so! Sie scheinen verschieden zu sein, gehören aber  eng zusammen. Wie eine Kette den Sträfling und seinen Wächter verbindet,  so halten auch diese an sich verschiedenen Seelenregungen gleichen Schritt:  Begleiter der Hoffnung ist die Furcht; kein Wunder: beides läßt uns hangen und bangen, beides beunruhigt durch den Blick in die Zukunft. Die Hauptursache dafür ist, daß wir uns nicht in die Gegenwart schicken wollen,  sondern die Gedanken in die Ferne schweifen lassen. So hat sich die Gabe  der ››Vorsicht« - der Hauptvorzug der Menschennatur - in ein Übel verwandelt; wilde Tiere fliehen vor der sichtbaren Gefahr, dann fühlen sie sich sicher. Wir dagegen quälen uns ab mit Zukunft und Vergangenheit. Viele  unserer Vorzüge schaden uns nur: Die Erinnerungsgabe vergegenwärtigt uns die Qualen der Furcht noch einmal, die Gabe des Voraussehens bereitet sie uns schon vorher. Kein Mensch leidet nur an der Gegenwart.   - Seneca -   
 
 
 
 
Ausgearbeitete Philosophie ist zwar an die Wissenschaften gebunden. Sie  setzt die Wissenschaften in dem fortgeschrittenen Zustand voraus, den sie  in dem jeweiligen Zeitalter erreicht haben. Aber der Sinn der Philosophie  hat einen anderen Ursprung. Vor aller Wissenschaft tritt sie auf, wo Menschen wach werden.
Diese Philosophie ohne Wissenschaft vergegenwärtigen wir an einigen  merkwürdigen Erscheinungen:

Erstens: In philosophischen Dingen hält sich fast jeder für urteilsfähig..  Während man anerkennt, daß in den Wissenschaften Lernen, Schulung,  Methode, Bedingungen des Verständnisses sei, erhebt man in bezug auf die  Philosophie den Anspruch, ohne weiteres dabei zu sein und mitreden zu  können. Das eigene Menschsein, das eigene Schicksal und die, eigene Erfahrung gelten als genügende Voraussetzung. Die Forderung der Zugänglichkeit der Philosophie für jedermann muß anerkannt werden. Die umständlichsten Wege der Philosophie, die die  Fachleute der Philosophie gehen, haben doch ihren Sinn nur, wenn sie  münden in das Menschsein, das dadurch bestimmt ist, wie es des Seins und seiner “selbst darin gewiß wird.

Zweitens: Das philosophische Denken muß jederzeit ursprünglich sein.  Jeder Mensch muß es selber vollziehen.  Ein wunderbares Zeichen dafür, daß der Mensch als solcher ursprünglich  philosophiert, sind die Fragen der Kinder. Gar nicht selten hört man aus  Kindermund, was dem Sinne nach unmittelbar in die Tiefe des Philosophierens geht. Ich erzähle Beispiele:  Ein Kind. wundert sich: »Ich versuche immer zu denken, ich sei ein anderer und bin doch immer wieder ich.« Dieser Knabe rührt an einen Ursprung  aller Gewißheit, das Seinsbewußtsein im Selbstbewußtsein. Er staunt vor  dem Rätsel des Ichseins, diesem aus keinem anderen zu Begreifenden. Er  steht fragend vor dieser Grenze. Ein anderes Kind hört die Schöpfungsgeschichte: Am Anfang schuf Gott  Himmel und Erde. . ., und fragt alsbald: »Was war denn vor dem Anfang?«  Dieser Knabe erfuhr die Endlosigkeit des Weiterfragens, das Nichthaltmachenkönnen des Verstandes, daß für ihn keine abschließende Antwort möglich ist.  Ein anderes Kind läßt sich bei einem Spaziergang angesichts einer Waldwiese Märchen erzählen von den Elfen, die dort nächtlich ihre Reigen  aufführen. . . »Aber die gibt es doch gar nicht. . .« Man erzählt ihm nun von  Realitäten, beobachtet die Bewegung der Sonne, erklärt die Frage, ob sich  die Sonne bewege oder die Erde sich drehe und bringt die Gründe, die für  die Kugelgestalt der Erde und ihre Bewegung um sich selbst sprechen. . .  ››Ach, das ist ja gar nicht wahr«, sagt das Mädchen und stampft mit dem  Fuß auf den Boden, -››die Erde steht doch fest Ich glaube doch nur, was ich  sehe.« Darauf: ››Dann glaubst du nicht an den lieben Gott, den kannst du  doch auch nicht sehen.« - Das Mädchen stutzt und sagt dann sehr entschieden: »Wenn er nicht wäre, dann wären wir doch gar nicht da.« Dieses Kind  wurde ergriffen von dem Erstaunen des Daseins: es ist nicht durch sich selbst. Und es begriff den Unterschied des Fragens: ob es auf einen Gegenstand in der Welt geht oder auf das Sein und unser Dasein im Ganzen. [. . .]

Drittens: Ursprüngliches Philosophieren zeigt sich wie bei Kindern so bei  Geisteskranken. Es ist zuweilen - selten -, als ob die Fesseln der allgemeinen Verschleierungen sich lösten und ergreifende Wahrheit spräche. Im  Beginn mancher Geisteskrankheiten erfolgen metaphysische Offenbarungen erschütternder Art, die zwar durchweg in Form und Sprache nicht von dem Range sind, daß ihre Kundgabe eine objektive Bedeutung gewönne, außer in Fällen wie dem Dichter Hölderlin oder dem Maler van Gogh. Aber wer dabei ist, kann sich dem Eindruck nicht entziehen, daß hier eine Decke  reißt, unter der wir gemeinhin unser Leben führen. Manchem Gesunden ist  auch bekannt die Erfahrung unheimlich tiefer Bedeutungen im Erwachen  aus dem Schlafe, die sich bei vollem Wachsein wieder verlieren und nur  fühlbar machen, daß wir nun nicht mehr hindurchdringen. Es ist ein tiefer  Sinn in dem Satz: Kinder und Narren sagen die Wahrheit. Aber die schaffende Ursprüngliehkeit, der wir die großen philosophischen Gedanken schulden, liegt doch nicht hier, sondern bei Einzelnen, die in ihrer Unbefangenheit und Unabhängigkeit als wenige große Geister in den Jahrtausenden aufgetreten sind.

Viertens: Da die Philosophie für den Menschen unumgänglich ist, ist sie  jederzeit da in einer Öffentlichkeit, in überlieferten Sprichwörtern, in  geläufigen philosophischen Redewendungen, in herrschenden Überzeugungen, wie etwa in der Sprache der Aufgeklärtheit, der politischensfilaubeniis-  anschauungen, vor allem aber vom Beginn der Geschichte an in Mythen.  Der Philosophie ist nicht zu entrinnen. Es fragt sich nur, ob sie bewußt wird oder nicht, ob sie gut oder schlecht, verworren oder klar wird. Wer die  Philosophie ablehnt, vollzieht selber eine Philosophie, ohne sich dessen  bewußt zu sein.   
Was ist nun Philosophie, die so universell und in so sonderbaren Gestalten sich kundgibt? ...........................
- Karl Jaspers, Einführung in die Philosophie. München: Piper.1966 -

 
Allerdings hat bei den meisten Menschen die Begegnung mit der Philosophie nur einen flüchtigen Charakter; es ist gleichsam ein »Wetterleuchten«,  ein Aufblitzen einer verdeckten und zumeist verdrängten Grundmöglichkeit unserer Existenz. Der Wirbel der Geschäfte, der Interessen und Leidenschaften, der alltägliche Umtrieb, die Sorgen, Nöte, die Freuden und  Vergnügungen nehmen uns gefangen und lassen keinen Raum für eine  nachdenkliche Besinnung, die in die Tiefe geht, die sich ››zu Grunde richtet«. Weil aber das Philosophieren eine wesentliche Möglichkeit des Menschen ist, ist sie jedem Menschen von innen bekannt, und sei es nur in einer  dunklen Ahnung. Niemand braucht an das Philosophieren sozusagen von  außen herangeführt zu werden, etwa wie man in den Einzelwissenschaften  gelegentlich an bisher uns völlig unbekannte Gegenstände herangeführt  Wird. Die Philosophie ist schon in uns, wenn sie auch meist >>schläft<<. Aber  sie kann geweckt werden. Das bestimmt die Eigenart jeder philosophischen  Belehrung: sie ist primär immer Erweckung - nicht ein Mitteilen von Lehr-  Sätzen und Wissensinhalten, von Forschungsergebnissen, von Methoden  und Techniken, sie ist mitmenschliches Gespräch, gemeinsames Fragen,  Sinnen und Deuten, sie hat ihre wahrhafte Wirklichkeit in der Kommunikation.
- Eugen Fink , Grundprobleme des menschlichen Daseins. Freiburg: Karl Alber 1979 -
 
JANUAR 2021
                               
Text aus:
Michael Patton, Kevin Cannon: Cartoon Introduction to Philosophy
Hegels Verständnis von der Entwicklung des Geistes am Beispiel des Handwerkers, der einen guten Stuhl hervorbringt.
Download Hegel's Philosophy of Mind Download Hegels Phänomenolgie des Geistes


NOVEMBER 20
Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere  Sinne rühren und teils von selbst Vorstellungen bewirken, teils unsere Verstandestätigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu verknüpfen oder zu trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer  Erkenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heißt? Der Zeit nach geht also keine Erkenntnis in uns vor der Erfahrung vorher, und mit  dieser fängt alle an. Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn es könnte  wohl sein, daß selbst unsere Erfahrungserkenntnis ein Zusammengesetztes  aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangen, und dem, was unser  eigenes Erkenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke bloß veranlaßt) aus  sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von jenem Grundstoffe nicht eher  unterscheiden, als bis lange Übung uns darauf aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat.  Es ist also wenigstens eine der näheren Untersuchung noch benötigte und  nicht auf den ersten Anschein sogleich abzufertigende Frage: ob es ein dergleichen von der Erfahrung und selbst von allen Eindrücken der Sinne unabhängiges Erkenntnis gebe. Man nennt solche Erkenntnisse a priori, und unterscheidet sie von den empirischen, die ihre Quellen a posteriori, nämlich in  der Erfahrung, haben.  [ . .  ]  Lasset von eurem Erfahrungsbegriffe eines Körpers alles, was daran empirisch ist, nach und nach weg: die Farbe, die Härte oder Weiche, die Schwere,  selbst die Undurchdringlichkeit, so bleibt doh der Raum übrig, den er (welcher nun ganz verschwunden ist) einnahm, und den könnt ihr nicht weglassen. Eben so, wenn ihr von eurem empirischen Begriffe eines jeden, körperlichen oder nicht körperlichen, Objekts alle Eigenschaften weglaßt, die euch  die Erfahrung lehrt: so könnt ihr ihm doch nicht diejenige nehmen, dadurch ihr es als Substanz oder einer Substanz anhängend denkt (obgleich dieser  Begriff mehr Bestimmung enthält, als der eines Objekts überhaupt). lhr müßt  also, überführt durch die Notwendigkeit, womit sich dieser Begriff euch aufdringt, gestehen, daß er in eurem Erkenntnisvermögen a priori seinen Sitz habe.
- Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft -     
 
 
OKTOBER  20
Liebe zum Leben und Liebe zum Geschlecht sind die stärksten Antriebe der Natur.
- Immanuel Kant -

Wenn sich aber das also verhält, daß nichts anderes das sich selbst Bewegende ist als die Seele, so muß die Seele notwendig sowohl ungeworden als unsterblich sein. Von ihrer Unsterblichkeit nun genug!
Von ihrer Idee aber ist das zu sagen, wie sie beschaffen, allerdings Gegenstand einer durchaus göttlichen und langwierigen, womit sie aber zu vergleichen, Gegenstand einer menschlichen und kürzeren Erörterung sei. In dieser Weise wollen wir nun sprechen:
So gleiche sie denn der zusammengewachsenen Kraft eines gefiederten Gespanns und eines Wagenlenkers. Der Götter Rosse und Wagenlenker nun sind alle sowohl selbst gut als von guter Abkunft; die Art der anderen aber ist gemischt. Und zwar was uns betrifft, so lenkt der Führer erstens ein Doppelgespann; sodann ist ihm das eine der Rosse sowohl selbst edel und gut als von solcher Abkunft, das andere aber sowohl von gegenteiliger Abkunft als selbst das Gegenteil. Schwierig und unbeholfen ist da notwendig die Wagenlenkung bei uns. Woher nun ferner für eine Lebensform die Benennung sterblich und unsterblich komme, muß man zu sagen versuchen.
Text aus: Platon, Phaidros
                         Herbert James Draper, 1863-1920, Odysseus und die Sirenen
Nun wollen wir aber die Ursache von dem Verlust des Gefieders, durch die es einer Seele entfalle, ins Auge fassen. Sie ist aber folgende:
   
Des Gefieders Kraft ist, das Schwere nach oben zu führen, es emporhebend dahin, wo das Geschlecht der Götter wohnt. Von allem Körperlichen hat es  am meisten teil an dem Göttlichen. Das Göttliche aber ist das Schöne, das Weise, das Gute und was sonst derartig ist. Von diesen nun nährt und kräftigt sich der Seele Gefieder am meisten; vom Häßlichen aber und Bösen und was sonst von jenem das Gegenteil ist, schwindet es und vergeht. Der große Herrscher im Himmel nun, Zeus, zieht den geflügelten Wagen treibend als erster aus, anordnend alles und besorgend; ihm aber folgt ein Heer von Göttern und Dämonen, in elf Scharen geordnet.

(...) Da gibt es nun viele und selige Schauspiele und Bewegungen innerhalb des Himmels, die der beglückten Götter Geschlecht ausführt, indem jeder das Seine verrichtet. Es folgt aber, wer jedesmal will und kann; denn der Neid steht draußen vor dem göttlichen Reigen. Wenn sie aber nun zum Schmaus und Gelage gehen, haben sie gegen die höchste unterhimmlische Wölbung schon einen steilrechten Weg. Da fahren nun zwar die Götterwagen, wohlgezügelt das Gleichgewicht haltend, leicht hin, die anderen aber mühsam. Denn das mit Schlechtigkeit behaftete Roß, wenn es von einem der Wagenlenker nicht  gut genährt worden ist, beugt sich und drückt schwerfällig zur Erde hinab. Da ist nun wahrlich einer Seele die äußerste Mühe und Anstrengung bereitet. Nämlich diejenigen Seelen zwar, welche unsterbliche genannt werden, gehen, wenn sie oben sind, hinaus und stehen nun auf dem Rücken des Himmels; hier stehend aber führt sie der Umschwung herum; sie aber schauen, was außerhalb des Himmels ist. Den überhimmlischen Ort aber hat noch nie einer der Dichter hienieden besungen, noch wird ihn je einer nach Würdigkeit besingen. Es verhält sich  aber also damit:

Denn wagen wenigstens muß man, das Wahre zu sagen, zumal wer von der Wahrheit spricht. Das farblose und gestaltlose und unberührbare wesenhaft seiende Wesen nämlich ist nur für den Lenker der Seele, den Geist, schaubar, jenes  Wesen, in Beziehung auf das die Gattung der wahren Wissenschaft diesen Ort inne hat. Und nun, da ja das Geistesleben eines Gottes und einer jeden Seele, welche das ihr Angemessene aufzunehmen bestrebt ist, von Geist und lauterer Wissenschaft sich nährt, wird sie nach verflossener Zeit das Seiende zu sehen froh, und das Wahre schauend wird sie genährt und ergötzt, bis sie der Umschwung im Kreislauf wieder an den vorigen Ort herumführt. Auf diesem Umzug aber erblickt sie die Gerechtigkeit selbst, erblickt die Besonnenheit, erblickt die  Wissenschaft, nicht die, der ein Werden zukommt, nicht die, die immer eine andere ist, je nachdem sie an einem anderen der Gegenstände haftet, die wir jetzt seiende nennen, - sondern die andern, was das wesenhafte Sein ist, haftende Wissenschaft; und nachdem sie das übrige ebenso wesenhaft Seiende geschaut und gekostet hat, sinkt sie wieder in das Innere des Himmels und kommt nach Hause zurück. (...)

Was aber die anderen Seelen betrifft, so erheben einige, die ihrem Gott am rüstigsten folgten und gleich kommen, ihres Wagenlenkers Haupt hinaus in den äußeren Raum und werden durch den Um- schwung mit herumgeführt, obgleich von den Rossen verwirrt und mühsam das Seiende erblickend: andere aber erheben sich bald, bald sinken sie unter, und bei dem Ungestüm der Rosse sehen sie zwar einiges, anderes aber nicht. Die übrigen aber, nach dem Oberen strebend, folgen zwar alle; indessen, da ihnen die Kraft fehlt, werden sie in die Tiefe untersinkend zusammen umgetrieben, einander tretend und drängend, indem eine der anderen voranzusein sich bemüht. Da gibt es nun Verwirrung und Wetteifer und Kampfschweiß im höchsten Maß, wobei dann durch Schlechtigkeit der Wagenlenker viele gelähmt werden, viele viel Gefieder einbüßen, alle aber, nachdem sie viele Mühsal gehabt, als Ungeweihte, die nicht zum Schauen des Seienden gelangt sind, zurückkommen und zurückgekommen im Gebiet der Meinung ihre Nahrung finden.  
[Platon: Phaidros, S. 44 ff.Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 1908 (vgl. Platon-SW Bd. 2, S. 435 ff.)]
Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Keine  biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung  legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der  Gesellschaft einnimmt. Die gesamte Zivilisation bringt  dieses als weiblich qualifizierte Zwischenprodukt zwischen dem Mann und dem Kastraten hervor. Nur die Vermittlung anderer kann ein Individuum zum anderen machen.  Es gibt einen biologischen Unterschied.  Doch sind die  genannten Konstanten nicht schicksalsbestimmend:  Der Phallus bekommt einen so großen Wert, weil er  eine Souveränität symbolisiert, die sich auf anderen  Gebieten verwirklicht. Gelänge es der Frau, sich als  Subjekt zu behaupten, würde sie Äquivalente zum  Phallus erfinden: Die Puppe, in der sich die Verheißung  des Kindes verkörpert, kann ein kostbarerer Besitz  werden als der Penis. Es gibt matrilineare Gesellschaften, in denen die Frauen die Masken verwahren, in  denen die Gemeinschaft sich entfremdet: So verliert  der Penis viel von seiner Herrlichkeit. Nur innerhalb der in ihrer Totalität erfassten Situation begründet das  anatomische Privileg ein menschliches. Die Psychoanalyse kann ihre Wahrheit nur im historischen Kontext  finden. Ebenso wenig wie es ausreicht, von der Frau zu  sagen, sie sei ein Weibchen, kann man sie durch das  Bewusstsein definieren, das sie von ihrer Weiblichkeit  verlangt: Sie erlangt es innerhalb der Gesellschaft,  deren Mitglied sie ist. [...]        
 
Wenn das kleine Mädchen auf die Bäume klettert, will  das Kind ihm [Alfred Adler, einem Schüler Freuds] zufolge es den lungen gleichtun: Er kann sich nicht vorstellen, dass das Klettern dem Mädchen Spaß macht.  [...] Besonders bei den Psychoanalytikern wird der  Mann als Mensch und die Frau als Weibchen deñniert:  Jedes Mal, wenn sie sich als Mensch verhält, heißt es, sie imitiere den Mann. Der Psychoanalytiker beschreibt  das kleine Mädchen und die Jugendliche als zwischen  der ldentifikation mit dem Vater und der Mutter, zwi-  schen „viriloiden“ und „femininen“ Neigungen schwankend, während ich sie zwischen der Rolle des Objekts, des anderen, die ihr angetragen wird, und dem  Anspruch auf ihre Freiheit zögern sehe. So kann es vorkommen, dass unsere Ansichten bei einer Reihe von  Fakten übereinstimmen, insbesondere bei der Betrachtung der unauthentischen Fluchtwege, die sich den Frauen bieten. Aber ich messe ihnen eine ganz andere  Bedeutung bei als die Freudianer oder Adlerianer. Für  mich ist die Frau ein Mensch auf der Suche nach Werten in einer Welt von Werten, einer Welt, deren ökonomische und soziale Struktur man unbedingt kennen  muss. Die Frau soll hier aus einer existenziellen Perspektive unter Berücksichtigung ihrer Gesamtsituation erforscht werden.  
- Simone de Beauvoir -
     
 
 
A P R I L   20
Ernst Bloch
Das Prinzip Hoffnung (1959)
Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns? Viele fühlen sich nur als verwirrt. Der Boden wankt, sie wissen nicht warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst, wird er bestimmter, so ist er Furcht.[...] Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern. Hoffen, über dem Fürchten gelegen, ist weder passiv wie dieses, noch gar in ein Nichts gesperrt. Der Affekt des Hoffens geht aus sich heraus, macht die Menschen weit, statt sie zu verengen, kann gar nicht genug von dem wissen, was sie inwendig gezielt macht, was ihnen auswendig verbündet sein mag. Die Arbeit dieses Affekts verlangt Menschen, die sich ins Werdende tätig hineinwerfen, zu dem sie selber gehören. [...]Primär lebt jeder Mensch, indem er strebt, zukünftig, Vergangenes kommt erst später, und echte Gegenwart ist fast überhaupt noch nicht da.
Heiner Müller (1929 1995): Die Hamletmaschine (1977)
Hamletdarsteller. Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr.
Meine Worte haben mir nichts mehr zu sagen. […]
Ich gehe nach Hause und schlage die Zeit tot, einig /Mit mei-
nem ungeteilten Selbst.
Fernsehn Der tägliche Ekel Ekel
Am präparierten Geschwätz Am verordneten Frohsinn
Wie schreibt man Gemütlichkeit
Unsern Täglichen Mord gib uns heute
Denn Dein ist das Nichts Ekel.
An den Lügen die geglaubt werden
von den Lügnern und niemandem sonst Ekel
An den Lügen die geglaubt werden Ekel
An den Visagen der Macher gekerbt
Vom Kampf um die Posten Stimmen Bankkonten
Ekel Ein Sichelwagen der von Pointen blitzt
Geh ich durch Straßen Kaufhallen Gesichter
Mit den Narben der Konsumschlacht Armut
M Ä R Z   2020


Der Mensch ist Freiheit
Wenn wiederum Gott nicht existiert, so finden wir uns keinen Werten, keinen  Geboten gegenüber, die unser Betragen rechtfertigen. So haben wir weder hinter uns noch vor uns, im Lichtreich der Werte, Rechtfertigungen oder Entschuldigungen. Das ist es, was ich durch die Worte ausdrücken will: Der  Mensch ist verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, anderweit aber dennoch frei, da er, einmal in die Welt geworfen, für alles  verantwortlich ist, was er tut. Der Existentialist glaubt nicht an die Macht der Leidenschaft. Er wird nie denken, daß eine schöne Leidenschaft ein verwüstender Wildbach ist, der den Menschen unvermeidlich zu gewissen Taten führt und der deshalb eine Entschuldigung ist. Er denkt, der Mensch sei für seine Leidenschaft verantwortlich. Der Existentialíst wird auch nie denken,  daß der Mensch auf Erden Hilfe finden könne in einem gegebenen Zeichen, das ihm seine Richtung wiese.

Der Mensch erfindet den Menschen
Denn er denkt, daß der Mensch das Zeichen entziffern wird, wie es ihm gefällt. Er denkt also, daß der_Mensch ohne irgendeine Stütze und ohne irgendeine Hilfe in jedem Augenblick verurteilt ist, den Menschen zu erfinden.«

aus: Sartres Schrift: »Ist der Existentialismus ein Humanismus?« (abgedruckt in: J. P. Sartre: Drei Essays - Ist der Existentíalísmus ein  Humanismus?; Ullstein-Buch Nr. 304, neue, durchgesehene  Ausgabe, Frankfurt/Main 1968, S. 16,-17).        
 
Dezember 2019

......
All dies hat sich entscheidend geändert. Die moderne Technik hat Handlungen von so neuer Größenordnung, mit so neuartigen Objekten und so  neuartigen Folgen eingeführt, dass der Rahmen früherer Ethik sie nicht  mehr fassen kann.

[...]  Gewiss, die alten Vorschriften der „Nächsten“-Ethik - die Vorschriften der  Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Ehrlichkeit usw. --gelten immer noch, in  ihrer intimen Unmittelbarkeit, für die nächste, tägliche Sphäre menschlicher Wechselwirkung; Aber diese Sphäre ist überschattet von einem  wachsenden Bereich kollektiven Tuns, in dem Täter, Tat und Wirkung nicht  mehr dieselben sind wie in der Nahsphäre und der durch die Enormität  seiner Kräfte der Ethik eine neue, nie zuvor erträumte Dimension der Verantwortung aufzwingt. [...]  Die Einhegung der Nähe und Gleichzeitigkeit ist dahin, fortgeschwemmt  von der räumlichen Ausbreitung und Zeitlänge der Kausalreihen, welche  die technische Praxis, auch wenn für Nahzwecke unternommen, in Gang  setzt. Ihre Unumkehrbarkeit, im Verein mit ihrer zusammengefassten  Größenordnung, führt einen weiteren neuartigen Faktor in die moralische Gleichung ein. Dazu ihr kumulativer Charakter: Ihre Wirkungen addieren  sich, so dass die Lage für späteres Handeln und Sein nicht mehr dieselbe ist wie für den anfänglich Handelnden, sondern zunehmend davon verschieden und immer mehr ein Ergebnis dessen, was schon getan ward. Alle  herkömmliche Ethik rechnete nur mit nicht-kumulativem Verhalten.. Die Grundsituation von Mensch zu Mensch, in der Tugend sich erproben und Laster sich entblößen muss, bleibt stets dieselbe und mit ihr fangt jede Tat von Neuem an. Die wiederkehrenden Gelegenheiten, die je nach ihrer Klasse ihre Alternativen des Handelns stellen - Mut oder Feigheit, Maß oder Exzess, Wahrheit oder Lüge usw. - stellen jedes Mal die Urbedingungen wieder her. Diese sind unüberholbar. Aber die kumulative Selbstfortpflanzung technologischer Veränderung der Welt überholt fortwährend,  die Bedingungen jedes ihrer beitragenden Akte und verläuft durch lauter präzedenzlose Situationen, für die die Lehren der Erfahrung ohnmächtig  sind. Ja, die Kumulation als solche, nicht genug damit, ihren Anfang bis zur Unkenntlichkeit zu verändern, mag die Grundbedingung der ganzenReihe, die Voraussetzung ihrer selbst, verzehren. All dieses müsste im Willen der Einzeltat mitgewollt sein, wenn diese sittlich verantwortlich sein soll. [...]Unter solchen Umständen wird Wissen zu einer vordringlichen Pflichtüber alles hinaus, was je vorher für seine Rolle in Anspruch genommen wurde, und das Wissen muss dem kausalen Ausmaß unseres Handelns größengleich sein. Die Tatsache aber, dass es ihm nicht wirklich größengleich sein kann, das heißt, dass das vorhersagende Wissen hinter dem technischen Wissen, das unserem Handeln die Macht gibt, zurückbleibt, nimmt selbst ethische Bedeutung an.

Die Kluft zwischen Kraft des Vorherwissens und Macht des Tuns erzeugt ein neues ethisches Problem..Anerkennung der Unwissenheit wird dann die Kehrseite der Pflicht des Wissens und damit ein Teil der Ethik, welche die immer nötiger werdende Selbstbeaufsichtigung unserer übermäßigen Macht unterrichten muss.
Keine frühere Ethik hatte die globale Bedingung menschlichen Lebens und die ferne Zukunft, ja Existenz der Gattung zu berücksichtigen.
Hans Jonas, 1979

NOVEMBER 19
Logischer Zirkel
Für einen einfachen Fall kann man sich folgendes Beispiel denken: Die Frage ist: "Warum schwimmt Eis auf dem Wasser?" Antwort: "Weil Eis leichter ist als Wasser."
Die Gegenfrage könnte nun lauten: "Wieso ist Eis leichter als Wasser?" Und die Antwort könnte sein: "Du siehst doch, Eis schwimmt auf Wasser."
Diese Argumentation ist zirkulär, oder anders gesagt: Sie beinhaltet einen logischen Zirkel. Argumentationen dieser Art sind gar nicht so selten, weil man eigentlich keine endgültigen Erklärungen oder Begründungen finden kann, sondern immer bei Dingen Halt machen muss, die einem vorläufig nicht erklärungsbedürftig erscheinen. Bei längeren Gesprächen vergisst man manchmal, dass etwas zu dem gehört, was begründet hätte werden sollen, und lässt es als Begründung gelten.   
                 (in Englisch)


[...] Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm  selbst gewählten Schwere herabrollen, oder Torricelli die Luft ein Gewicht,  was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich  gedacht hatte, tragen ließ, oder in noch späterer Zeit Stahl Metalle in Kalk und  diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen etwas entzog und  wiedergab; so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen, daß die  Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt,  daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen  und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich  von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst  hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches  doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muß mit ihren Prinzipien,  nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten  können, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden,  aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen läßt, was der  Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die  Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt. Und so hat sogar Physik die so  vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfalle zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäß, dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muß, und wovon sie für sich selbst nichts wissen würde. Hierdurch ist die Naturwissenschaft allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht  worden, da sie so viel Jahrhunderte durch nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war. [...]
(I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, B XII-XlV)        
 
[…] Das Wort Theorie geht auf religiöse Ursprünge zurück: Theoros hieß der Vertreter, den griechische Städte zu den öffentlichen Festspielen entsandten. ln der Theoria, nämlich zuschauend, entäußert er sich ans sakrale Geschehen. lm philosophischen Sprachgebrauch wird Theoria auf den Anblick des Kosmos übertragen. Als Anschauung des Kosmos setzt Theorie die Grenzziehung zwischen Sein und Zeit schon voraus, die, mit dem Gedicht des Parmenides, Ontologie begründet und in Platons Timaios wiederkehrt: sie reserviert ein vom Unsteten und Ungewissen gereinigtes Seiendes dem Logos und überläßt das Reich des Vergänglichen der Doxa.
 Wenn nun der Philosoph die unsterbliche Ordnung anschaut, kann er nichtumhin, sich selber dem Maß des Kosmos anzugleichen, ihn in sich nachzubilden. Er bringt die Proportionen, die er in den Bewegungen der Natur wie inder harmonischen Folge der Musik anschaut, in sich zur Darstellung; er bildet sich durch Mimesis. Die Theorie geht auf dem Wege über die Angleichung der Seele an die geordnete Bewegung des Kosmos in die Lebenspraxis ein -Theorie prägt dem Leben ihre Form auf, sie reflektiert sich in der Haltungdessen, der sich ihrer Zucht unterwirft, im Ethos. […]
(J. Habermas, Erkenntnis und Interesse, S. 1461.)
 



Dezember 18
Georg Picht: Der Mensch als Produzent seiner Zukunft

Der Mensch ist also im Zeitalter der wissenschaftlich-technischen Zivilisation zum Produzenten seiner eigenen Zukunft geworden. In diesem Zukunftsroman der Weltgeschichte verwandelt sich der Verfasser ständig in seine eigene Romanfigur. Der selbe Mensch, der als vermeintliches Subjekt des Handelns, als freier Forscher und aus autonomer Vernunft ein wissenschaftliches System entwirft, macht, wie die Atomphysiker, die Entdeckung, daß er im Handumdrehen zum Objekt des von ihm selbst entworfenen Systems geworden ist, und diese neue Lage verändert seine gesamten Lebensumstände, ja sein Wesen. Er wird vom Produzenten zum Produkt; aber das Produkt ist mit dem Produzenten nicht identisch, die produzierte Zukunft nicht mehr die eigene Zukunft. Die eigene Zukunft - das wäre jene Zukunft, welche der autonome Wille im Akt des Denkens und Handelns antizipiert. Aber tatsächlich antizipiert er einen Prozeß, in dem er sich Veränderungen unterworfen sieht, welche die Autonomie zur Heteronomie, den Schriftsteller zur Romanfigur werden lassen. Dieser Prozeß ist ein Prozeß der Entfremdung, der produzierte Mensch erkennt sich selbst in dem produzierten Menschen nicht mehr wieder. Als produzierter Mensch lehnt er es ab, die Verantwortung für die Konsequenzen der Handlungen des produzierenden Menschen zu tragen. Solange die Zukunft in der Hand der Götter lag, in den Sternen geschrieben stand oder als Spiel des Zufalls galt, konnte dieses Problem nicht auftreten. Seit der Mensch unwiderrufbar zum Bürger einer von ihm selbst produzierten Welt geworden ist, seit er die Macht besitzt, nicht nur tote Waren, sondern seine eigene Welt, seine Lebensbedingungen und damit weithin sein eigenes Schicksal zu produzieren, seit er sich selbst als einem Produkt begegnet, ist seine Zukunft eine andere geworden. Die Zukunft der technischen Welt unterscheidet sich qualitativ von allem, was frühere Epochen Zukunft nannten. Dies können wir wissen, mag auch sonst unser Wissen von der Zukunft noch so problematisch sein. Hierüber müssen wir reflektieren; denn da rationales Handeln die Produktionssysteme entwirft und über die Produktionsmethoden verfügt, wird die Reflexion auf die Gesetze dieses Handelns, also die Reflexion der wissenschaftlichen Vernunft auf sich selbst zur zentralen Aufgabe der von der Wissenschaft beherrschten Welt. Man nennt die Reflexion der Vernunft auf sich selbst und die Bedingung ihrer eigenen Möglichkeit "Transzendentalphilosophie". Die Entwicklung der wissenschaftlichen Welt hat dazu geführt, daß transzendentales Denken zur obersten Lebensbedingung des technischen Zeitalters geworden ist.

(Georg Picht, in: Der Gott der Philosophen und die Wissenschaft der Neuzeit,
Klett, Stuttgart 1966, S. 34-39)
ZUR INFORMATION:
Georg Picht (1913 - 1982), Pädagoge und Religionsphilosoph. Leitete von 1946-56 das Landerziehungsheim Birklehof im Schwarzwald. Seit 1965 Professor in Heidelberg. Picht war mit seiner Kritik am deutschen Schulwesen ("Die deutsche Bildungskatastrophe", 1964) ein Wegbereiter der um 1970 einsetzenden Bildungsreform.
November 18


Rede Robespierres über die Prinzipien der politischen Moral (5. Februar 1794)
 Welches Ziel streben wir an? Wir wollen den friedlichen Genuss der Freiheit und der Gleichheit; die Herrschaft dieser ewigen Gerechtigkeit, deren Gesetze nicht in Marmor oder in anderen Stein, sondern in die Herzen aller Menschen eingeschrieben sind, selbst in das Herz des Sklaven, der sie vergißt, und in das Herz des Tyrannen, der sie leugnet.
 
Wir wollen eine Ordnung der Dinge, in der alle niedrigen und grausamen Instinkte in Ketten gelegt und alle wohltätigen und edlen Neigungen durch die Gesetze geweckt werden; wir wollen eine Ordnung schaffen, wo der Ehrgeiz sich auf den Wunsch beschränkt, Ruhm zu erwerben und dem Vaterland zu dienen; wo die Unterschiede zwischen den Bürgern sich nur aus der Gleichheit selbst ergeben; wo der Bürger der Behörde, die Behörde dem Volk und das Volk der Gerechtigkeit unterworfen ist; wo das Vaterland das Wohlergehen jedes einzelnen sichert und wo jeder einzelne stolz den Wohlstand und den Ruhm des Vaterlandes genießt; wo alle Seelen sich weiten durch den ständigen Austausch republikanischer Gefühle und das Bedürfnis, sich die Achtung eines großen Volkes zu verdienen; wo die Künste die Zierde der Freiheit sind, die sie veredelt, wo endlich der Handel die Quelle des allgemeinen Reichtums und nicht nur des ungeheuren Überflusses einiger weniger Häuser ist.
 
Wir wollen in unserem Land an die Stelle des Egoismus die Moral setzen, an die Stelle der Ehre die Rechtschaffenheit, an die Stelle der Gewohnheiten die Grundsätze, an die Stelle der Zurückhaltung die Pflichten, an die Stelle der Tyrannei der Sitte die Herrschaft der Vernunft, an die Stelle der Verachtung des Unglücks die Verachtung des Lasters, an die Stelle des Übermuts den Stolz, an die Stelle der Eitelkeit die Seelengröße, an die Stelle der Liebe zum Geld die Liebe zum Ruhm, an die Stelle der guten Gesellschaft die guten Menschen, an die Stelle der Intrige das Verdienst, an die Stelle des Schöngeists das Genie, an die Stelle des Skandals die Wahrheit, an die Stelle der Langeweile der Wollust den Reiz des Glücks, an die Stelle der Kleinmütigkeit der Großen die Größe des Menschen, an die Stelle eines liebenswürdigen, leichtsinnigen und erbärmlichen Volkes ein großmütiges, mächtiges und glückliches Volk, das heißt: an die Stelle aller Laster und Lächerlichkeiten der Monarchie alle Tugenden und Wunder der Republik. Mit einem Wort: wir wollen den Willen der Natur erfüllen, die Bestimmung der Menschheit vollenden, die Versprechungen der Philosophie einlösen und die Vorsehung von der langen Herrschaft des Verbrechens und der Tyrannei freisprechen.
 
Frankreich, unter den versklavten Ländern so lange berüchtigt, von nun an den Ruhm aller freien Völker, die je existiert haben, verdunkelnd, soll das Modell für die Nationen, der Schrecken der Unterdrücker, der Trost der Unterdrückten und die Zierde des Universums werden; und während wir unser Werk mit unserem Blut besiegeln, können wir zumindest die Morgenröte des allgemeinen Glücks erstrahlen sehen. Dies ist unser Ehrgeiz, dies ist unser Ziel.
 
Welche Regierungsform kann diese Wunder vollbringen? Nur die demokratische oder republikanische Regierung. Diese beiden Wörter sind gleichbedeutend trotz aller Missbräuche in der gewöhnlichen Sprache. Denn die Aristokratie ist ebensowenig eine Republik wie die Monarchie. Die Demokratie ist kein Staat, wo das Volk, ständig versammelt, alle öffentlichen Angelegenheiten selbst regelt; sie ist noch weniger ein Staat, wo 100.000 Bruchstücke des Volkes durch isolierte, übereilte und widersprüchliche Maßnahmen über das Schicksal der gesamten Gesellschaft entscheiden. Eine solche Regierung hat niemals existiert und könnte auch nur existieren, um das Volk wieder dem Despotismus auszuliefern. Die Demokratie ist ein Staat, wo das souveräne Volk, geleitet von den Gesetzen, die sein eigenes Werk sind, selbst alles tut, was es zureichend tun kann ... Aber um bei uns die Demokratie zu begründen und zu festigen, um zur friedlichen Herrschaft der verfassungsgemäßen Gesetze zu gelangen, muß man den Krieg der Freiheit gegen die Tyrannei beenden und die Stürme der Revolution glücklich durchstehen. Das ist das Ziel des revolutionären Systems, das Ihr organisiert habt ...
 
Welches ist nun das entscheidende Prinzip der demokratischen Regierung oder Volksregierung, das heißt, der wesentliche Antrieb, der sie trägt und in Bewegung setzt? Es ist die Tugend! Und zwar die öffentliche Tugend, die in Griechenland und in Rom so viele Wunder bewirkt hat und im republikanischen Frankreich noch weit erstaunlichere Wunder hervorbringen soll. Jene Tugend, die nichts anderes ist als die Liebe zum Vaterland und zu seinen Gesetzen.
 
Da aber das Wesen der Republik oder der Demokratie die Gleichheit ist, so folgt daraus, daß die Liebe zum Vaterland notwendigerweise die Liebe zur Gleichheit einschließt. Es ist ferner wahr, daß dieses erhabene Gefühl die Fähigkeit voraussetzt, das allgemeine Interesse allen besonderen Interessen überzuordnen. Daraus ergibt sich, daß die Liebe zum Vaterland alle anderen Tugenden voraussetzt oder hervorbringt: Denn was sind diese Tugenden anderes als die moralische Stärke, die zu solchen Opfern fähig macht? ... Nur ein demokratischer Staat ist wirklich das Vaterland aller Bürger, die ihn bilden, und nur er kann auf so viele an ihm interessierte Verteidiger rechnen, wie er Bürger umfaßt. Dies ist der Grund für die Überlegenheit der freien Völker gegenüber allen anderen ... Wenn in friedlichen Zeiten die Triebkraft der Volksregierung die Tugend ist, so sind es in revolutionären Zeiten die Tugend und der Terror zugleich: die Tugend, ohne die der Terror verhängnisvoll ist, der Terror, ohne den die Tugend wirkungslos ist. Der Terror ist nichts anderes als die rasche, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit; er ist also ein Ausfluß der Tugend, er ist also weniger ein besonderes Prinzip als eine Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie, angewandt auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlandes ...
Die Regierung, deren die Revolution bedarf, ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei ...
(Aus: Oeuvres de Maximilien Robespierre, Bd. 10, S. 352 ff.,in: Weltgeschichte im Aufriss. Die bürgerlichen Revolutionen im 18. Jahrhundert, 1977, S. 64 f.)
DAS SIND WIR !

Platon (427 - 347 v. Chr.): Der Staat: Das Höhlengleichnis

"Und nun", fuhr ich fort, "mache dir den Unterschied zwischen Bildung und Unbildung in unserer Natur an dem folgenden Erleben gleichnishaft klar. Stelle dir die Menschen vor in einem unterirdischen, höhlenartigen Raum, der gegen das Licht zu einen weiten Ausgang hat über die ganze Höhlenbreite; in dieser Höhle leben sie von Kindheit, gefesselt an Schenkeln und Nacken, so daß sie dort bleiben müssen und nur gegen vorwärts schauen, den Kopf aber wegen der Fesseln nicht herum drehen können; aus weiter Ferne leuchtet von oben her hinter ihrem Rücken das Licht eines Feuers, zwischen diesem Licht und den Gefesselten führt ein Weg in der Höhe; ihm entlang stelle dir eine niedrige Wand vor, ähnlich wie bei den Gauklern ein Verschlag vor den Zuschauern errichtet ist, über dem sie ihre Künste zeigen."
"Ich kann mir das vorstellen", sagte Glaukon.
"An dieser Wand, so stell' dir noch vor, tragen Menschen mannigfache Geräte vorbei, die über die Mauern hinausragen, dazu auch Statuen aus Holz und Stein von Menschen und anderen Lebewesen, kurz alles mögliche, alles künstlich hergestellt, wobei die Vorbeitragenden teils sprechen, teils schweigen."
"Merkwürdig sind Gleichnis und Gefesselte, von denen du sprichst."
"Sie gleichen uns! Denn sie sehen zunächst von sich und den andern nichts außer den Schatten, die von dem Feuer auf die gegenüberliegende Mauer geworfen werden, verstehst du?"
"Natürlich, wenn sie gezwungen sind, ihre Köpfe unbeweglich zu halten ihr Leben lang."
"Dasselbe gilt auch von den vorübergetragenen Geräten, nicht?"
"Gewiß!"
"Wenn sie sich untereinander unterhalten könnten, da würden sie wohl glauben, die wahren Dinge zu benennen, wenn sie von den Schatten sprechen, die sie sehen."
"Notwendigerweise!"
"Wenn nun weiter das Gefängnis ein Echo hätte von der Wand gegenüber, und wenn einer der Vorübergehenden etwas spräche, dann käme - so würden sie glauben - der Ton von nichts anderem als von dem vorübergehenden Schatten, nicht?"
"Ganz so, bei Zeus!"
"Alles in allem: diese Leute würden nichts anderes für wahr halten als die Schatten der Geräte."
"Notwendigerweise!"
"Überlege nun Lösung und Heilung aus Ketten und Unverstand, wie immer das vor sich gehen mag - ob da wohl folgendes eintritt. Wenn etwa einer gelöst und gezwungen würde, sofort aufzustehen und den Kopf umzuwenden, auszuschreiten und zum Licht zu blicken, wenn er bei alledem Schmerz empfände und wegen des Strahlenfunkelns jene Gegenstände nicht anschauen könnte, deren Schatten er vorher gesehen - was, glaubst du, würde er da wohl antworten, wenn man ihm sagte, er habe vorher nur eitlen Tand gesehen, jetzt aber sehe er schon richtiger, da er näher dem Seienden sei und sich zu wirklichen Dingen hingewendet habe; wenn man ihn auf jeden der Vobeigehenden hinwiese und zur Antwort auf die Frage zwänge, was das denn sei? Würde er da nicht in Verlegenheit sein und glauben, was er vorher erblickt, sei wirklicher als das, was man ihm jetzt zeige?"   "Gewiß!"
(in: Platon, Der Staat, 7. Buch, S. 313-314, Reclam)
Rede Robespierres über die Prinzipien der politischen Moral (5. Februar 1794)
 Welches Ziel streben wir an? Wir wollen den friedlichen Genuss der Freiheit und der Gleichheit; die Herrschaft dieser ewigen Gerechtigkeit, deren Gesetze nicht in Marmor oder in anderen Stein, sondern in die Herzen aller Menschen eingeschrieben sind, selbst in das Herz des Sklaven, der sie vergißt, und in das Herz des Tyrannen, der sie leugnet.
 
Wir wollen eine Ordnung der Dinge, in der alle niedrigen und grausamen Instinkte in Ketten gelegt und alle wohltätigen und edlen Neigungen durch die Gesetze geweckt werden; wir wollen eine Ordnung schaffen, wo der Ehrgeiz sich auf den Wunsch beschränkt, Ruhm zu erwerben und dem Vaterland zu dienen; wo die Unterschiede zwischen den Bürgern sich nur aus der Gleichheit selbst ergeben; wo der Bürger der Behörde, die Behörde dem Volk und das Volk der Gerechtigkeit unterworfen ist; wo das Vaterland das Wohlergehen jedes einzelnen sichert und wo jeder einzelne stolz den Wohlstand und den Ruhm des Vaterlandes genießt; wo alle Seelen sich weiten durch den ständigen Austausch republikanischer Gefühle und das Bedürfnis, sich die Achtung eines großen Volkes zu verdienen; wo die Künste die Zierde der Freiheit sind, die sie veredelt, wo endlich der Handel die Quelle des allgemeinen Reichtums und nicht nur des ungeheuren Überflusses einiger weniger Häuser ist.
 
Wir wollen in unserem Land an die Stelle des Egoismus die Moral setzen, an die Stelle der Ehre die Rechtschaffenheit, an die Stelle der Gewohnheiten die Grundsätze, an die Stelle der Zurückhaltung die Pflichten, an die Stelle der Tyrannei der Sitte die Herrschaft der Vernunft, an die Stelle der Verachtung des Unglücks die Verachtung des Lasters, an die Stelle des Übermuts den Stolz, an die Stelle der Eitelkeit die Seelengröße, an die Stelle der Liebe zum Geld die Liebe zum Ruhm, an die Stelle der guten Gesellschaft die guten Menschen, an die Stelle der Intrige das Verdienst, an die Stelle des Schöngeists das Genie, an die Stelle des Skandals die Wahrheit, an die Stelle der Langeweile der Wollust den Reiz des Glücks, an die Stelle der Kleinmütigkeit der Großen die Größe des Menschen, an die Stelle eines liebenswürdigen, leichtsinnigen und erbärmlichen Volkes ein großmütiges, mächtiges und glückliches Volk, das heißt: an die Stelle aller Laster und Lächerlichkeiten der Monarchie alle Tugenden und Wunder der Republik. Mit einem Wort: wir wollen den Willen der Natur erfüllen, die Bestimmung der Menschheit vollenden, die Versprechungen der Philosophie einlösen und die Vorsehung von der langen Herrschaft des Verbrechens und der Tyrannei freisprechen.
 
Frankreich, unter den versklavten Ländern so lange berüchtigt, von nun an den Ruhm aller freien Völker, die je existiert haben, verdunkelnd, soll das Modell für die Nationen, der Schrecken der Unterdrücker, der Trost der Unterdrückten und die Zierde des Universums werden; und während wir unser Werk mit unserem Blut besiegeln, können wir zumindest die Morgenröte des allgemeinen Glücks erstrahlen sehen. Dies ist unser Ehrgeiz, dies ist unser Ziel.
 
Welche Regierungsform kann diese Wunder vollbringen? Nur die demokratische oder republikanische Regierung. Diese beiden Wörter sind gleichbedeutend trotz aller Missbräuche in der gewöhnlichen Sprache. Denn die Aristokratie ist ebensowenig eine Republik wie die Monarchie. Die Demokratie ist kein Staat, wo das Volk, ständig versammelt, alle öffentlichen Angelegenheiten selbst regelt; sie ist noch weniger ein Staat, wo 100.000 Bruchstücke des Volkes durch isolierte, übereilte und widersprüchliche Maßnahmen über das Schicksal der gesamten Gesellschaft entscheiden. Eine solche Regierung hat niemals existiert und könnte auch nur existieren, um das Volk wieder dem Despotismus auszuliefern. Die Demokratie ist ein Staat, wo das souveräne Volk, geleitet von den Gesetzen, die sein eigenes Werk sind, selbst alles tut, was es zureichend tun kann ... Aber um bei uns die Demokratie zu begründen und zu festigen, um zur friedlichen Herrschaft der verfassungsgemäßen Gesetze zu gelangen, muß man den Krieg der Freiheit gegen die Tyrannei beenden und die Stürme der Revolution glücklich durchstehen. Das ist das Ziel des revolutionären Systems, das Ihr organisiert habt ...
 
Welches ist nun das entscheidende Prinzip der demokratischen Regierung oder Volksregierung, das heißt, der wesentliche Antrieb, der sie trägt und in Bewegung setzt? Es ist die Tugend! Und zwar die öffentliche Tugend, die in Griechenland und in Rom so viele Wunder bewirkt hat und im republikanischen Frankreich noch weit erstaunlichere Wunder hervorbringen soll. Jene Tugend, die nichts anderes ist als die Liebe zum Vaterland und zu seinen Gesetzen.
 
Da aber das Wesen der Republik oder der Demokratie die Gleichheit ist, so folgt daraus, daß die Liebe zum Vaterland notwendigerweise die Liebe zur Gleichheit einschließt. Es ist ferner wahr, daß dieses erhabene Gefühl die Fähigkeit voraussetzt, das allgemeine Interesse allen besonderen Interessen überzuordnen. Daraus ergibt sich, daß die Liebe zum Vaterland alle anderen Tugenden voraussetzt oder hervorbringt: Denn was sind diese Tugenden anderes als die moralische Stärke, die zu solchen Opfern fähig macht? ... Nur ein demokratischer Staat ist wirklich das Vaterland aller Bürger, die ihn bilden, und nur er kann auf so viele an ihm interessierte Verteidiger rechnen, wie er Bürger umfaßt. Dies ist der Grund für die Überlegenheit der freien Völker gegenüber allen anderen ... Wenn in friedlichen Zeiten die Triebkraft der Volksregierung die Tugend ist, so sind es in revolutionären Zeiten die Tugend und der Terror zugleich: die Tugend, ohne die der Terror verhängnisvoll ist, der Terror, ohne den die Tugend wirkungslos ist. Der Terror ist nichts anderes als die rasche, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit; er ist also ein Ausfluß der Tugend, er ist also weniger ein besonderes Prinzip als eine Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie, angewandt auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlandes ...
Die Regierung, deren die Revolution bedarf, ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei ...
(Aus: Oeuvres de Maximilien Robespierre, Bd. 10, S. 352 ff.,in: Weltgeschichte im Aufriss. Die bürgerlichen Revolutionen im 18. Jahrhundert, 1977, S. 64 f.)
1. Die Platonische Methode als utopische Sozialtechnik

Die Platonische Methode kann man die Methode des Planens im großen Stil, die utopische Sozialtechnik, die utopische Technik des Umbaus der Gesellschaftsordnung oder die Technik der Ganzheitsplanung nennen; ihr steht eine andere Art von Sozialtechnik gegenüber, die ich für die einzig rationale halte und die man die von Fall zu Fall angewendete Sozialtechnik, die Sozialtechnik der Einzelprobleme, die Technik des schrittweisen Umbaus der Gesellschaftsordnung oder die Ad-hoc-Technik nennen könnte. Die utopische Technik ist um so gefährlicher, als es scheinen kann, daß sie im klaren Gegensatz zu einem ausgesprochenen Historizismus steht, zu einem radikal historizistischen Vorgehen, das voraussetzt, daß wir den Lauf der Geschichte nicht ändern können; gleichzeitig scheint sie die notwendige Ergänzung eines weniger radikalen Historizismus (wie etwa des Platonischen) darzustellen, der menschliche Einwirkung zuläßt.
Die utopische Sozialtechnik kann durch die folgende Argumentation plausibel gemacht werden. Jede rationale Handlung muß ein bestimmtes Ziel haben. Sie ist rational in eben dem Ausmaß, in dem sie ihr Ziel bewußt und konsequent verfolgt und in dem sie ihre Mittel diesem Ziel entsprechend festsetzt. Die Wahl eines Ziels ist also die erste Aufgabe, die wir lösen müssen, wenn wir rational zu handeln wünschen; wir müssen unsere wirklichen und endgültigen Ziele sorgfältig festsetzen, und wir müssen von ihnen jene Teil- oder Zwischenziele klar unterscheiden, die eigentlich nur als Mittel oder als Schritte auf dem Wege zum endgültigen Ziel in Betracht kommen: Wenn wir diese Unterscheidung vergessen, dann vergessen wir auch uns zu fragen, ob es wahrscheinlich ist, daß diese Teilzeile das letzte Ziel fördern; und damit hören wir auf, rational zu handeln. Auf das Gebiet politischer Tätigkeit angewendet, verlangen die angeführten Prinzipien die Festlegung unseres endgültigen politischen Ziels oder des idealen Staates, bevor irgendeine praktische Handlung unternommen wird. Nur dann, wenn dieses Ziel zumindest in rohen Umrissen bestimmt ist, wenn wir einen Bauplan der von uns angestrebten Gesellschaftsordnung besitzen, nur dann können wir beginnen, uns die besten Mittel und Wege zu ihrer Verwirklichung zu überlegen und einen Plan für praktisches Handeln aufzustellen. Die angegebenen Vorbereitungen sind für jede politische Handlung notwendig, die die Bezeichnung "rational" verdient, insbesondere sind sie notwendig für den sozialen Aufbau selbst.
Das ist in kurzen Zügen das methodologische Vorgehen, das ich utopisch nenne. Es ist überzeugend und verführerisch. In der Tat fühlen sich vor allem diejenigen Denker davon angezogen, die entweder von historizistischen Vorurteilen unberührt sind oder die gegen derartige Vorurteile zu Felde ziehen. Das macht die universalistisch-utopische Technik um so gefährlicher und ihre Kritik um so dringender.

2. Die Sozialtechnik der Einzelprobleme

Bevor ich diese Kritik im Detail ausführe, möchte ich einen anderen Weg der Sozialtechnik umreißen, den ich die Sozialtechnik der Einzelprobleme nenne oder die Technik des schrittweisen Umbaus der Gesellschaftsordnung. Ihn halte ich methodologisch für einwandfrei. Ein Politiker, der sich diese Methode zu eigen macht, mag eine Skizze einer Gesellschaftsordnung vor Augen haben; er mag hoffen, daß die Menschheit eines Tages einen idealen Staat verwirklichen und Glück und Vollkommenheit auf Erden erreichen wird. Wie dem auch sei - er wird auf jeden Fall einsehen, daß sich die Vollkommenheit, wenn sie sich überhaupt erreichen läßt, in weiter Ferne befindet und daß jede Generation von Menschen, also auch die jetzt lebende, ihre Rechte hat; vielleicht nicht so sehr ein Recht auf Glück - denn es gibt keine institutionellen Mittel, um einen Menschen glücklich zu machen -, aber doch ein Recht, nicht unglücklich gemacht zu werden, soweit sich dies durchführen läßt. Den Leidenden steht ein Recht auf alle nur erdenkliche Hilfe zu. Dementsprechend wird sich der Anwalt der Ad-hoc-Technik nach den größten und dringlichsten Übeln in der Gesellschaft umsehen, und er wird versuchen, sie zu beseitigen; er wird nicht dem größten Gut nachspüren und sich für seine Verwirklichung einsetzen. Dieser Unterschied ist durchaus nicht bloß verbal. Er ist in Wirklichkeit von größter Bedeutung. Er ist der Unterschied zwischen einer vernünftigen Methode zur Verbesserung des Geschicks der Menschheit und einer Methode, die, wenn sie wirklich ausprobiert wird, leicht zu einer unerträglichen Zunahme menschlichen Leidens führen kann. Es ist der Unterschied zwischen einer Methode, die sich in jedem Augenblick anwenden läßt, und einer Methode, deren Befürwortung leicht zu einer ständigen Verschiebung des Handelns auf einen späteren Zeitpunkt führen kann, wenn die Bedingungen günstiger sind. Und es ist auch der Unterschied zwischen der einzigen Methode zur Verbesserung der Umstände, die bisher, zu jeder Zeit und an jedem Ort wirklich erfolgreich gewesen ist (Rußland eingeschlossen, wie wir sehen werden), und einer Methode, die, wo immer sie versucht wurde, nur zum Gebrauch von Gewalt an Stelle von Vernunft und, wenn nicht zu ihrer eigenen Aufgabe, so doch zur Aufgabe des ursprünglichen Zieles geführt hat.
Der Befürworter einer Ad-hoc-Technik kann seine Methode damit verteidigen, daß die systematische Bekämpfung des Leidens und der Ungerechtigkeit und des Krieges viel eher die Unterstützung einer großen Zahl von Menschen finden wird als der Kampf für die Verwirklichung eines Idealstaates. Daß es soziale Übel gibt, das heißt soziale Zustände, unter denen viele Menschen zu leiden haben, ist etwas, was sich verhältnismäßig leicht feststellen läßt: die, die leiden, können aus eigener Erfahrung urteilen, und die andern können kaum sagen, daß sie gerne mit jenen tauschen würden. Aber über einen Idealstaat vernünftig zu diskutieren ist unendlich viel schwieriger. Das soziale Leben ist so kompliziert, daß nur wenige Menschen oder überhaupt niemand fähig ist, den Wert eines Bauplans für soziale Maßnahmen im großen Maßstab richtig einzuschätzen; ob er praktisch ist; ob er zu einer wirklichen Verbesserung führen kann; welche Leiden aller Wahrscheinlichkeit nach mit ihm verbunden sein werden und welche Mittel zu seiner Verwirklichung führen. Im Gegensatz dazu sind Pläne für einen schrittweisen Umbau der Gesellschaftsordnung relativ einfach zu beurteilen. Es sind dies ja Pläne für einzelne Institutionen, zum Beispiel für die Kranken- und Arbeitslosenversicherung, für Schiedsgerichte, für Budgetvoranschläge zur Bekämpfung von Depressionen oder für Erziehungsreform. Wenn sie fehlschlagen, dann ist der Schaden nicht allzu groß und eine Wiederherstellung oder Adjustierung nicht allzu schwierig. Derartige Entwürfe sind weniger riskant und gerade aus diesem Grunde weniger umstritten. Wenn sich aber eine Einigung in bezug auf die bestehenden Übel und die Mittel zu ihrer Bekämpfung leichter erreichen läßt als eine Einigung über ein ideales Gut und über die Mittel zu seiner Verwirklichung, dann können wir auch hoffen, daß uns die Anwendung der Methode des stückweisen Umbaus über die allergrößte Schwierigkeit jeder vernünftigen politischen Reform hinweghelfen wird, nämlich über die Frage, wie wir es anstellen sollen, daß bei der Durchführung des Programms die Vernunft und nicht Leidenschaft und Gewalt zu Worte kommen. Es wird möglich sein, einen vernünftigen Kompromiß zu erzielen und dadurch eine Verbesserung mit Hilfe demokratischer Methoden zu erreichen. ("Kompromiß" ist ein häßliches Wort; wir sollten aber lernen, es richtig zu gebrauchen. Institutionen sind unvermeidlich das Ergebnis eines Kompromisses mit Umständen, Interessen usf. obgleich wir als Personen Einflüssen dieser Art widerstehen sollten.)

3. Kritik der Sozialutopien

Im Gegensatz dazu verlangt ein utopischer Versuch der Verwirklichung eines idealen Staates auf Grund eines Entwurfes der Gesellschaftsordnung als ganzer eine streng zentralisierte Herrschaft einige weniger, und er führt daher aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer Diktatur. (...) Die Rekonstruktion der Gesellschaftsordnung ist ein großes Unternehmen, das vielen Menschen geraume Zeit hindurch beachtenswerte Unannehmlichkeiten bereiten muß. Der utopische Sozialtechniker wird also seine Ohren gegen viele Klagen verschließen müssen; in der Tat wird seine Aufgabe zum Teil in der Unterdrückung unvernünftiger Einwände bestehen. Aber damit muß er, unvermeidlich, vernünftige Kritik unterdrücken. Eine andere Schwierigkeit der utopischen Sozialtechnik hängt mit dem Problem des Nachfolgers des Diktators zusammen. Gewisse Aspekte dieses Problems haben wir im 7. Kapitel erwähnt. Die Schwierigkeit, in die die utopische Sozialtechnik hier verwickelt wird, läßt sich mit den Problemen eines wohlwollenden Tyrannen vergleichen, der einen gleich wohlwollenden Nachfolger zu finden trachtet. Sie ist aber noch ernsthafter. Gerade der Umfang eines utopischen Unternehmens macht es unwahrscheinlich, daß sein Ziel während der Lebenszeit eines Sozialtechnikers oder einer Gruppe von Sozialtechnikern realisiert werden wird. Und wenn die Nachfolger nicht dasselbe Ideal anstreben, dann waren vielleicht alle Leiden vergeblich, die das Volk um des Ideals willen auf sich nahm.
Eine Verallgemeinerung dieses Arguments führt uns zu einer weiteren Kritik des Vorgehens der Utopisten. Die utopische Methode kann klarerweise nur dann von praktischem Wert sein, wenn wir annehmen, daß der ursprüngliche Entwurf, vielleicht mit gewissen Berichtigungen, bis zu seiner Vollendung die Grundlage der Arbeit bleibt. Aber die Arbeit wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Diese Zeit wird voll sein von politischen und geistigen Revolutionen, neuen Experimenten und neuen Erfahrungen auf dem Gebiet der Politik. Es ist daher zu erwarten, daß sich die Ideen und die Ideale ändern werden. Was den Autoren des ursprünglichen Entwurfs als der ideale Staat vorschwebte, wird ihren Nachfolgern vielleicht nicht mehr im gleichen Lichte erscheinen. Aber damit bricht die ganze Methode zusammen: Eine Methode, nach der wir uns zuerst ein endgültiges politisches Ziel setzen und hierauf auf seine Verwirklichung hinarbeiten, wird wertlos, sobald wir zugeben, daß sich das Ziel im Verlauf seiner Verwirklichung beträchtlich ändern kann. (...)
Wir sehen nun, daß sich das Vorgehen der Utopisten nur durch den platonischen Glauben an ein absolutes und unveränderliches Ideal retten läßt, zusammen mit zwei weiteren Annahmen, nämlich (a) der Annahme, daß es rationale Methoden gibt, die uns ein für allemal festzustellen gestatten, wie dieses Ideal beschaffen ist, und (b) der Annahme, daß es rationale Methoden gibt, die uns die besten Mittel zu seiner Verwirklichung lehren. Nur derart weitreichende Annahmen könnten uns davon abhalten, die utopische Methodologie als völlig nutzlos zu verwerfen. Aber sogar Platon selbst und die glühendsten Platoniker werden zugeben, daß (a) sicher nicht zutrifft, daß es keine rationale Methode gibt, die uns lehrt, wie wir das endgültige Ziel auffinden können, sondern daß wir uns, wenn überhaupt, nur auf eine Art von Intuition verlassen können. Jede Meinungsverschiedenheit zwischen den utopischen Technikern muß daher in Ermangelung rationaler Methoden zum Gebrauch der Macht an Stelle der Vernunft, das heißt der Gewaltanwendung führen. (...)
Es ist vielleicht nützlich, wenn wir diese Kritik des Platonischen Idealismus in der Politik mit der Kritik vergleichen, die Marx an dem übt, was er "Utopismus" nennt. (...) Alles, was wir tun können, so behauptet er, ist die Geburtswehen der historischen Prozesse zu vermindern. Mit anderen Worten, er nimmt eine radikal historizistische Haltung ein und steht aller Sozialtechnik feindlich gegenüber. Aber es gibt ein Element des Utopismus, das für das Vorgehen Platons besonders charakteristisch ist und dem sich Marx nicht widersetzt, obgleich es unter den Elementen, die ich als unrealistisch angegriffen habe, vielleicht die wichtigste Rolle spielt. Ich meine die großen Perspektiven des Utopismus, sein Versuch, sich mit der Gesellschaft als Ganzes zu beschäftigen und keinen Stein auf dem anderen zu lassen; die Überzeugung, daß man bis zur Wurzel des sozialen Übels vordringen müsse. (...) Nicht einen aus alten Flecken zusammengesetzten Läufer will er, sondern einen großen, ganz neuen Teppich, eine wirklich schöne nagelneue Welt. Dieser Ästhetizismus ist eine sehr verständliche Haltung; in der Tat scheint fast jeder von uns ein wenig an derartigen Vervollkommnungsträumen zu leiden. (...) Aber diese ästhetische Begeisterung ist erst dann von Wert, wenn sie vom Verstand, von einem Gefühl der Verantwortlichkeit und von einem humanitären Drang, zu helfen, gezügelt wird. Sonst ist sie gefährlich und neigt dazu, sich zu einer Form von Neurose und Hysterie zu entwickeln. (...)
Der Ästhetizismus und der Radikalismus müssen uns dazu führen, die Vernunft über Bord zu werfen und durch eine verzweifelte Hoffnung auf politische Wunder zu ersetzen. Diese irrationale Einstellung, die sich an Träumen von einer schönen Welt berauscht, nenne ich Romantizismus. Der Romantizismus mag sein himmlisches Staatswesen in der Vergangenheit oder in der Zukunft suchen; er mag "Zurück zur Natur" predigen oder "Vorwärts zu einer Welt der Liebe und Schönheit"; aber er wendet sich immer an unsere Gefühle, und niemals an unsere Vernunft. Sogar mit der besten Absicht, den Himmel auf Erden einzurichten, vermag er diese Welt nur in eine Hölle zu verwandeln - eine jener Höllen, die Menschen für ihre Mitmenschen bereiten.
(Aus: Karl Popper: DER ZAUBER PLATONS, Bern 1957, S. 213 ff.)

ZUR INFORMATION:
KARL RAIMUND POPPER, geb. 1902 in Wien, gilt als bedeutendster Wissenschaftsphilosoph der Gegenwart. Mit seinem "kritischen Rationalismus" und als entschiedener Verfechter einer pluralistischen, demokratischen "offenen Gesellschaft" wurde Popper schon seit ca. 1930 zum konsequenten Gegner des Faschismus und aller marxistischen Utopisten und Revolutionsanhänger. Popper sieht den Totalitarismus und den Einparteienstaat - linker wie rechter Ausprägung - als schlimmste Deformierung des modernen Staates. Der in Wien geborene Sohn eines jüdischen Rechtsanwaltes emigrierte 1937 nach Neuseeland und wohnt seit 1945 in England. Dort erschien auch schon 1945 sein Hauptwerk: "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". In ihm setzt er sich kritisch mit allen utopistischen und totalitären Denkern - vor allem: Platon, Hegel, Marx - auseinander und baut als konstruktives Gegenbild eine "Theorie der Demokratie" für das 20. Jh. auf. (Diese Theorie hat spätestens im Jahre 1989 ihre praktisch politische Gültigkeit in ihren entscheidenden Grundzügen eindrucksvoll bewiesen.) Allen weltverbessernden, radikalen Utopien setzt Popper seine Methode der "Stückwerk-Technik" ("Social engineering") - eine Methode der reformerischen, kleinen Schritte bei stetiger Überprüfung und eventuellen Korrektur von Theorien durch und in der Praxis - entgegen.

Wichtige Werke Karl Poppers:
- "Der Zauber Platons"
"Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", (Bd. 1) Francke Verlag Bern
- "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", (Bd. 2) Uni-Taschenbuchverlag, Stuttgart
- "Offene Gesellschaft, offenes Universum", Serie Piper, München
- "Auf der Suche nach einer besseren Welt", Piper Verlag, München
- "Ausgangspunkte" (Autobiographie), Hoffmann und Campe, Hamburg, 1974/79
- "Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie", Mohr Verlag, Tübingen
- "Das Elend des Historizismus", Mohr Verlag, Tübingen
- "Das Ich und sein Gehirn", Piper Verlag, München
- "Logik der Forschung", Mohr Verlag, Tübingen
- "Objektive Erkenntnis", Hoffmann und Campe, Hamburg
- "The Self and its Brain", Springer Verlag, Heidelberg
- "Die Zukunft ist offen", Serie Piper, München
- "Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie", Verlag Dietz, Berlin-Bonn, 1975



             
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Oktober 18

EVENT !

Das Streben nach "Glück" vermengt sich in der heutigen Zeit - gegen Ende des 20. Jahrhunderts - mit der vieldiskutierten Individualisierung der Lebensformen in der westlichen "offenen Gesellschaft" .

Der Bamberger Professor für empirische Sozialforschung, Gerhard Schulze, hat daraus eine neue Theorie der "Erlebnisgesellschaft" entwickelt:
Gerhard Schulze:
      Die Erlebnisgesellschaft
      (Kultursoziologie der Gegenwart), Campus Verlag,
      Frankfurt/New York 1992 (765 S.)

Auszug aus der Rezension des Buches in der ZEIT Nr. 34/1992 vom 14. Aug. 1992 von Andreas Kuhlmann:

Seit Nietzsche lamentiert die Kulturkritik darüber, daß das bequeme Leben in der modernen Zivilisation zum Niedergang menschlicher Charaktere und zum Zerfall gesellschaftlicher Ordnung und Hierarchie führt. Da die Menschen sich nicht mehr gegen die Bedrohung durch Naturgewalten, durch menschliche Gewalttat oder durch täglichen Mangel behaupten müssen, scheinen sie zu verweichlichen. Im unübersichtlichen Pluralismus der Werte, im entfesselten Gewusel der Individuen droht die Freizügigkeit des Denkens und Handelns schrankenlos zu werden. Der Notwendigkeit enthoben, sich vor materieller Not und kriegerischer Aggression zu schützen, verfolgen die Menschen - wie Nietzsche verächtlich sagte - allein noch ihr mickriges individuelles "Glück". So kommt es zur Anarchie zwischen den einander gleichgestellten Menschen und zum Zerfall der verschiedenen Kräfte im einzelnen Menschen.

Im Anschluß an Nietzsche hat die deutsche Soziologie zu Beginn des Jahrhunderts, haben zumal Georg Simmel und Max Weber das Verhalten des modernen Menschen als eine unablässige Jagd nach "Erlebnissen" interpretiert. Den Begriff des "Erlebnisses" hat jetzt der Soziologe Gerhard Schulz aufgegriffen und zum Kern einer weit ausgreifenden Theorie neuer Gesellschaftsformen gemacht. Nicht mehr vom Kampf um die Verbesserung oder um den Erhalt des Lebensstandards und des sozialen Status wird die Lebensplanung der meisten Menschen vornehmlich bestimmt, sondern von der Suche nach subjektiver Befriedigung. Beruflicher Erfolg wird nicht mehr angestrebt, um das Überleben zu sichern oder um innerhalb einer objektiv vorgegebenen gesellschaftlichen Rangordnung zu reüssieren; beruflicher Erfolg macht nur dann noch Sinn, wenn damit die subjektiv empfundene Lebensqualität gefördert wird.

Da die meisten Menschen unserer Gesellschaft über mehr Mittel verfügen, als zum Existenzerhalt notwendig wäre, erleben sie ständig die Qual der Wahl. Konfrontiert mit einem unübersehbaren Angebot von Gütern und mit den verschiedensten Handlungsalternativen, stellt sich ihnen die schwierige Aufgabe der Orientierung. Genau an diesem Punkt unterscheidet sich Schulzes Darstellung der "Überflußgesellschaft" von allen kulturkritischen Szenarien: Nicht die Entlastung und die Bequemlichkeit, die der hohe Versorgungsstandard den Menschen beschert, macht er zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen, sondern die Orientierungsleistungen, die ihnen abverlangt werden. Der Platz, den die Menschen im Laufe ihres Lebens in der Gesellschaft einnehmen werden, ist ihnen nicht mehr durch den Ort ihrer Herkunft vorgegeben. Weder ihr beruflicher Werdegang noch die Art ihrer sozialen Beziehungen, noch ihr Lebensstil werden durch die Verhältnisse, denen sie entstammen, vorprogrammiert. Nicht, daß die Ausgangsbedingungen keine Bedeutung hätten für die Entwicklung des einzelnen: Schulze betont immer wieder, welch hohen Einfluß die Bildungsqualifikationen für den persönlichen Werdegang haben. Doch Faktoren wie Bildung oder das Lebensalter wirken höchstens "disponierend", sie legen die Menschen nicht auf bestimmte Entscheidungen fest.

Die Lebensgestaltung wird immer mehr vom subjektiven Entwurf und immer weniger von der objektiv vorgegebenen Situation bestimmt. Nicht Knappheit und Bedrohung sind die vorrangigen Probleme, an denen sich das Verhalten ausrichtet - vielmehr ist es die Schwierigkeit, ein sinnvolles Leben zu führen. Denn je zahlreicher die Möglichkeiten werden, zwischen Konsumgütern, Lebensstilen, Berufsalternativen oder potentiellen Partnern zu wählen, desto dringlicher stellt sich die Frage: Was will ich eigentlich? Die regionale und soziale Herkunft legen den einzelnen nicht mehr auf bestimmte Entscheidungen fest: Immer mehr gezwungen, zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu wählen, wird er auf sein "Innenleben" verwiesen. Die Erlebnisorientierung der Menschen erklärt Schulze so mit dem objektiven Entscheidungsdruck, dem sie ausgesetzt sind. Erlebnisorientierung bedeutet, daß die Individuen unablässig bemüht sein müssen, herauszufinden, was zu ihnen paßt, was ihren subjektiven Vorlieben entspricht.

Die "Erlebnisrationalität", von der Schulz spricht, birgt jedoch ihre besonderen Risiken: Es ist außerordentlich schwer, die eigenen Wünsche genau zu bestimmen, zu erkennen, was man "wirklich" will. Und wenn man einen Wunsch identifiziert hat, dann besteht immer noch die Gefahr, daß das erhoffte Erlebnis nicht eintritt. Erlebnisse lassen sich nicht programmieren, und deshalb sind Enttäuschungen immer möglich. Genau dieses Risikopotential des subjektzentrierten Verhaltens nun führt zu einer neuen sozialen Konformität: Sie wird nicht von der objektiven Lebenssituation der Menschen erzwungen, sondern von der Unmöglichkeit, sich ohne verhaltensstabilisierende Muster auf dem Markt der Möglichkeiten zu orientieren. Schulzes subtile und listige Argumentation zeigt, daß gerade die vieldiskutierte "Individualisierung" der Lebensformen zu neuer sozialer Angleichung führt. Wegen der Unsicherheit und des Enttäuschungsrisikos individueller Glückssuche folgen die Menschen gruppenspezifischen Verhaltensweisen. Und diese Verhaltensmuster werden wiederum von den Anbietern auf einem florierenden "Erlebnismarkt" nach Kräften stimuliert.

Alter, Bildung und Lebensstil sind die Kriterien, nach denen sich die nicht mehr primär situations-, sondern subjektbestimmte Gruppenbildung vollzieht. Denn diese drei Kennzeichen signalisieren dem einzelnen, ob die Lebensform des anderen mit der eigenen Erlebnisweise harmoniert. So bilden sich relativ homogene soziale Milieus, die sich nach Bildungsgrad, Generationszugehörigkeit, fundamentaler Sinnorientierung und Lebensstil unterscheiden lassen. Diese Milieus liefern den Individuen den erwünschten Halt, da sie ihre Erlebnisweisen einander angleichen und stabilisieren. Die "Erlebnisgesellschaft" entpuppt sich nicht als großes Kuddelmuddel versprengter Individualitäten, sondern als Gefüge kaum mehr miteinander konkurrierender, sondern weitgehend auf das eigene milieuspezifische "Erleben" konzentrierter Großgruppen.

Gerhard Schulze liefert zum einen eine ausgefeilte Theorie der Gesellschaftsbildung unter den Bedingungen fortgeschrittener Individualisierung. Zum anderen bietet er eine reichhaltige, glänzend formulierte Milieubeschreibung der bundesrepublikanischen Gesellschaft der achtziger Jahre, die auf empirische Untersuchungen zurückgeht. Er unterscheidet zwischen dem Niveaumilieu, dem Integrationsmilieu, dem Harmoniemilieu, dem Selbstverwirklichungsmilieu und dem Unterhaltungsmilieu. Aus der Perspektive des "Niveaumilieus" erscheint die Gesellschaft vornehmlich als hierarchische Ordnung, und jeder einzelne versucht, darin einen möglichst hohen Rang einzunehmen. Das "Integrationsmilieu" nimmt vor allem die gesellschaftlichen Konformitätserwartungen in den Blick, und seine Mitglieder sind bemüht, sich angepaßt zu verhalten. Das "Harmoniemilieu" erlebt die soziale Wirklichkeit als Existenzbedrohung und reagiert darauf mit der Suche nach Geborgenheit. Den Mitgliedern des "Selbstverwirklichungsmilieus" wird der "innere Kern" der eigenen Person zum Nabel der Welt, dessen Hege und Pflege als höchster Wert erscheint. Das "Unterhaltungsmilieu" orientiert sich an den momentanen Bedürfnissen und strebt nach immer neuer Stimulation.
(...)
(DIE ZEIT, Nr. 34/1992)

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ARBEIT !

Tommaso Campanella: Der Sonnenstaat (Ein poetischer Dialog) (1632)

Nun erzähle mir bitte von der Arbeit im Sonnenstaat.

Seemann: Ich glaube, ich habe dir schon mitgeteilt, daß die militärischen Dienstleistungen und die für Ackerbau und Viehzucht erforderlichen Arbeiten von ihnen gemeinsam ausgeführt werden. Jeder muß nämlich diese Arbeiten, die allgemein als die vornehmsten gelten, kennen. Wer sich daher in mehreren Berufen auskennt, ist angesehener als die anderen, und wer in einem Beruf besonders tüchtig ist, wird zum Lehrer in dem betreffenden Fach bestimmt. Die mühsamsten Arbeiten stehen bei ihnen in besonders hoher Achtung, wie etwa das Schmiede- und Maurerhandwerk. Keiner verschmäht es, eine solche Tätigkeit auszuüben, weil seine beruflichen Neigungen schon von Kindheit an gefördert worden sind. Überdies werden die Arbeiten so klug und gerecht verteilt, daß die Gesundheit darunter in keiner Weise leidet, sondern im Gegenteil noch gestärkt wird. Die weniger anstrengenden Arbeiten werden von den Frauen verrichtet. Alle Bürger des Sonnenstaates müssen schwimmen können. Darum sind in der Stadt und jenseits der Stadtmauern Teiche neben den Brunnen angelegt. Der Handel bringt ihnen zwar nur geringen Nutzen, doch kennen sie den Wert des Geldes und prägen selbst Münzen, damit ihre Gesandten und Kundschafter das, was sie zum Leben brauchen, mit Geld beschaffen können. Aus allen Weltgegenden kommen Kaufleute nach der Sonnenstadt, um ihren Bewohnern die überflüssigen Güter abzukaufen. Diese weigern sich, Geld dafür anzunehmen, und nehmen statt dessen im Austausch solche Waren an, an denen sie Mangel haben, oder kaufen sie auch oft mit Geld. Die Kinder der Sonnenstadt lachen aus vollem Halse, wenn sie sehen, was für ein Haufen Sachen für eine Handvoll Münzen hergegeben wird. Aber die Alten lachen nicht. Sie wollen nicht, daß ihr Staat durch die schlechten Sitten von Sklaven und Fremden verdorben wird. Daher schließen sie ihre Handelsgeschäfte draußen in den Häfen ab. Dort verkaufen sie auch die Kriegsgefangenen, wofern sie sie nicht zu Erdarbeiten und anderen schweren Arbeiten außerhalb der Stadt verwenden. (...)

Im Sonnenstaat ist alles im Überfluß vorhanden, denn jeder will in seiner Arbeit, die leicht und einträglich ist, der erste sein; jedermann ist gelehrig, und wer bei einer solchen Tätigkeit den anderen an Wissen und Können voraus ist, wird "König" (rex) genannt. Dieser Titel, behaupten sie nämlich, gebührt nur dem Kundigen und Wissenden, nicht aber dem Unwissenden. Es ist ein erhebender Anblick wie die Frauen und Männer, truppweise eingeteilt, an die Arbeit gehen, ohne jemals die Gebote ihres "Königs" zu übertreten oder jemals die Lust am Arbeiten und Gehorchen zu verlieren, wie dies bei uns der Fall wäre. (...)
ZUR INFORMATION:
Tommaso Campanella (1568 - 1639), Dominikanermönch aus Kalabrien. Anhänger ketzerischer Ideen, die ihn mit der Inquisition in Konflikt brachten. 1599 rief er zum Kampf gegen die spanische Fremdherrschaft in Kalabrien auf. Der Aufstand wurde verraten, Campanella gefangen, gefoltert und für 25 Jahre eingekerkert. Im Gefängnis schrieb er "Citta del sole" = DER SONNENSTAAT, 1632 in Frankfurt a.M. zuerst erschienen.
Campanella starb, nach seiner Freilassung, 1639 im Exil in Frankreich.


G.W.F. Hegel (Über Arbeit) (1818)

Die Arbeitszeit wird um so absolut toter, (...) die Geschicklichkeit des einzelnen um so unendlich beschränkter, und das Bewußtsein der Fabrikarbeiter wird zur letzten Stumpfheit herabgesetzt; und der Zusammenhang der einzelnen Art von Arbeit mit der ganzen unendlichen Masse der Bedürfnisse wird ganz unübersehbar und eine blinde Abhängigkeit, so daß eine entfernte Operation oft die Arbeit einer ganzen Klasse von Menschen, die ihre Bedürfnisse damit befriedigte, plötzlich hemmt, überflüssig und unbrauchbar macht.
(in: Hegel, Jenenser Realphilosophie, I, S. 239)
ZUR INFORMATION:
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831), Philosoph in Jena, Heidelberg und seit 1818 in Berlin. Hegels System besteht aus den drei Teilen: Logik, der Naturphilosophie und der Philosophie des Geistes. Hegel entwickelt das Prinzip der dialektischen Entwicklung als einer aus dem Widerspruch resultierenden Bewegung. Der Staat ist die höchste, weil allgemeinste Form des "objektiven Geistes" der Menschen. Der Staat ist daher für Hegel "der erscheinende Gott". Diese starre Staatstheorie wurde besonders vom preußischen Staat vereinnahmt und später in totalitären Systemen mißbraucht.
Karl Marx schulte sein dialektisches Denken an Hegels Philosophie und stellte diese - seiner Meinung nach - "vom Kopf auf die Füße": Nach Marx bestimmt die Basis den Überbau, d.h. die Alltags-, Produktions- und Besitzverhältnisse bestimmen Denken, Geist, Moral, Ethik, Recht, Religion oder Staatsauffassung der Menschen.
Hauptwerke Hegels: "Phänomenologie des Geistes" (1807), "Logik" (1812-16), "Enzyklopädie der Wissenschaften" (1817), "Rechtsphilosophie" (1821).

Karl Marx (Kritik an Hegel)

Hegel steht auf dem Standpunkt der modernen Nationalökonomie. Er faßt die Arbeit als das Wesen, als das sich bewährende Wesen des Menschen; er sieht nur die positive Seite der Arbeit, nicht ihre negative (...). Die Arbeit, welche Hegel allein kennt und anerkennt, ist die abstrakte geistige (...). Das menschliche Wesen, der Mensch gilt für Hegel = Selbstbewußtsein. Alle Entfremdung des menschlichen Wesens ist daher nichts als Entfremdung des Selbstbewußtseins. Die Entfremdung des Selbstbewußtseins gilt nicht als Ausdruck, im Wissen und Denken sich abspiegelnder Ausdruck der wirklichen Entfremdung des menschlichen Wesens.
(in: Marx, Nationalökonomie und Philosophie, Frühschriften S. 269 u. 271)


Karl Marx: Die Aufhebung der Entfremdung (durch Arbeit) in der kommunistischen Gesellschaft
In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind und alle Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums voller fließen - erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.
(Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, 1. Abschnitt, 1875)

Sowie die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will - während in der kommunistischen Gesellschaft, wo jeder nicht einen ausschließlichen Teil der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, auch das Essen zu kritisieren, ohne je Jäger, Fischer oder Hirt oder Kritiker zu werden, wie ich gerade Lust habe. Das Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unseres eigenen Produktes zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unserer Kontrolle entwächst, unsere Erwartungen durchkreuzt, unsere Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung.
(Karl Marx, "Die deutsche Ideologie", Frühschriften, S. 361)


Karl Marx: Die Aufhebung der Entfremdung im Kommunismus
Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen! darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus = Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung. (...)
Religion, Familie, Staat, Recht, Moral, Wissenschaft, Kunst etc. sind nur besondre Weisen der Produktion und fallen unter ihr allgemeines Gesetz. Die positive Aufhebung des Privateigentums, als die Aneignung des menschlichen Lebens, ist daher die positive Aufhebung aller Entfremdung, also die Rückkehr des Menschen aus Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches, d.h. gesellschaftliches Dasein. (...)
(Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, MEW 1, S. 536-538)
ZUR INFORMATION:
Karl Marx (1818 - 1883), geb. in Trier. Studium der Philosophie in Bonn und Berlin. 1841 Chefredakteur der "Rheinischen Zeitung". 1843 Übersiedlung nach Paris. 1845 Ausweisung nach Brüssel. 1848/49 "Kommunistisches Manifest", gemeinsam mit Friedrich Engels. 1849 Marx in London. 1850 Aktionsprogramm des "Kommunistenbundes". 1859 "Zur Kritik der politischen Ökonomie". 1864 Stiftung der "Internationalen Arbeiter-Assoziation" (1. Internationale). 1867 "Das Kapital", 1. Bd. 1871 "Der Bürgerkrieg in Frankreich" (über den Kommuneaufstand). 1875 "Kritik des Gothaer Programms" (der SPD).



Etienne Cabet (1788 - 1856): Die ikarische Republik (1839)

Diese Grundsätze finden sich in Anwendung bei der Organisation der Arbeit.
Die Republik oder die freie Gemeinde bestimmt jährlich alle diejenigen Gegenstände, die hervorgebracht werden müssen, um als Nahrung, Wohnung, Kleidung des Volkes, das heißt der Nation oder, aller, zu dienen. Der Staat allein ist berechtigt, in seinen Nationalwerkstätten, Nationalfabriken, Nationalmanufakturen (da nämlich nichts privat gemacht wird) seine Arbeiter zu beschäftigen. Der Staat wählt überall die besten Plätze aus, gibt die besten Grundrisse und die besten Materialien zum Aufbau dieser Werkhäuser oder vielmehr Werkpaläste, er allein weiß jedesmal diejenigen Gewerke zu verknüpfen, welche getrennt nicht gut bestehen können. Da er, der Herr über alles, auch keine Ausgabe scheut, so sind seine Unternehmungen mit dem glänzendsten Erfolge gekrönt. Er vermag es, jeden Zweig bis ins Kleinste zu vervollkommnen, die besten Vorschläge nach langem, reiflichstem Prüfen anzunehmen, und alle übrigen abzuweisen. Er macht sofort die guten Neuerungen bekannt und führt sie ein. Er bildet in Werkschulen seine Arbeiter, er übt sie theoretisch wie praktisch, er bezahlt sie (nicht in Geld, welches bekanntlich bei den Ikariern nicht vorhanden ist, sondern) in Naturalien. Er endlich ist der Generalhaushalter und Hausmeister im Reiche, denn er sammelt die Produkte in seinen Magazinen und teilt sie von dort an die Arbeitenden, seine Söhne und Töchter aus. Dieser Staat ist die Nation selbst, durch das Komitee der Industrie dargestellt. Man muß schon jetzt die ungeheuren Vorzüge dieses Organismus einsehen, welche Ersparnis an Zeit, Mühe, Kraft, welche Tüchtigkeit sich dadurch gewinnen läßt, ist wahrhaft bewundernswert. Jeder Ikarier und jede Ikarierin übt irgend eine Hausbeschäftigung oder Kunstfertigkeit oder Profession aus, die vom Gesetzbuch bestimmt ist.
Die jungen Männer beginnen das Arbeiten mit dem achtzehnten, die jungen Mädchen mit dem siebzehnten Jahre. Früher kann man sie nicht dazu nehmen, da sie ihren Körper ausbilden, ihre Erziehung abmachen müssen. Im fünfundsechzigsten hört der Greis auf, im fünfzigsten die Frau, wenn sie es wünschen, doch ist die Arbeit so erleichtert, daß nur wenige Personen jenes Alters sich zurückziehen, fast ohne Ausnahme fahren sie fort, ein Geschäft noch weiter zu betreiben. Krankheit macht natürlich arbeitsfrei, in schweren Fällen wird aber, um allem Mißbrauch vorzubeugen, erheischt, daß der Patient sich in den öffentlichen Krankenpalast, das sogenannte Hospital, führen lasse. Jeder Arbeitende kann übrigens in besonderen gesetzlich bestimmten Umständen, und unter Bewilligung seiner Mitarbeitenden, einen Urlaub erhalten.
Die ikarische Arbeit ist leicht, angenehm, die Verordnungen haben stets den Zweck vor Augen, niemals ist ein so gerechter milder Arbeitsmeister in der Welt gesehen worden, als der ikarische Staat ist. Maschinen sind hier ins Endlose vervielfacht und sehr nahe der Vollkommenheit gebracht. (...)
(in: E. Cabet, Reise nach Ikarien, Leipzig 1847)
ZUR INFORMATION:
Etienne Cabets (1788 - 1856) "Voyage en Icarie" erschien 1839 getarnt als Reisebericht. Im Vorwort zur 2. Auflage schreibt Cabet: Es ist ein Roman, dieses Buch; aber zugleich handelt er über Ernstes: über Politik, Staatshaushalt, Sitten, Gesetze, Ehe, Philosophie und Moral. Wir haben lange und viele ausgedehnte und tiefe Studien zu machen für nötig befunden, um ihn zu verfassen. Es fällt uns wahrlich nicht im geringsten ein, wir hätten nicht einen Irrtum in diesem Werk begangen. Solche lächerliche Anmaßlichkeit ist uns fremd." Cabet entwickelt das Konzept eines "ikarischen Kommunismus" als einen friedlichen Weg zur Klassenversöhnung. Enttäuscht von den Revolutionen im Jahre 1848 in Europa, wanderte Cabet mit Anhängern nach Amerika aus, scheiterte aber auch dort mit seinem Modell einer "ikarischen Republik" als eigener Kolonie. Marx und Engels lehnten Cabets Gedanken als zu "versöhnlerisch" ab. Sie setzten auf den gewaltsamen Klassenkampf durch Revolutionen.



B.F. Skinner: Futurum zwei (Walden Two) (1948)

Castle hielt dem ungeduldig entgegen: "Warum dann aber auf allgemeiner körperlicher Arbeit bestehen?"
"Einfach weil Köpfe und Fäuste nie ausschließlich Köpfe und Fäuste sind. Keiner von uns besteht nur aus Gehirn oder Muskeln, und dem muß unser Leben angepaßt werden. Es ist fatal, das Element zu vergessen, das in der Minderheit ist. Fatal, die Fäuste so zu behandeln, als gäbe es keine Köpfe, und wohl noch fataler, die Köpfe so zu behandeln, als gäbe es keine Fäuste. Eine oder zwei Stunden körperlicher Arbeit täglich ist eine Maßnahme der Gesundheit. Die Menschen haben immer durch ihre Muskeln gelebt, das wird an ihrer Physis deutlich. Wir dürfen unsere dicken Muskeln nicht überhandnehmen lassen, nur weil wir Mittel und Wege gefunden haben, die dünnen zu gebrauchen. Man befrage jeden beliebigen Arzt nach den Krankheiten der Unbeschäftigten. Gewisser kultureller Vorurteile zuliebe kann der Arzt nicht viel anderes als Golfspielen oder Reiten oder Holzhacken verordnen, vorausgesetzt, daß der Patient kein Brennholz braucht. Was der Arzt aber eigentlich lieber sagen würde, wäre: "Tun Sie körperliche Arbeit!"
"Es gibt aber", fuhr Frazier fort, "noch einen stichhaltigeren Grund, weshalb die Gehirne die Muskeln nicht vernachlässigen dürfen. Heutzutage ist es der gescheite Mensch mit den kleinen Muskeln, der sich in den Positionen der Regierenden findet. In Futurum Zwei entwirft er die Pläne, beschafft Materialien, stellt Regeln auf, bewertet Tendenzen, leitet Experimente. Bei Arbeiten dieser Art muß der Leiter ein Auge auf die Geleiteten haben, muß deren Bedürfnisse kennen, ihr Los teilen. Darum müssen unsere Planer und Manager und Wissenschaftler einige ihrer Arbeitswerte in niederer Arbeit ableisten. Darin liegt unsere verfassungsmäßige Garantie dafür, daß die Probleme derer mit den dicken Muskeln nicht vergessen werden."
Wir schwiegen. Unsere Spiegelbilder in den Fensterscheiben mischten sich mit den letzten Spuren des Tageslichts am Himmel. Castle begann von neuem: "Aber vier Stunden am Tag! Das kann ich nicht ernst nehmen. Man denke doch an die Kämpfe, die es kostete, zu einer Vierzigstundenwoche zu gelangen. Was würden unsere Industriellen für Ihr Rezept geben! Oder unsere Politiker! Mr. Frazier, wir alle sind gezwungen, die Lebensführung, die Sie uns da vorführen, zu bewundern, aber irgendwie ist mir doch zumute, als zauberten Sie uns da eine liebliche Jungfrau vor, die in der Luft schwebt. Sogar durch einen Reifen lassen Sie sie schweben, um Ihre Zauberkunst zu demonstrieren. Und wenn wir nun darauf bestehen, den Trick verraten zu bekommen, erfahren wir, daß die Jungfrau an einem dünnen Draht hängt. Die Erklärung ist ebenso schwer zu akzeptieren wie die Illusion. Wo ist der Beweis?"
"Wie, einen Beweis für eine vollendete Tatsache? Das wäre absurd! Aber vielleicht stellt es Sie zufrieden, wenn ich Ihnen verrate, woher wir wußten, wie es gemacht wurd, noch ehe wir es versuchten."
"Das wäre schon was", sagte Castle trocken.
"Schön. Nehmen wir mal eine übliche Siebentagewoche von acht Arbeitsstunden pro Tag. (Die Vierzigstundenwoche ist nicht in alle Lebensbereiche eingedrungen; jeder Bauer würde sie Ferien nennen.) Das sind fast 3000 Stunden im Jahr. Unser Bestreben war es, diese auf die Hälfte zu reduzieren. Tatsächlich haben wir noch mehr erreicht. Aber wieso konnten wir uns sicher fühlen, die 3000 zu halbieren? Würde Ihnen eine Antwort darauf genügen?"
"Ich wäre gespannt", sagte Castle.
"Sehr gut", fuhr Frazier rasch fort, als hätte Castles Bemerkung ihn angestachelt. "Zunächst haben wir die simple Tatsache, daß vier mehr ist als die Hälfte von acht. Wir arbeiten rascher und geschickter in den ersten Arbeitsstunden. Das Ergebnis eines Vierstundentages ist enorm, vorausgesetzt, der Rest der Zeit wird nicht zu anstrengend zugebracht. Nehmen wir eine vorsichtige Schätzung, um Aufgaben mit zu berücksichtigen, die nicht in Eile gemacht werden können, und sagen wir, daß unsere vier Stunden den fünfen der üblichen acht entsprechen. Einverstanden?"
"Meinetwegen", sagte Castle, "aber von den acht sind Sie noch weit entfernt."
Frazier setzte ein zufriedenes Lächeln auf, das verriet, daß auch die versprochenen acht in kurzer Frist da wären. "Zweitens haben wir die zusätzliche Anregung, die sich einstellt, wenn ein Mensch für sich selber arbeitet anstatt für einen profitgierigen Boß. Das ist ein Ansporn mit gewaltigem Effekt. Leerlauf wird vermieden, die Leistung steigt, vorsätzliche Verlangsamung kommt nicht vor. Sollen wir sagen, daß vier Stunden in eigener Sache so viel wie sechs für den Arbeitgeber wiegen?"
"Und ich hoffe", warf ich ein, "Sie wollen darlegen, daß die vier nicht härter sind als die sechs. Das Herumlungern macht ein Arbeit nicht leichter, und Langeweile ist anstrengender als Schufterei. Was ist aber mit den übrigen zwei?"
"Lassen Sie mich daran erinnern, daß nicht alle arbeitsfähigen Amerikaner beschäftigt sind. Wir vergleichen den Achtstundentag Einiger mit dem Vierstundentag Aller. In Futurum Zwei haben wir keine Müßiggängerschicht, keine vorzeitig Gealterten oder Behinderten, keine Betrunkenen, keine Kriminellen, viel weniger Kranke. Bei uns ist keiner wegen schlechter Planung unbeschäftigt. Keiner wird dafür bezahlt, daß er, um eine Norm innezuhalten, müßig dasitzt. Unsere Kinder arbeiten in frühem Alter - wenig, aber fröhlich. Was meinen Sie, Mr. Castle, darf ich eine weitere Stunde zu meinen sechs hinzulegen?"
"Ich fürchte, ich muß Ihnen mehr als diese bewilligen", erwiderte Castle unerwartet gutmütig.
"Seien Sie vorsichtig", sagte Frazier angenehm berührt, "und sagen wir, wenn jeder potentielle Arbeiter vier Stunden für sich selber einsetzt, so haben wir den Gegenwert von etwa zwei dritteln aller erreichbaren Arbeiter, die sieben von acht Stunden für jemand andern arbeiten. Was ist aber nun mit denen, die sich tatsächlich in Arbeit befinden? Arbeiten sie zu bestem Nutzen? Sind sie sorgfältig für ihre Arbeit ausgesucht worden? Machen sie das Beste aus den arbeitssparenden Maschinen und Methoden? Wie viel Prozent der Farmen in Amerika sind so mechanisiert wie wir hier? Begrüßen die Arbeiter die Maschinen und Methoden und handhaben sie sie richtig? Wie viele gute Arbeiter sind frei, auf einem produktiveren Niveau eingesetzt zu werden? Wieviel Ausbildung bekommen die Arbeiter, um so leistungsfähig wie möglich zu werden?"
"Ich kann Ihnen nicht viel Kredit für besseren Gebrauch der Arbeitskraft einräumen", sagte Castle, "wenn Sie Ihren Mitgliedern freie Berufswahl gewähren."
"Sie haben recht, das ist eine Extravaganz", versetzte Frazier. "In der nächsten Generation werden wir das besser machen, dafür wird unser Erziehungssystem sorgen. Einverstanden. Kein Punkt für Verschwendung infolge falsch eingesetzter Talente." Er schwieg einen Augenblick, als überlege er, ob er dieses Zugeständnis machen dürfe. (...)
(B.F. Skinner: Futurum Zwei - Walden Two - 1948, S. 58-60)
ZUR INFORMATION:
Burrhus Frederic Skinner, geb. 1904, amerikanischer Verhaltensforscher. Seit 1948 Professor an der Harvard University, wo er die wissenschaftlichen Grundlagen des lerntheoretisch orientierten Behaviorismus entwickelte. Skinner leitete von seinen Theorien Konsequenzen für die menschliche Gesellschaft ab. Diese stellte er in seinem utopischen Roman "Futurum Zwei" (1948) und seinem Werk "Jenseits von Freiheit und Würde" (1971) dar.

Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (1949): Die Grundrechte

Artikel 1
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Artikel 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Artikel 3
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

Artikel 11
(1) Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet.
(2) ...

Artikel 12
(1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausbildung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.
(2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.
(3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.



September 2018
Themen der afrikanischen Philosophie

Mehr oder weniger alle Themen der afrikanischen Philosophie sind von einem Faktor beeinflußt, den ich den kolonialen Faktor nennen möchte. Zuerst ist festzuhalten, daß afrikanische Philosophie - ausgenommen eventuell bisher nicht stichhaltig nachgewiesene vorkoloniale Philosophien - komplett als Reaktion auf  und in Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus entstand und wirkte. Der Kulturkontakt zwischen sogenannten Mutterländern und den Kolonien war j a eben  kein eigentlicher Kulturaustausch, sondern erzwungene Anpassung an den  Stärkeren und auch Kulturzerstörung. Hier müssen ideologische Momente berücksichtigt werden - in dem Sinne, daß es um Interessen bestimmter sozialer  Gruppen geht, die aber oft als die Interessen einer Gesamtheit ausgegeben werden. Das gilt auch dann, wenn sich einzelne Schulen (Hermeneutik in Kinshasa, Ethnophilosophie bei Kagamé) betont unpolitisch geben. Besondere Beachtung  verdient dabei das Phänomen, daß sich nicht selten traditionalistische Eliten afrikanischer Länder und Protagonisten des Kolonialismus (später auch verschiedener Varianten des Neokolonialismus) ideologisch ergänzten. Assimilation und Einpassung fanden auf Gebieten statt, die nicht sofort ersichtlich sind, gelegentlich sogar als Kampfansage an europäische Zivilisation und Politik mißgedeutet wurden, wie es selbst mit der Bantu-Philosophie des Placide Tempels geschah oder  mit einzelnen Varianten der Négritude.
 Diese im Zusammenhang mit dem Kolonialismus stehende Form des Kulturkontaktes führte aber auch zu sehr spezifischen Formen der Konservierung von Traditionellem. Bewahrt wurden nicht selten vor allem jene Elemente „afrikanischen Denkens“, die als Pendant zu den fremden Werten der Konsum- und  Industriegesellschaft ins Spiel gebracht werden konnten. Auf jeden Fall kam es zur Auswahl und zu neuen Schwerpunktsetzungen, so daß diese konservieıten  Ansichten nicht identisch mit den tatsächlich vorkolonialen Denkmodellen sein  müssen.
 Schließlich entwickelte sich besonders in den 50er Jahren als Form der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus die Form der Kampfschriften als Mischform soziologischer, philosophischer, literarisch-künstlerischer und politischer Texte. Dieser sich damit herausbildende neue Stil könnte, würden die realgeschichtlichen Hintergründe nicht beachtet Werden, als blanke Polemik mißverstanden werden (Césaire, Fanon, Nkrumah nach 1966). Die Tatsache, daß diese Autoren oft auch den Traditionalismus ablehnten, führte außerdem dazu, daß ihre  Ideen (besonders in Europa) als nichtafrikanisch abgelehnt wurden,  Die zeitweilige Dominanz dieser Pamphlete - aus der bedrückenden Situation  der Kolonien heraus verständlich -  führte aber auch zu einer periodisch wiederkehrenden Überbewertung des kolonialen Faktors bei der Beschäftigung mit der Geistesgeschichte Afrikas. Tendenzen des Tradtionsnihilismus wurden deutlich,  die wiederum die Traditionalisten auf den Plan riefen. Für das Verständnis afrikanischer Philosophie scheint wichtig, den hier entstandenen spezifischen Stil  ernst zu nehmen, nicht etwa von vornherein als nichtphilosophisch zu denunzieren. …
( Gerd-Rüdiger Hoffmann. Cornelsen. Bd 29, Philosophie)








RUDOLF CARNAP
Metaphysische Scheinsätze

Wir wollen nun einige Beispiele metaphysischer Scheinsätze aufzeigen, an denen sich besonders deutlich erkennen läßt, dass die logische Syntax verletzt ist, obwohl die historisch-grammatische Syntax erfüllt ist. Wir wählen einige Sätze aus derjenigen metaphysischen  Lehre, die gegenwärtig in Deutschland den stärksten Einfluss ausübt.  [Die folgenden Zitate (Sperrungen im Original, sind entnommen aus: Martin Heidegger,  Was ist Metaphysik?, Bonn, 1929 (S. 10, 12-13, 17, 19. Fünfte Auflage, Frankfurt a. M.,  1949; S. 24, 26-27, 29-31. Im Gegensatz zur ersten Auflage, in der fünften erscheint diese  Stelle ohne Sperrungen, und die Worte „das Seiende nur” lauten „nur das Seiende” ) Wir  hätten ebensogut Stellen aus irgendeinem anderen der zahlreichen Metaphysiker der Gegenwart oder der Vergangenheit entnehmen können; doch scheinen uns die ausgewählten  Stellen unsere Auffassung besonders deutlich zu illustrieren.  „Erforscht werden soll das Seiende nur und sonst - nichts; das Seiende allein und weiter  - nichts; das Seiende einzig und darüber hinaus - nichts. Wie steht es um dieses  Nichts?. .. Gibt es das Nichts nur, weil es das Nicht, d. h. die Verneinung gibt? Oder liegt es  umgekehrt? Gibt es die Verneinung und das Nicht nur, weil es das Nichts gibt?. .. Wir behaupten: das Nichts ist ursprünglicher als das Nicht und die Vemeinung. .. Wo suchen wir  das Nichts? Wie finden wir das Nichts?...wir kennen das Níchts,... Die Angst oflenbart        
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Wir können einen metaphysischen Satz als einen Satz definieren, der vorgibt, eine echte  Proposition auszudrücken, in Wirklichkeit aber weder eine Tautologie noch eine empirische Hypothese ausdrückt. Da aber Tautologien und empirische Hypothesen die vollständige Klasse bedeutsamer Propositionen bilden, ist unsere Schlussfolgerung gerechtfertigt,  dass alle metaphysischen Behauptungen unsinnig seien.
 
Alfred Jules Ayer
 
 
 

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Das metaphysische Bewusstsein hat keine anderen Gegenstände als die alltägliche Erfahrung: diese Welt, die anderen, die Geschichte der Menschheit, die Kultur. Aber statt sie als  etwas hinzunehmen, das keiner Frage mehr bedarf, wie Konsequenzen ohne Prämissen und als wenn sie sich von selbst verstünden, entdeckt es ihre fundamentale Befremdlichkeit  für mich und das Wunder ihrer Erscheinung wieder.
 
Maurice Merleau-Ponty        
 
 
Die Sätze I sind sowohl grammatisch wie logisch einwandfrei, also sinnvoll. Die Sätze unter II (mit Ausnahme von B 3) stehen grammatisch in vollkommener Analogie zu denen  unter I. Die Satzform ll A (als Frage und Antwort.) entspricht zwar nicht den Forderungen, die an eine logisch korrekte Sprache zu stellen sind. Sie ist aber trotzdem sinnvoll, da  sie sich in korrekte Sprache übersetzen läßt; das zeigt der Satz III A, der denselben Sinn wie  II A hat. Die Unzweckrnäßigkeit der Satzform ll A zeigt sich dann darin, dass wir von ihr  aus durch grammatisch einwandfreie Operationen zu den sinnlosen Satzformen II B gelangen können, die dem obigen Zitat entnommen sind. Diese Formen lassen sich in der korrekten Sprache der Kolonne III überhaupt nicht bilden. Trotzdem wird ihre Sinnlosigkeit  nicht auf den ersten Blick bemerkt, da man sich leieht durch die Analogie zu den sinnvollen  Sätzen I B täuschen lässt. Der hier festgestellte Fehler unserer Sprache liegt also darin, dass sie, im Gegensatz zu einer logisch korrekten Sprache, gramrnatische Formgleichheit zwischen sinnvollen und sinnlosen Wortreihen zulässt. Jedem Wortsatz ist eine entsprechende  Formel in der Schreibweise der Logistik beigefügt; diese Formeln lassen die unzweekmäßige Analogie zwisehen I A und ll A und die darauf beruhende Entstehung der sinnlosen Bildungen ll B besonders deutlich erkennen.  Bei genauerer Betrachtung der Seheinsätze unter II B zeigen sieh noch gewisse Unterschiede. Die Bildung der Sätze (1) beruht einfach auf dem Fehler, dass das Wort „nichts“ als Gegenstarıdsname verwendet wird, weil man es in der üblichen Sprache in dieser Form zu verwenden pflegt, um einen negativen Existenzsatz zu formulieren (siehe II A). In einer korrekten Sprache dient dagegen zu dem gleichen Zweck nicht ein besonderer Name, sondern  eine gewisse logische Form des Satzes (siehe III A). Im Satz II B 2 kommt noch etwas Neues hinzu, nämlich die Bildung des bedeutungslosen Wortes „nichten”; der Satz ist also aus  doppeltem Grunde sinnlos. Wir haben früher dargelegt, daß die bedeutungslosen Wörter  der Metaphysik gewöhnlich dadurch entstehen, daß einem bedeutungsvollen Wort durch  die metaphorische Verwendung in der Metaphysik die Bedeutung genommen wird. Hier  dagegen haben wir einen der seltenen Fälle vor uns, dass ein neues Wort eingeführt wird,  das schon von Beginn an keine Bedeutung hat. Satz II B 3 ist ebenfalls aus doppeltem  Grunde abzulehnen. In dem Fehler, das Wort „nichts” als Gegenstandsname zu benutzen,  stimmt er mit den vorhergehenden Sätzen überein. Außerdem enthält er aber einen Widerspruch. Denn selbst, wenn es zulässig wäre, „nichts” als Name oder Kennzeichnung eines  Gegenstandes einzuführen, so würde doch diesem Gegenstand in seiner Definition die Existenz abgesprochen werden, in Satz (3) aber wieder zugeschrieben werden. Dieser Satz  würde also, wenn er nicht schon sinnlos wäre, kontradiktorisch, also unsinnig sein.(....)  Nachdem wir gefunden haben, dass viele metaphysíschen Sätze sinnlos sind, erhebt sich die  Frage, ob es vielleicht doch einen Bestand an sinnvollen Sätzen in der Metaphysik gibt, der  übrigbleiben würde, wenn wir die sinnlosen ausmerzen. '

Man könnte ja durch unsere bisherigen Ergebnisse zu der Auffassung kommen, daß die  Metaphysik viele Gefahren, in Sinnlosigkeit zu geraten, enthält, und dass man sich daher,  wenn man Metaphysik betreiben will, bemühen müsse, diese Gefahren sorgfältig zu meiden. Aber in Wirklichkeit liegt die Sache so, dass es keine sinnvollen metaphysischen Sätze  geben kann. Das folgt aus der Aufgabe, die die Metaphysik sich stellt: sie will eine Erkenntnis finden und darstellen, die der empirischen Wissenschaft nicht zugänglich ist.  Wir haben uns früher überlegt, daß der Sinn eines Satzes in der Methode seiner Verifikation liegt. Ein Satz besagt nur das, was an ihm verifizierbar ist. Daher kann ein Satz, wenn  er überhaupt etwas besagt, nur eine empirische Tatsache besagen. Etwas, das prinzipiell  jenseits des Erfahrbaren läge, könnte weder gesagt, noch gedacht, noch erfragt werden.  Die (sinnvollen) Sätze zerfallen in folgende Arten: Zunächst gibt es Sätze, die schon auf  Grund ihrer Form allein wahr sind („Tautologien” nach Wittgenstein; sie entsprechen ungefähr Kants „analytischen Urteilen”); sie besagen nichts über die Wirklichkeit. Zu dieser  Art gehören die Formeln der Logik und Mathematik; sie sind nicht selbst Wirklichkeitsaussagen, sondern dienen zur Transformation solcher Aussagen. Zweitens gibt es die Ne-  gate solcher Sätze („Kontradiktionen”); sie sind widerspruchsvoll, also auf Grund ihrer Form falsch. Für alle übrigen Sätze liegt die Entscheidung über Wahrheit oder Falschheit  in den Protokollsätzen; sie sind somit (wahre oder falsche) Erfahrungssätze und gehören zum Bereich der empirischen Wissenschaft. Will man einen Satz bilden, der nicht zu diesen  Arten gehört, so wird er automatisch sinnlos. Da die Metaphysik weder analytische Sätze  sagen, noch ins Gebiet der empirischen Wissenschaft geraten will, so ist sie genötigt, entweder Wörter anzuwenden, für die keine Kriterien angegeben werden und die daher bedeutungsleer sind, oder aber bedeutungsvolle Wörter so zusammenzustellen, dass sich weder  ein analytischer (bzw. kontradiktorischer) noch ein empirischer Satz ergibt. In beiden Fällen ergeben sich notwendig Scheinsätze.     

Die logische Analyse spricht somit das Urteil der Sinnlosigkeit über jede vorgebliche E kenntnis, die über oder hinter die Erfahrung greifen will. Dieses Urteil trifft zunächst jede spekulative Metaphysik, jede vorgebliche Erkenntnis aus reinem Denken oder aus reiner  Intuition, die die Erfahrung entbehren zu können glaubt. Das Urteil bezieht sich aber auch auf diejenige Metaphysik, die, von der Erfahrung ausgehend, durch besondere Schlüsse  das außer oder hinter der Erfahrung Líegende erkennen will (also z.B. auf die neovitalistische These einer in den organischen Vorgängen wirkenden „Entelechie”, die physikalisch  rıicht erfaßbar sein soll; auf die Frage nach dem „Wesen der Kausalbeziehung” über die  Feststellung gewisser Regehmäßigkeiten des Aufeinanderfolgens hinaus; auf die Rede vom  „Ding an sich”). Weiter gilt das Urteil auch für alle Wert- oder Normphilosophie, für jede  Ethik oder Ästhetik als normative Disziplin. Denn die objektive Gültigkeit eines Wertes  oder einer Norm kann ja, (auch nach Auffassung der Wertphilosophen) nicht empirisch  verifiziert oder aus empirischen Sätzen deduziert werden; sie kann daher überhaupt nicht  (durch einen sinnvollen Satz) ausgesprochen werden. Anders gewendet: Entweder man  gibt für „ gut” und „schön“ und die übrigen in den Normwissenschaften verwendeten Prädikate empirische Kennzeichen an oder man tut das nicht. Ein Satz mit einem derartigen Prädikat wird im ersten Fall ein empirisches Tatsachenurteil, aber kein Werturteil; im zweiten Fall wird es ein Scheinsatz; einen Satz, der ein Werturteil ausspräche, kann man überhaupt nicht bilden.  Das Urteil der Sinnlosigkeit trifft schließlich auch jene metaphysischen Richtungen, die  man unzutreffend als erkenntnistheoretische Richtungen zu bezeichnen pflegt, nämlich  den Realismus (sofern er mehr besagen will als den empirischen Befund, daß die Vorgänge  eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen, wodurch die Möglichkeit zur Anwendung der in-  duktiven Methode gegeben ist) und seine Gegner: subjektiven Idealismus, Solipsismus,  Phänomenalismus, Positivismus (im früheren Sinne).  Was aber bleibt denn für die Philosophie überhaupt noch übrig, wenn alle Sätze, die etwas  besagen, empirischer Natur sind und zur Realwissenschaft gehören? Was bleibt, sind nicht  Sätze, keine Theorie, kein System, sondern nur eine Methode, nämlich die der logischen  Analyse.
LUDWIG WITTGENSTEIN
Wovon man sprechen kann und worüber man schweigen muss.

6.4 Alle Sätze sind gleichwertig.  

6.41 Der Sinn der Welt muß außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles wie es ist und  geschieht alles wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert - und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert.  Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muß er außerhalb alles Geschehens  und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig.  Was nicht-zufällig macht, kann nicht in der Welt liegen; denn sonst wäre dies wieder zufällig.  Es muß außerhalb der Welt liegen.  

6.42  Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres  ausdrücken.  

6.421 Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt.  Die Ethik ist transzendental.  (Ethik und Aesthetik sind Eins).  

6.422 Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines ethischen Gesetzes von der Form  „du sollst. ..” ist: Und was dann, wenn ich es nicht tue? Es ist aber klar, dass die  Ethik nichts mit Strafe und Lohn im gewöhnlichen Sinne zu tun hat. Also muss diese Frage nach den Folgen einer Handlung belanglos sein. - Zum Mindesten  dürfen diese Folgen nicht Ereignisse sein. Denn etwas muss doch an jener Fragestellung richtig sein. Es muss zwar eine Art von ethischem Lohn und ethischer  Strafe geben, aber diese müssen in der Handlung selbst hegen.  (Und das ist auch klar, dass der Lohn etwas Angenehmes, die Strafe etwas Unangenehmes sein muss.)  

6.423 Vom Willen als dem Träger des Ethischen kann nicht gesprochen werden.  Und der Wille als Phänomen interessiert nur die Psychologie. _
6.4311 Wenn das gute oder böse Wollen die Welt ändert, so kann es nur die Grenzen  der Welt ändem, nicht die Tatsachen; nicht das, was durch die Sprache ausgedrückt werden kann.
Kurz, die Welt muß dann dadurch überhaupt eine andere werden. Sie muß sozusagen als Ganzes abnehmen oder zunehmen.  Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.  Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondem aufhört.  Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.  Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondem Unzeitlichkeit  versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.  Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.  

6.4232 Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen, das heißt also ihr ewiges  Fortleben nach dem Tode, ist nicht nur auf keine Weise verbürgt, sondem vor  allem leistet diese Annahme gar nicht das, was man immer mit ihr erreichen  wollte. Wird denn dadurch ein Rätsel gelöst, dass ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso rätselhaft wie das gegenwärtige? Die Lösung  des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raurn und Zeit.  (Nicht Probleme der Naturwissenschaft sind ja zu lösen.)  

6.432 Wie die Welt ist, ist für das Höhere vollkommen gleichgültig. Gott offenbart  sich nicht in der Welt.  

6.4321 Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung.  

6.44 Nicht wie die Welt, ist das Mystische, sondern dass sie ist.  

6.45 Die Anschauung der Welt sub specie aeterni ist ihre Anschauung als-begrenztes-Ganzes. Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische.  

6.5 Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen.  
Das Rätsel gibt es nicht.   

Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.  
Skeptizismus ist nicht unwiderleglich, sondern offenbar unsinnig, wenn er bezweifeln will, wo nicht gefragt werden kann.  
Denn Zweifel kann nur bestehen, wo eine Frage besteht; eine Frage nur, wo eine  Antwort besteht, und diese nur, wo etwas gesagt werden kann.  

6.52 Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt  dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.  Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens  nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin  dieser Sinn bestand.)  

6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.  

6.53 Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als  was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft- also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat --, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen  Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend - er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten - aber sie wäre die einzig streng richtige.  

6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als  unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist.  (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen  ist.)  Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.  

7. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.       
  
 
    
LUDWIG WITTGENSTEIN
Wovon man sprechen kann und worüber man schweigen muss.

6.4 Alle Sätze sind gleichwertig.  

6.41 Der Sinn der Welt muß außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles wie es ist und  geschieht alles wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert - und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert.  Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muß er außerhalb alles Geschehens  und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig.  Was nicht-zufällig macht, kann nicht in der Welt liegen; denn sonst wäre dies wieder zufällig.  Es muß außerhalb der Welt liegen.  

6.42  Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres  ausdrücken.  

6.421 Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt.  Die Ethik ist transzendental.  (Ethik und Aesthetik sind Eins).  

6.422 Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines ethischen Gesetzes von der Form  „du sollst. ..” ist: Und was dann, wenn ich es nicht tue? Es ist aber klar, dass die  Ethik nichts mit Strafe und Lohn im gewöhnlichen Sinne zu tun hat. Also muss diese Frage nach den Folgen einer Handlung belanglos sein. - Zum Mindesten  dürfen diese Folgen nicht Ereignisse sein. Denn etwas muss doch an jener Fragestellung richtig sein. Es muss zwar eine Art von ethischem Lohn und ethischer  Strafe geben, aber diese müssen in der Handlung selbst hegen.  (Und das ist auch klar, dass der Lohn etwas Angenehmes, die Strafe etwas Unangenehmes sein muss.)  

6.423 Vom Willen als dem Träger des Ethischen kann nicht gesprochen werden.  Und der Wille als Phänomen interessiert nur die Psychologie. _
6.4311 Wenn das gute oder böse Wollen die Welt ändert, so kann es nur die Grenzen  der Welt ändem, nicht die Tatsachen; nicht das, was durch die Sprache ausgedrückt werden kann.
Kurz, die Welt muß dann dadurch überhaupt eine andere werden. Sie muß sozusagen als Ganzes abnehmen oder zunehmen.  Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.  Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondem aufhört.  Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.  Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondem Unzeitlichkeit  versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.  Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.  

6.4232 Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen, das heißt also ihr ewiges  Fortleben nach dem Tode, ist nicht nur auf keine Weise verbürgt, sondem vor  allem leistet diese Annahme gar nicht das, was man immer mit ihr erreichen  wollte. Wird denn dadurch ein Rätsel gelöst, dass ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso rätselhaft wie das gegenwärtige? Die Lösung  des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raurn und Zeit.  (Nicht Probleme der Naturwissenschaft sind ja zu lösen.)  

6.432 Wie die Welt ist, ist für das Höhere vollkommen gleichgültig. Gott offenbart  sich nicht in der Welt.  

6.4321 Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung.  

6.44 Nicht wie die Welt, ist das Mystische, sondern dass sie ist.  

6.45 Die Anschauung der Welt sub specie aeterni ist ihre Anschauung als-begrenztes-Ganzes. Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische.  

6.5 Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen.  
Das Rätsel gibt es nicht.   

Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.  
Skeptizismus ist nicht unwiderleglich, sondern offenbar unsinnig, wenn er bezweifeln will, wo nicht gefragt werden kann.  
Denn Zweifel kann nur bestehen, wo eine Frage besteht; eine Frage nur, wo eine  Antwort besteht, und diese nur, wo etwas gesagt werden kann.  

6.52 Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt  dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.  Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens  nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin  dieser Sinn bestand.)  

6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.  

6.53 Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als  was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft- also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat --, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen  Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend - er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten - aber sie wäre die einzig streng richtige.  

6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als  unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist.  (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen  ist.)  Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.  

7. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.       
  
 
    
Jürgen Habermas, 1929 geb.

Die Menschengattung hat sich mit den ungeplanten soziokulturellen Folgen des technischen Fortschritts selbst herausgefordert, ihr soziales Schicksal nicht nur heraufzubeschwören, sondern beherrschen zu lernen. Dieser Herausforderung der Technik ist durch Technik allein nicht zu begegnen. Es gilt vielmehr, eine politisch  wirksame Diskussion in Gang zu bringen, die das gesellschaftliche Potential an technischem Wissen und Können zu unserem praktischen Wissen und Wollen rational verbindlich in Beziehung setzt.
Eine solche Diskussion könnte einerseits die politisch Handelnden im Verhältnis  zum technisch Möglichen und Machbaren über das traditionsbestimmte Selbstverständnis ihrer Interessen aufklären. Im Lichte der dadurch artikulierten und neu  interpretierten Bedürfnisse würden die politisch Handelnden andererseits praktisch beurteilen können, in welcher Richtung und in welchem Maße wir technisches Wissen in Zukunft entwickeln wollen.  Diese Dialektik von Können und Wollen vollzieht sich heute unreflektiert, nach Maßgabe von Interessen, für die eine öffentliche Rechtfertigung, weder verlangt  noch gestattet wird. Erst wenn wir diese Dialektik mit politischem Bewußtsein auszutragen vermöchten, könnten wir eine bisher naturgeschichtlich sich durchsetzende Vermittlung des technischen Fortschritts mit der sozialen Lebenspraxis in  Regie nehmen. Weil das eine Sache der Reflexion ist, gehört sie nicht wiederum in die Zuständigkeit von Spezialisten. Die Substanz der Herrschaft zergeht nicht vor technischer Verfügungsgewalt allein; dahinter kann sie sich allenfalls verschanzen.  Die Irrationalität der Herrschaft, die heute zu einer kollektiven Lebensgefahr  geworden ist, könnte nur durch eine politische Willensbildung bezwungen werden, die sich an das Prinzip allgemeiner und herrschaftsfreier Diskussion bindet.  Rationalisierung der Herrschaft dürfen wir nur erhoffen von Verhältnissen, die die politische Macht eines an Dialoge gebundenen Denkens begünstigen. Die lösende  Kraft der Reflexion kann nicht ersetzt werden durch die Ausbreitung technisch  verwertbaren Wissens.          
Max Horkheimer, 1895 -1973
und
Theodor W. Adorno, 1903 -1969

Der Mythos geht in die Aufklärung über und die Natur in bloße Objektivität.  Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von  dem, worüber sie die Macht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen  wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann.  Der Mann der Wissenschaft kennt die Dinge, insofern er sie machen kann.  Dadurch wird ihr An sich Für ihn. In der Verwandlung enthüllt sich das Wesen der  Dinge immer als je dasselbe, als Substrat von Herrschaft. [. Es ist die Identität  des Geistes und ihr Korrelat, die Einheit der Natur, der die Fülle der Qualitäten  erliegt. Die disqualifizierte Natur wird zum chaotischen Stoff bloßer Einteilung  und das allgewaltige Selbst zum bloßen Haben, zur abstrakten Identität ( …)Die  mannigfaltigen Affinitäten zwischen Seiendem werden von der einen Beziehung  zwischen sinngebendem Subjekt und sinnlosem Gegenstand, zwischen rationaler  Bedeutung und zufälligem Bedeutungsträger verdrängt. (…) Die Mythologie  selbst hat den endlosen Prozess der Aufklärung ins Spiel gesetzt, in dem mit  unausweichlicher Notwendigkeit immer wieder jede bestimmte theoretische  Ansicht der vernichtenden Kritik verfällt, nur ein Glaube zu sein, bis selbst noch die  Begriffe des Geistes, der Wahrheit, ja der Aufklärung zum animistischen Zauber  geworden sind.
Hilfestellung

Kant

Höchstes Ziel Kants ist die Verwirklichung des Wertes "Achtung vor dem Gesetz"; auf den Menschen bezogen bedeutet dieser Grundsatz "Achtung vor der Würde des Menschen". Aufgrund seiner Vemunftbegabung muss der Mensch sein Handeln vor dem Vernunftgesetz rechtfertigen können. Er muss seine individuelle Verhaltensweise also an dem Gesichtspunkt der Verallgemeinbarkeit ausrichten, d.h., er muß so handeln, wie man es in gleicher Weise auch von jedem anderen Vernunftwesen verlangen und erwarten würde. Dies schließt also Handeln "aus Neigung" aus, d.h., man darf keine in-dividuellen Absichten und Zwecke verfolgen oder auf den Erfolg Rücksicht nehmen wollen. Entscheidend für eine moralisch wertvolle Handlung ist, dass sie nur "aus Pflicht" (Gesinnungsethik) diesem Vernunftgesetz gegenüber getan wird (Kant: "Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz."). Formuliert ist diese Pflichtethik in den verschiedenen Formeln des kategorischen Imperativs.    
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     Oktober 17
Über die Scham Plotins, einen Leib zu besitzen
Plotinos,  der Philosoph, der zu meiner Zeit lebte, war die Art von Mann, die   sich dessen schämt, im Leib zu sein; aus solcher Gemütsverfassung  wollte er sich nicht herbeilassen, etwas über seine Herkunft, seine  Eltern oder seine Heimat zu erzählen. Einen Maler aber oder Bildhauer zu  dulden, wies er weit von sich, ja  er erklärte dem Amelius, der ihn um  seine Einwilligung bat, dass ein Bild von ihm  verfertigt Werde:
„Es  soll also nicht genug daran sein, das Abbild zu tragen, mit  dem die  Natur uns umkleidet hat, nein, du forderst, ich soll freiwillig zugeben,  dass  ein Abbild des Abbildes von mir nachbleibe, ein dauerhaftes, als  sei dies Abbild etwas Sehenswertes".
Porphyrios (292-304)

Der christliche Dualismus.  Die Seele als Eigentum Christi. Der Leib als Lehen Satans

[.  . .] das Christentum ist eine Idee, und als solche unzerstörbar und  unsterblich, wie jede Idee. Was ist aber diese Idee? [...]

Wie  sich diese Idee historisch gebildet und in der Erscheinungswelt  manifestiert, ließe sich wohl schon in den ersten Jahrhunderten nach  Christi Geburt  entdecken, wenn wir namentlich in der Geschichte der  Manichäer und der Gnostiker vorurteilsfrei nachforschen. Obgleich  erstere verketzert und letztere verschrien sind und die Kirche sie  verdammt hat, so erhielt sich doch ihr Einfluss auf  das Dogma, aus  ihrer Symbolik entwickelte sich die katholische Kunst, und ihre  Denkweise durchdrang das ganze Leben der christlichen Völker. Die  Manichäer  sind ihrer letzten Gründe nach nicht sehr verschieden von den  Gnostikern. Die  Lehre von den beiden Prinzipien, dem guten und dem  bösen, die sich bekämpfen,  ist beiden eigen. Die einen, die Manichäer,  erhielten diese Lehre aus der altpersischen Religion, wo Ormuz, das  Licht, dem Ariman, der Finsternis, feindlich  entgegengesetzt ist. Die  anderen, die eigentlichen Gnostiker, glaubten vielmehr  an die  Präexistenz des guten Prinzips, und erklärten die Entstehung des bösen  Prinzips durch Emanation, durch Generationen von Äonen, die, je mehr sie  von  ihrem Ursprung entfernt sind, sich desto trüber verschlechtert.  Nach Cerinthus  war der Erschaffer unserer Welt keineswegs der höchste  Gott, sondern nur eine  Emanation desselben, einer von den Äonen, der  eigentliche Demiurgos, der allmählich ausgeartet ist, und jetzt, als  böses Prinzip, dem aus dem höchsten Gott unmittelbar entsprungenen  Logos, dem guten Prinzip, feindselig gegenüber stehe. Diese gnostische  Weltansicht ist urindisch und sie führte mit sich die Lehre  von der  Inkarnation Gottes, von der Abtötung des Fleisches, vom geistigen  Insichselbstversenken, sie gebar das asketisch beschauliche Mönchsleben,  welches  die reinste Blüte der christlichen Idee. Diese Idee hat sich  in der Dogmatik nur  sehr verworren und im Kultus nur sehr trübe  aussprechen können. Doch sehen wir überall die Lehre von den beiden  Prinzipien hervortreten; dem guten Christus steht der böse Satan  entgegen; die Welt des Geistes wird durch Christus, die  Welt der  Materie durch Satan repräsentiert; jenem gehört unsere Seele, diesem   unser Leib; und die ganze Erscheinungswelt, die Natur, ist demnach  ursprünglich böse, und Satan, der Fürst der Finsternis, will uns damit  ins Verderben locken, und es gilt allen sinnlichen Freuden des Lebens zu  entsagen, unsern Leib,  das Lehen Satans, zu peinigen, damit die Seele  sich desto herrlicher emporschwinge in den lichten Himmel, in das  strahlende Reich Christi.  Diese Weltansicht, die eigentliche Idee des  Christentums, hatte sich, unglaublich schnell, über das ganze römische  Reich verbreitet, wie eine ansteckende  Krankheit, das ganze Mittelalter  hindurch dauerten die Leiden, manchmal Fieberwut, manchmal Abspannung,  und wir Modernen fühlen noch immer Krämpfe und Schwäche in den Gliedern.  Ist auch mancher von uns schon genesen, so  kann er doch der  allgemeinen Lazarettluft nicht entrinnen, und er fühlt sich unglücklich  als der einzig Gesunde unter lauter Siechen. Einst wenn die Menschheit   ihre völlige Gesundheit wieder erlangt, wenn der Friede zwischen Leib  und Seele  wieder hergestellt, und sie wieder in ursprünglicher Harmonie  sich durchdringen: dann wird man den künstlichen Hader, den das  Christentum zwischen beiden gestiftet, kaum begreifen können. Die  glücklicheren und schöneren Generationen, die, gezeugt durch freie  Wahlumarmung, in einer Religion der Freude  emporblühen, werden wehmütig  lächeln über ihre armen Vorfahren, die sich aller Genüsse dieser  schönen Erde trübsinnig enthielten, und, durch Abtötung der  warmen  farbigen Sinnlichkeit, fast zu kalten Gespenstern verblichen sind! Ja,  ich  sage es bestimmt, unsere Nachkommen werden schöner und glücklicher  sein als  wir. Denn ich glaube an den Fortschritt, ich glaube, die  Menschheit ist zur  Glückseligkeit bestimmt, und ich hege also eine  größere Meinung von der Gottheit als jene frommen Leute, die da Wähnen,  er habe den Menschen nur zum Leiden erschaffen. Schon hier auf Erden  möchte ich, durch die Segnungen freier politischer und industrieller  Institutionen, jene Seligkeit etablieren, die, nach der  Meinung der  Frommen, erst am jüngsten Tage, im Himmel, stattfinden soll.

Die Folgen des christlichen Dualismus

Ich  weiß nicht, ob die melancholische Blume, die wir in Deutschland  Passionsblume benamsen,

auch in Frankreich diese Benennung führt, und ob  ihr von der  Volkssage ebenfalls jener mystische Ursprung zugeschrieben  wird. Es  ist jene  sonderbar mißfarbige Blume, in deren Kelch man die  Marterwerkzeuge, die bei  der Kreuzigung Christi gebraucht worden,  nämlich Hammer, Zange, Nägel usw., abkonterfeit sieht, eine Blume die  durchaus nicht hässlich, sondern nur gespenstisch ist, ja, deren Anblick  sogar ein grauenhaftes Vergnügen in unserer  Seele erregt, gleich den  krampfhaft süßen Empfindungen, die aus dem Schmerze  selbst  hervorgehen.In solcher Hinsicht wäre diese Blume das geeignetste Symbol   für das Christentum selbst, dessen schauerlichster Reiz eben in der  Wollust des  Schmerzes besteht.  Obgleich man in Frankreich unter dem  Namen Christentum nur den römischen Katholizismus versteht, so muss ich  doch besonders bevorworten, dass ich nur von letzterem spreche. Ich  spreche von jener Religion in deren ersten Dogmen eine Verdammnis alles  Fleisches enthalten ist, und die dem Geiste nicht bloß  eine Obermacht  über das Fleisch zugesteht, sondern auch dieses abtöten will, um  den  Geist zu verherrlichen; ich spreche von jener Religion durch deren  unnatürliche Aufgabe ganz eigentlich die Sünde und die Hypokrisie in die  Welt gekommen, indem eben, durch die Verdammnis des Fleisches, die  unschuldigsten Sinnenfreuden eine Sünde geworden, und durch die  Unmöglichkeit ganz Geist zu  sein die Hypokrisie sich ausbilden musste;  ich spreche von jener Religion, die ebenfalls durch die Lehre von der  Verwerflichkeit aller irdischen Güter, von der  auferlegten Hundedemut  und Engelsgeduld, die erprobteste Stütze des Despotismus geworden. Die  Menschen haben jetzt das Wesen dieser Religion erkannt, sie  lassen sich  nicht mehr mit Anweisungen auf den Himmel abspeisen, sie wissen, dass  auch die Materie ihr Gutes hat und nicht ganz des Teufels ist, und sie  vindizieren jetzt die Genüsse der Erde, dieses schönen Gottesgartens,  unseres unveräußerlichen Erbteils. Eben weil wir alle Konsequenzen jenes  absoluten Spiritualismus jetzt so ganz begreifen, dürfen wir auch  glauben, dass die christkatholische Weltansicht ihre Endschaft erreicht.  Denn jede Zeit ist eine Sphinx, die sich in den Abgrund stürzt, sobald  man ihr Rätsel gelöst hat. [. . .]



Der Antichrist
Die Verbrechen des Christentums

 Hiermit bin ich am Schluss und spreche mein Urteil. Ich verurteile das  Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste  aller Anklagen,  die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist  mir die höchste aller  denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur  letzten auch nur möglichen  Korruption, gehabt. Die christliche Kirche  ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen  Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus  jeder Rechtschaffenheit eine  Seelen-Niedertracht gemacht. Man wage es noch, mir  von ihren „humanitären“ Segnungen zu reden! Irgendeinen Notstand ab-   schaffen ging wider ihre tiefste Nützlichkeit; sie lebte  von  Notständen, sie schuf  Notstände, um sich zu verewigen. . _ Der Wurm der  Sünde zum Beispiel: mit diesem Notstande hat erst die Kirche die  Menschheit bereichert! - Die „Gleichheit  der Seelen vor Gott“, diese  Falschheit, dieser Vorwand für die rancunes aller  Niedriggesinnten,  dieser Sprengstoff von Begriff, der endlich Revolution, moderne Idee und  Niedergangs-Prinzip der ganzen Gesellschafts-Ordnung geworden  ist -  ist christlicher Dynamit … „Humanitäre“ Segnungen des Christentums!  Aus    der Humanitas einen Selbst-Widerspruch, eine Kunst der  Selbstschändung, einen  Willen zur Lüge um jeden Preis, einen  Widerwillen, eine Verachtung aller guten  und rechtschaffnen lnstinkte  herauszuzüchten! Das wären mir Segnungen des  Christentums! - Der  Parasitismus als einzige Praxis der Kirche; mit ihrem  Bleichsucht-,  ihrem „Heiligkeits“-Ideale jedes Blut, jede Liebe, jede Hoffnung  zum  Leben austrinkend; das Jenseits als Wille zur Verneinung jeder Realität;   das Kreuz als Erkennungszeichen für die unterirdischste Verschwörung,  die es je  gegeben hat - gegen Gesundheit, Schönheit, Wohlgeratenheit,  Tapferkeit, Geist,  Güte der Seele, gegen das Leben selbst.
 
Diese  ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo  es  nur Wände gibt - ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen  ...  Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die eine große  innerlichste  Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem  kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist - ich heiße  es den einen unsterblichen  Schandfleck der Menschheit.
 
Und  man rechnet die Zeit nach dem dies nefastus, mit dem dies Verhängnis   anhob - nach dem ersten Tag des Christentums! - Warum nicht lieber nach  seinem letzten? - Noch heute? - Umwertung aller Werte!

Friedrich Nietzsche (1844-1900)

Christentum und Sexualität    

 Das Schlimmste an der christlichen Religion ist [. . .] ihre  Einstellung zur Sexualität - eine Einstellung, die so krankhaft und  unnatürlich ist, dass man sie nur verstehen kann, wenn man sie mit der  angekränkelten Zivilisation zur Zeit des  Verfalls des römischen  Imperiums in Zusammenhang bringt. Manchmal hören wir die Behauptung, das  Christentum habe die Stellung der Frau verbessert. Das  ist eine der  gröbsten Verdrehungen der Geschichte, die überhaupt möglich ist.  Die  Stellung der Frau kann in einer Gesellschaft, die als das Wichtigste die  Einhaltung eines starren Sittenkodex ansieht, nicht erträglich genannt  werden. Die  Mönche haben in der Frau immer in erster Linie die  Versucherin und die Verursacherin unreiner Gelüste gesehen. Nach der  Lehre der Kirche war und ist es das  beste, jungfräulich zu bleiben,  doch ist denjenigen, denen es nicht möglich ist,  die Heirat erlaubt.  „Denn besser ist Heirat als steter Brand der Sinnlichkeit“, wie  es der  heilige Paulus brutal ausdrückt. Die Kirche erklärte die Ehe für  unauflös-  bar und rottete jede Kenntnis der ars amandi aus; so tat sie  alles, was in ihrer Macht stand, damit die  einzige Form der Sexualität, die sie gestattete, möglichst  wenig  Vergnügen und möglichst viel Leid mit sich brachte. Der Kampf gegen die   Geburtenkontrolle hat in Wahrheit den gleichen Beweggrund: Wenn eine  Frau  jedes ]ahr ein Kind bekommt, bis sie verbraucht ist und stirbt,  kann man nicht  erwarten, dass ihr das Eheleben viel Vergnügen bereitet;  deshalb muss die Geburtenkontrolle verhindert werden.

Bertrand Russell, 1872-1970        

      
September 17
Arbeit der Wissenschaft, z.B.

Verification and falsification


So how does critical thinking work in science? Let's look at an example.
We  begin with an observation and a question. Here is a famous one.  Scientists noticed that there were, one, fossilised dinosaur bones in  rock strata up until the end of the Cretaceous period, but not after, 2,  many other types of terrestrial and  marine fossils not present after the end of the Cretaceous period, 3,  high iridium levels in rock strata at the boundary between the  Cretaceous and the Tertiary periods, the KT boundary.

What happened, at the end of the Cretaceous period, to explain those observations?

Let's  develop some hypotheses, some possible explanations for those  observations. A, a supernova, the explosion of a star, occurred 65  million years ago and caused a change to conditions on Earth, which  rendered them unsuitable for various types  of organisms that had previously thrived. B, an asteroid collided with  years 65million years ago and had roughly the same effect.
A  and B both explain the high levels of iridium. Supernovas throw off  heavy elements like iridium. Asteroids contain higher levels of iridium  than the Earth's crust does. How do we choose between them? What we need  is some kind of test. But is there one? Well, actually there is.

Hypothesis  A, the supernova theory, predicts not only high levels of iridium, but  also a massive amount of plutonium 244 in the relevant strata because  supernovas throw off plutonium 244 as well as iridium.
Hypothesis B, the asteroid theory, predicts there is no plutonium 244. And no the plutonium 244 was found in the relevant strata.
Therefore, the correct answer is B.
The  asteroid hypothesis beats the supernova hypothesis. But not so fast. We  know there have been lots of asteroid strikes on the Earth which  haven't resulted in mass extinctions, so why would this particular one  have killed off the dinosaurs and their friends? That raises a new question.

How  could this particular asteroid strike cause a mass extinction? Here's a  hypothesis. The impact of a massive asteroid might have thrown up a lot  of dust, blotting out the sun, and causing dramatic climate change. And  to back up the second asteroid  hypothesis, we would expect to find a large crater somewhere. The Gulf  of Mexico looks like a good candidate. We will also expect to find  various substances at the KT boundary, the time period when the dinosaurs became extinct. Things like tsunami debris, glass from the melding of rock, particles from theimpact site.

So what I hope we've done here is to give an example of how the scientific method works. The scientific method consists  of a number of steps. One, identify a problem or pose a question. 2,  devise a hypothesis to explain the event or the observation or the  phenomenon. 3, derive a test for the hypothesis. 4, perform the test.  And 5, accept or reject the hypothesis.

That looks about right, but you have to be careful about the last step with accepting or rejecting the hypothesis.
Why is that Dr. Logical?
Well,  that's because logic tells us that tests can lead us to reject  hypotheses, but it can't conclusively settle thatthey're true. That's  the distinction between verification and falsification.

The University of Auckland | CTMOOC_Week_5.1 / FutureLearn.com
Der Titelheld von Friedrich Hölderlins  Briefroman „Hyperion“ (1796) ist ein vom Leben enttäuschter Eremit im  Griechenland des 18. Jahrhunderts, zu einer Zeit, in der die Griechen  noch vergeblich versuchen, die türkische Fremdherrschaft  abzuschütteln.  Im zweiten Brief an seinen deutschen Freund  Bellarmin beklagt Hyperion  seine Einsamkeit und fährt dann  fort:

 Aber du scheinst noch, Sonne des Himmels! Du grünst noch,  heilige  Erde! Noch rauschen die Ströme ins Meer und schattige Bäume säuseln im  Mittag. Der Wonnegesang des Frühlings singt meine sterblichen Gedanken  in Schlaf. Die Fülle  der alllebendigen Welt ernährt und sättiget mit  Trunkenheit  mein darbend Wesen.   
O  selige Natur! Ich weiß nicht, wie mir geschiehet, wenn ich  mein Auge  erhebe vor deiner Schöne, aber alle Lust des Himmels ist in den Tränen,  die ich weine vor dir, der Geliebte vor der Geliebten.  Mein ganzes  Wesen verstummt und lauscht, wenn die zarte Welle der Luft mir um die  Brust  spielt. Verloren ins weite Blau, blick ich oft hinauf an den  Aether und hinein ins heilige Meer, und  mir ist, als öffnet ein  verwandter Geist mir die Arme, als löste der Schmerz der Einsamkeit sich   auf ins Leben der Gottheit.  Eines zu sein mit allem, das ist Leben  der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.  Eines zu sein mit allem,  was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der   Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige  Bergeshöhe, der Ort der  ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und  der Donner seine Stimme verliert und das  kochende Meer der Woge des  Kornfelds gleicht. (...)  
Auf  dieser Höhe steh” ich oft, mein Bellarmin! Aber ein Moment des  Besinnens wirft mich herab. Ich denke nach und finde mich, wie ich zuvor  war, allein, mit allen Schmerzen der Sterblichkeit, und meines Herzens  Asyl, die ewig einige Welt, ist hin; die Natur verschließt die Arme und   ich stehe, wie ein Fremdling, vor ihr, und verstehe sie nicht.  Ach!  Wär ich nie in eure Schulen gegangen. Die Wissenschaft, der ich in den  Schacht hinunter  folgte, von der ich, jugendlich töricht, die  Bestätigung meiner reinen Freude erwartete, die hat  mir alles  verdorben.  Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe  gründlich mich unterscheiden gelernt von  dem, was mich umgibt, bin nun  Vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der  Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne.  O  ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt,  und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein missratener  Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und  betrachtet die ärmlichen  Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.*        
(Friedrich Hölderlin , Hyperion )

Freiheit und sinnliche Natur sind in der  Tradition der Philosophie Immanuel Kants Gegensätze, insofern sie  verschiedenen  Betrachtungsweisen angehören. Bereits Hölderlin hat sich  daran  gestört, umso mehr der Materialist Herbert Marcuse.

Was  gegenwärtig geschieht, ist die Entdeckung (oder vielmehr  Wiederentdeckung) der Natur als einer Verbündeten im Kampf gegen die  ausbeuterischen Gesellschaften, in denen die  Vergewaltigung der Natur  die Vergewaltigung des Menschen  verschärft. Die Entdeckung der  befreienden Kräfte der Natur und ihrer entscheidenden Rolle beim Aufbau  einer freien  Gesellschaft wird zu einer neuen Kraft gesellschaftlicher  Veränderung.  Was bedeutet: Befreiung der Natur als Mittel der Befreiung  des  Menschen? Dieser Gedanke bezieht sich 1. auf die menschliche  Natur: die Grundtriebe und  Sinne des Menschen als Basis seiner  Rationalität und Erfahrung; 2. auf die äußere Natur: die existentielle  Umwelt des Menschen, seine „Auseinandersetzung mit der Natur“, in der  seine  Gesellschaft sich herausbildet. (...) Befreiung der Natur  bedeutet Wiederentdeckung ihrer  lebenssteigernden Kräfte, der  sinnlich-ästhetischen Qualitäten, die einem in endlosen  Konkurrenzleistungen vergeudeten Leben fremd sind; sie verweisen auf die  neuen Qualitäten der Freiheit. Deshalb ist es kein Wunder, dass der  „Geist des Kapitalismus“ die Idee der befreiten Natur  verwirft oder  lächerlich macht, dass er sie dichterischer Phantasie überlässt. Soweit  sie nicht in  „Reservaten“ unbehelligt ist und Schutz genießt, wird  Natur in aggressiv wissenschaftlicher  Weise behandelt; sie ist  wertfreie Materie, bloßes Material. Diese Einstellung zur Natur ist ein   historisches Apriori, das einer spezifischen Gesellschaftsform  angehört. Eine freie Gesellschaft könnte durchaus unter einem ganz  anderen Apriori stehen, ein ganz anderes Objekt haben; die  Entwicklung  der wissenschaftlichen Begriffe könnte in einer Erfahrung von Natur als  einer Totalität zu schützenden und zu „kultivierenden“ Lebens gründen  und die Technik würde sich dieser Wissenschaft zur Rekonstruktion der  Lebenswelt bedienen.  Herrschaft über Menschen vermittels Herrschaft  über die Natur: Das konkrete Bindeglied zwi-  schen der Befreiung des  Menschen und der der Natur tritt heute in den wichtigen ökologischen   Vorstößen der radikalen Bewegung deutlich zu Tage. Die Luft- und  Wasserverschmutzung, der  Lärm, die industrielle und kommerzielle  Beschlagnahme bisher der Öffentlichkeit zugänglicher  Naturgebiete sind  nicht weniger schlimm als Versklavung oder Gefangenschaft. Der Kampf   dagegen ist ein politischer Kampf; es ist offensichtlich, in welchem  Maße die Vergewaltigung der Natur untrennbar mit der kapitalistischen  Wirtschaft verknüpft ist. Gleichzeitig lässt sich jedoch  die politische  Funktion der Ökologie mühelos „neutralisieren“ und als Verschönerung  des  Bestehenden Verwenden. Trotzdem muss die physische, vom System  verursachte Verschmutzung  hier und heute bekämpft werden - genauso wie  die geistige Verelendung.*      
Herbert Marcuse, Natur und Revolution. - Suhrkamp 1973


Die französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin  Simone de Beauvoir (1908  - 1986)  hatte durch ihre Schrift „Das andere   Geschlecht“ (1949) maßgeblichen Anteil an der  Frauenemanzipationsbewegung. lm folgenden Text macht sie deutlich, dass  die Frau sich nicht nur vom Mann, sondern auch von sich selbst zu  emanzipieren hat.

Der Kampf der Geschlechter leitet  sich nicht  unmittelbar aus der Anatomie von Mann und  Frau ab. Wenn man  ihn heranzieht, nimmt  man in Wirklichkeit für ausgemacht an, dass   sich im überzeitlichen Himmel der Ideen ein  Kampf zwischen  unbestimmten Wesenheiten, dem Ewigweiblichen und dem Ewig-  männlichen,  abspielt. [...]  Die Frau, die in der Immanenz eingeschlossen  ist,  versucht, auch den Mann in dieses Gefangnis hineinzuziehen. Auf diese  Weise fällt dieses mit der Welt zusammen und sie leidet nicht mehr  darunter, dass sie in ihm eingeschlossen  ist: Die Mutter, die Gattin,  die Liebende sind  Kerkermeisterinnen. Die Gesellschaft, die von   Männern in Rechtsordnungen gebracht wurde,  erklärt die Frau für  minderwertig: Sie kann  diese Minderwertigkeit nur beseitigen, wenn  sie  die männliche Überlegenheit zerstört. Sie  sucht den Mann zu  verstümmeln, zu beherrschen, sie widerspricht ihm, leugnet seine   Wirklichkeit und seine Werte. Doch dadurch  verteidigt sie sich nur.  [...]  Heute nimmt der Kampf eine andere Gestalt  an. Statt den Mann in  ihrem Gefängnis mit einschließen zu wollen, versucht die Frau, aus   diesem herauszukommen. Sie sucht nicht mehr, ihn in die Region der  Immanenz hin-einzuziehen, sondern selbst in das Licht der  Transzendenz  emporzutauchen. Nunmehr schafft die Haltung der Männer einen neuen   Konflikt: Nur widerwillig entlässt der Mann die Frau. Er möchte gern  das eigenherrliche Subjekt, der absolut Überlegene, der Wesentliche  bleiben. Er weigert sich, seine Gefährtin konkret für ebenbürtig zu  halten. Sie beantwortet sein Misstrauen mit einer aggressiven  Haltung.  Es handelt sich nicht mehr um einen  Krieg zwischen Individuen, die  jedes in seiner  Sphäre eingeschlossen sind: Eine ganze Kaste stellt  Ansprüche, geht zum Angriff über und wird von der privilegierten Kaste  in Schach gehalten. Es sind zwei Transzendenzen, die aufeinander  prallen. Statt sich gegenseitig anzuerkennen, will jede Freiheit die  andere beherrschen.

Dieser Unterschied in der  Haltung macht sich  auf der sexuellen wie auf der geistigen Ebene   bemerkbar. Indem sich die feminine Frau zur passiven Beute macht,  versucht sie, auch den  Mann zu ihrer körperlichen Passivität zu   nötigen. Sie verlegt sich darauf, ihm Fallen zu  stellen, ihn durch die  Begierde in Fesseln zu  schlagen, die sie dadurch erregt, dass sie sich  gefügig zu einer Sache macht. Die emanzipierte Frau dagegen möchte  aktiv zupacken  und verweigert die Passivität, die der Mann  ihr  auferlegen will. [...] Die moderne Frau akzeptiert [...] die männlichen  Werte, sie ist darauf aus, analog wie der Mann zu denken, zu  handeln,  zu arbeiten, schöpferisch tätig zu  sein. Statt dass sie die Männer  herunterzuziehen sucht, betont sie, dass sie ihnen gleichkommt. In dem  Maße, wie sich dieser ihr Widerspruch in konkreten Verhaltensweisen   ausdrückt, ist er berechtigt. Und man muss  hierbei die Anmaßung der  Männer tadeln. [...]  In der Tat finden die Männer in ihrer Gefährtin   einen besseren Komplizen, als der Unterdrücker  üblicherweise im Opfer  seiner Unterdrückung  findet. Daher halten sie sich böswillig zu der  Erklärung berechtigt, sie habe das Schicksal gewollt, das sie ihr  auferlegt haben. [...]  Die ganze Gesellschaft - bei ihren verehrlichen  Eltern angefangen - lügt sie an, wenn  sie den hohen Wert der Liebe, der  Ergebenheit, der Selbsthingabe predigen und ihr dabei verheimlichen,  dass weder der Geliebte  noch der Ehemann noch die Kinder geneigt  sind,  eine solch drückende Last zu ertragen.  Sie adaptieren fröhlich diese  Lügen, weil sie  sie dazu anhalten, ihrer Bequemlichkeit nachzugeben.  [...] So erzieht man aber die  Frau, ohne sie je die Notwendigkeit zu  lehren,  selbst ihre Existenz auf sich zu nehmen. Sie  lässt sich gern  dahin treiben, dass sie mit der Protektion, der Liebe, der Hilfe, der  Leitung  anderer rechnet. Sie lässt sich von der Hoffnung faszinieren,  sie könne, ohne etwas zu  tun, ihr Wesen realisieren. Sie handelt  verkehrt, wenn sie der Versuchung nachgibt.  Dem Mann steht es jedoch in  keiner Weise an,  ihr Vorwürfe zu machen, da er selbst sie in   Versuchung geführt hat.        

Simone de Beauvoir

Ein Wort an Gaffer, Voyeure und andere wie wir

Jean Paul Sartre


Die  Situation verändert sich nun, sobald der Andere zu mir herblickt; ich  werde angesehen. Was das bedeutet, schildert Sartre durch ein neues  Beispiel:  

Nehmen wir an, ich sei aus  Eifersucht, aus Neugier oder lasterhafterweise so weit gekommen,  mein  Ohr an eine Tür zu legen oder durch ein Schlüsselloch zu spähen. Ich bin  allein und  befinde mich auf der Ebene des nichtsetzenden Bewußtseins  von mir. Das bedeutet zunächst,  daß es kein Ich gibt, das mein  Bewußtsein bewohnen könnte. Es gibt also nichts, zu was ich meine Akte  in Beziehung setzen könnte, um sie näher zu bestimmen. Sie werden in  keiner  Weise erkannt, aber ich bin sie, und auf Grund dieser Tatsache  tragen sie ihre vollkommene  Rechtfertigung in sich. Ich bin reines  Bewußtsein der Dinge (...).  Jetzt habe ich Schritte im Vorsaal gehört:  man sieht mich. Was soll das heißen? Das soll heißen,  daß ich in meinem  Sein plötzlich von etwas betroffen werde und daß in meinen Strukturen   wesentliche Veränderungen auftreten - Veränderungen, die ich erfassen  und durch das refle-  Xive cogito begrifflich festlegen kannf'  Zunächst  bin ich hier und existiere als Ich für mein unreflektiertes Bewußtsein.  Gerade diesen  Einbruch des Ich hat man sehr häufig beschrieben: ich  sehe mich, weil man mich sieht, so sagte  man. Das ist in dieser Form  nicht ganz richtig. (. . .)

Das unreflektierte  Bewußtsein ergreift die  Person nicht direkt und nicht als sein Objekt:  die Person ist dem Bewußtsein gegenwärtig, insofern sie Objekt für  Andere ist. Das bedeutet, daß ich mit einem Male Bewußtsein meiner  selbst habe, soweit ich mir entgehe, und zwar nicht, insoweit ich die  Grundlage meines eigenen Nichts bin, sondern insoweit ich meine  Grundlage außerhalb meiner selbst habe. Für mich bin ich nur als reine  Verweisung auf Andere.  _   Und dennoch bin ich es, ich weise es nicht  zurück wie ein befremdendes Bild, sondern es ist mir gegenwärtig wie ein  Ich, das ich bin, ohne es zu erkennen, denn nur in der Scham (in  anderen  Fällen im Hochmut) entdecke ich es; die Scham oder der Stolz  enthüllen mir den Blick des Anderen und mich selbst am Ziele dieses  Blickes, sie bewirken, daß ich die Situation eines Erblickten erlebe,  nicht erkenne. Die Scham aber ist (. . .) Scham über sich selbst, sie  ist Anerkennung des Tatbestandes, daß ich wirklich jenes Objekt bin, das  der Andere ansieht und aburteilt. (. . .) Ich bin, jenseits aller  Erkenntnis, die ich haben kann, jenes Ich, das ein Anderer erkennt.


Sartres  Analysen zeigen, daß vor allem bewußten Nachdenken die Existenz des  Anderen für  jeden Menschen eine fundamentale Rolle spielt. Durch den  Blick des Anderen wird das Sein  dessen, der da gesehen wird, auf eine  Weise festgelegt, die außerhalb seiner Verfügungsgewalt  steht. Der  Andere macht ihn zu dem, was er ist.  Allerdings wecken die Beispiele  Sartres den Eindruck, als sei der Andere eine grundsätzlich  aggressive  und feindliche Instanz, die bedrohlich wirkt. In den christlich  orientierten Richtungen  des Existenzialismus wird die Rolle des Anderen  wesentlich positiver aufgefaßt: Er wird zum  „Du“ (statt zum  bedrohlichen „Er“), und zwischenmenschliche Beziehungen erscheinen unter   dem Aspekt der (christlich verstandenen) Liebe.  

(Text und Kommentar laut: GK Pl.. Heller.Bd1.BSV)



       


Über Weiber, Liebe und Ehe
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Es charakterisiert  die erste Liebe, dass wir nicht begreifen, wie andere Menschen schon vor  uns lieben konnten, da sie doch den einzigen Gegenstand, der uns  liebenswert erscheint, nicht kannten.
Wenige haben geliebt. Bei den meisten vertritt teils Sinnlichkeit, teils Eitelkeit die Stelle der Liebe.
Gefahren und Weiber dürfen, wie Nessel, nicht zaghaft angefasst werden.
Frauen brauchen nur wenig Geist, um für geistreich zu gelten.
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Jede Frau schätzt die männlichen Eigenschaften am höchsten, die ihrem Manne fehlen.
Jede Frau ist unglücklich mit ihrem Manne und weiß einen anderen, mit dem sie glücklich sein würde.
Wenn  wir, im Verkehr mit einem edlen, geistreichen, uns innig sympathischen  Weibe, schließlich auch den intimen Besitz desselben erlangen, so  verlieren wir immer mehr, als wir gewinnen.
Wer den Wunsch  hat, möglichst viele Personen des anderen Geschlechtes in sich verliebt  zu machen, - ohne sie verführen, heiraten, plündern, oder sonst positive  Vorteile erlangen zu wollen, - ist kokett. Dieser Wunsch ist entweder  an Blicken und Bewegungen sichtbar oder nicht sichtbar und ferner  entweder bewusst oder unbewusst Die bewusste Koketterie ist gewöhnlich  unsichtbar, und die unbewusste stets sichtbar.
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Wenn  die bewusste Koketterie sichtbar ist, stößt sie ab, hingegen hat die  unbewusste etwas Anziehendes. Eine feine Art der sichtbaren Koketterie  ist diejenige, welche unbewusst scheint und bewusst ist. Die  Äußerungsweise der Koketterie ist also mannigfaltig, ihre Stärke  hingegen ist bei verschiedenen Menschen nicht sehr verschieden. An der  Koketterie findet man Gefallen, teils weil es angenehm ist, Personen des  anderen Geschlechtes zu seinen Füßen zu sehen, besonders aber weil man  von Personen desselben Geschlechtes um seine Eroberungen beneidet werden  will.
Mädchen schreiben die Erfolge anderer Mädchen stets der Koketterie derselben zu.
Schöne Frauen sind stolz auf ihre Eroberungen, hässliche auf ihre Tugend.
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Frauen erscheinen uns in ihrer Wahl nie unbegreiflicher, als wenn sie andere uns vorziehen.
Die lebenslängliche Ehe ist ein nützliches, aber unnatürliches Institut.
Die Größe des ehelichen Glückes steht in umgekehrtem Verhältnis zu der Länge des täglichen Beisammenseins.
Bei den Heiraten unserer Zeit spielt keine Empfindung eine so untergeordnete Rolle, wie die Liebe.
Es  ist reizvoll ein Mädchen nicht zu verführen, welches auf dem Punkte  steht, sich uns zu ergeben: Denn unserer Eitelkeit genügt ihr Wollen,  und für den flüchtigen Liebesgenuss erlangen wir das angenehme Gefühl  unseres hohen Edelmutes.
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In der Liebe macht man dem anderen Teil oft Kälte zum Vorwurf, um seine eigene Kälte zu verbergen.
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Die  Taktik, welche die Frauen zur Verteidigung ihrer Behauptungen anwenden,  ist außerordentlich zweckmäßig. Zunächst sprechen sie die Behauptung  aus, vielleicht mit Hinzufügung eines schwachen Beweises. Wenn der Mann  diesen Beweis umständlich widerlegt hat, so sprechen sie ihre  Behauptung, mit etwas ärgerlicherer Stimme, zum zweiten Mal aus, ohne  irgend etwas hinzuzufügen. Der Mann, einigermaßen erstaunt, noch um  keinen Schritt weiter gekommen zu sein, führt seinen Beweis von den  verschiedensten Gesichtspunkten aus, aber die Frau wiederholt bloß ihre  Behauptung, oder klagt, wenn sie der Sache überdrüssig ist, über Migräne  und Nervenverstimmung, womit denn die Lazarettfahne aufgezogen und  jeder weitere Angriff, nach den Gesetzen des Völkerrechts, abgeschnitten  ist.
Das weibliche Geschlecht ist von Natur nicht koketter,  als das männliche; aber während der Ehrgeiz des Mannes sich nach  verschiedenen Richtungen hin betätigen kann, existiert für alle  ehrgeizigen Bestrebungen des Weibes nur Eine Richtung: Eroberungen.
Die Koketterie ist der Ehrgeiz des weiblichen Geschlechts.
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Wenn  ein Mann heiratet, so hatte er gewöhnlich schon Dutzende von Weibern  besessen; da hat seine Phantasie, sein Verlangen zu wechseln sich  abgekühlt: Er bleibt seiner Frau aus Erschlaffung treu. Hingegen wird  die Phantasie der Frau durch das eheliche Leben erst aufgeregt, und  wenngleich sie ihren Mann im ersten Stadium der Ehe mehr liebt, als je  zuvor, so wird sie doch bald seiner überdrüssig und verlangt zu  wechseln.
Gewöhnlich entspringt die Untreue einer jungen Frau weniger aus Neigung zu ihrem Geliebten, als aus Überdruss an ihrem Manne.
Wenn man nicht mehr lieben mag, so denkt man daran, zu heiraten.
Dass  sie keinen Mann haben, schmerzt die Mädchen weniger, als der Gedanke,  dass man glauben möchte, sie könnten keinen Mann bekommen.
Wie oft man seiner Frau gegenüber auch Recht haben mag, die Frau behält immer Recht.
Liebende sind nie zärtlicher mit einander, als wenn sie ihre Langeweile verbergen wollen.
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Gegen die Untreue seiner Geliebten kann man sich nur dadurch schützen, dass man sie von vornherein als unvermeidlich betrachtet.
Einen  unglücklich Liebenden schmerzt es weniger, dass er des Liebesgenusses  entbehren muss, als dass ein Anderer ihm vorgezogen ist, und einen  glücklich Liebenden freut die Bevorzugung fast immer mehr, als der  Liebesgenuss.
Unsere Liebe mästet sich mit dem Ärger über erlittene Zurücksetzung.
Die  Eitelkeit ist die Amme der Liebe. Freilich gibt es eine wahre Liebe,  die keine Amme bedarf, weil sie, wie Minerva, erwachsen zur Welt kommt.
Fast Alle werden geheiratet, weil man sie nicht kennt, fast Niemand, weil man ihn kennt.
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Niemand  würde seines Nächsten Gattin zum Weibe begehren, wenn er sie so genau  kennte, wie sein Nächster. Männer herrschen, Frauen tyrannisieren
Jede Frau stachelt den Ehrgeiz ihres Mannes, weniger damit er von anderen Männern, als damit sie vor anderen Frauen hervorrage.
Der Liebende will besitzen, der Eitele nur begehrt werden.
Je  mehr Glück wir uns von dem Besitz eines Gegenstandes versprechen, desto  unglücklicher werden wir durch seinen Besitz. Daher sind die Ehen aus  Liebe fast immer unglücklich und Geldheiraten verhältnismäßig glücklich.
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Gegen  seine Frau, seine Untergebenen, seine Diener darf man kein Misstrauen  zeigen. Denn hierdurch werden sie an die Möglichkeit eines Treubruchs  erinnert; auch erscheint ihnen derselbe weniger schlecht, weil der  Misstrauische sich ja gleichsam auf ihn vorbereitet hat. Außerdem sind  sie gerade treu, weil sie die Ehre, für treu gehalten zu werden, nicht  verscherzen wollen, und endlich gewährt es kein geringes Vergnügen, Den,  welcher misstrauisch jeden unserer Schritte bewacht, zu überlisten.  Daher ist es zweckmäßig, stets das größte Vertrauen zu zeigen, - und das  größte Misstrauen zu hegen.
Vor der Welt affektieren Gatten  noch lange Glückseligkeit, nachdem die Welt schon bis ins Einzelnste von  ihrem Unglück unterrichtet ist. Wie oft wir selbst auch zu lieben  heucheln mögen, wir glauben stets aufrichtig geliebt zu werden.
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Die Mädchen lieben stets solche Männer, welche von Anderen schon geliebt werden: Um ihnen den Rang abzulaufen.
Das  weibliche Geschlecht zieht stolze, anmaßende und freche Männer den  unterwürfigen und bescheidenen vor: Jene reizen es, sie zu unterwerfen;  diese sind schon unterworfen und haben deshalb keine Interesse mehr.
Wenn  Liebe Gegenliebe findet, erlischt sie häufig, noch bevor sie irgend  einen Liebesgenuss gekostet hat: Es lag ihr weder Sinnlichkeit noch  Sympathie zu Grunde, sondern Eitelkeit.
Man heirate nicht:  Denn von seinen erwachsenen Kindern wird man entweder mit Nachsicht  behandelt (was unangenehm ist) oder ohne Nachsicht (was sehr unangenehm  ist). Außerdem verbünden sich erwachsene Kinder mit der Mutter gegen den  Vater oder mit dem Vater gegen die Mutter.
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Die  Frau behandelt nicht ihren Freund so gut und ihren Mann so schlecht,  weil die Persönlichkeit des Einen ihr zusagender ist, als die des  Anderen, sondern weil eben der Eine ihr Mann und der Andere ihr Freund  ist. Man lasse sie die Stellen tauschen, und ihre Behandlung wird  gleichfalls umgekehrt werden.
Zurücksetzung vergrößert die Liebe, teils weil jeder erstrebte Gegenstand uns wertvoller erscheint, wenn
zwischen  uns und ihn sich Schwierigkeiten drängen, besonders aber weil der  Zurückgesetzte jetzt durch den Besitz des geliebten Gegenstandes nicht  nur seiner Liebe zum Genuss verhelfen, sondern gleichzeitig seiner  gekränkten, vielleicht durch Bevorzugung eines Anderen tief verletzten  Eitelkeit Genugtuung verschaffen will. Daher auch die allen bekannte  Tatsache, dass Eifersucht unsere Liebe verstärkt.
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Statt „dieses Mädchen ist kokett“ würde richtiger gesagt: Die Koketterie dieses Mädchens sieht man.
Man will die viel Begehrte, um der Vielen Vorgezogene zu sein.
Dass  Weiber den ersten Fehltritt langsamer tun, als Männer, dann aber häufig  schnell ganz und gar sinken, beruht nicht auf dem spezifisch weiblichen  Charakter, sondern auf den Verhältnissen. Denn die Ehre des Weibes ist  durch den ersten Fehltritt nun doch einmal verloren; es nützt ihm  nichts, auf halbem Wege stehen zu bleiben.
Frauen entschuldigen an ihren Günstlingen Alles und tadeln Alles an Denen, die sie nicht leiden können.
Die Freier unserer Zeit prüfen nur die Emballage der Braut.
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Ein schönes Weib macht häufig Die unglücklich, die sie nicht besitzen, und Den, welcher sie besitzt.
Den,  welchen man nicht mehr liebt, behauptet man, nie geliebt zu haben.  Daher die Versicherung aller Frauen, dass sie ihre Männer nie geliebt  hätten.
Die Komplimente, welche wir den Weibern machen, sind  ihnen schmeichelhaft als ein Tribut ihrer Schönheit, ihrer  Liebenswürdigkeit, ihres Geistes, während wir sie doch nur machen, um  selbst für liebenswürdig und geistreich gehalten zu werden.
Man  will der Auszeichnung wegen Dem gefallen, dem sonst Niemand gefällt.  Daher liebt das weibliche Geschlecht gerade die anspruchsvollen,  verachtenden Männer.

82/83
Wenn zu  der Liebe, mit der wir nach dem Besitz eines Weibes streben, sich  Eifersucht gesellt, so erscheint das Weib uns liebenswürdiger, anmutiger  und schöner, überhaupt um seiner selbst willen begehrenswerter, während  wir tatsächlich seinen Besitz nur deshalb jetzt mehr begehren, weil wir  Anderen vorgezogen werden wollen.
Eine glückliche Liebe mag Vorzüge vor einer unglücklichen haben, aber die unglückliche dauert länger, als die glückliche.
Das  weibliche Geschlecht hat eine Vorliebe für ausschweifende Männer, teils  wegen der Verständnisinnigkeit, teils weil es Reiz hat, den übrigen  Geliebten Jener den Rang abzulaufen. Wenn ein Mädchen, das wir besitzen  möchten, aber nicht heiraten, einen Anderen heiratet, so schmerzt uns  das nur wenig. Hätte sie aber einen anderen Liebhaber uns vorgezogen, so  würde uns das außerordentlich schmerzen: Woraus denn klar wird, wie  wenig Liebe und wie viel Eitelkeit wir haben.

84/85
In  den Garderoben der Ballsäle messen sich die Damen mit feindseligen  Blicken; heimlich kichern sie über verunglückte Toiletten; mit  unverstellter Freude gratuliert eine Gespielin der anderen zu ihrer  gelungenen Toilette, wenn sie dieselbe misslungen findet, während dort  ein Anzug als „nicht so hübsch wie sonst“ bezeichnet wird, wenn er  ungewöhnlich hübsch ist; auch beachte man die guten Ratschläge über  kleine, zweckmäßige Veränderungen bei Kostüms, die gegeben und von  Neulingen, unter dem spöttischen Blick Erfahrener, befolgt werden; die  Belagerung der Spiegel; den zufriedenen Ausdruck, mit dem schließlich  jede von Spiegel fortgeht; die affektierte Unruhe derer, die ihrer  Tänzer sicher sind; die affektierte Ruhe der Fürchtenden; die neidischen  Blicke der Welkenden; die gleichgültigen Dinge, über die sich die  Mütter unterhalten, während sie die Töchter vergleichend anschielen.
Weiber schreien, wo Männer handeln.
Cynthia  liebt von zwei Männern den einen. Lesbia kommt dazu, welche ein  natürliches Pendant zum anderen ist. Trotzdem liebt sie den ersteren, zu  dem sie gar nicht passt: Um ihn Cynthia zu entreißen.
Wenn es  aufhörte, Mode zu sein, dass man seine Eroberungen erzählt, so würde  die öffentliche Sittlichkeit hierdurch mehr, als durch irgend etwas  Anderes gehoben werden.
Um eine Frau für sich einzunehmen, ist es oft zweckmäßig, ihren Mann gegen sich einzunehmen.
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Nichts  bestärkt eine Frau so sehr in ihrem Vorsatz, wie der Widerspruch ihres  Mannes. Man denkt: Mit diesem Mädchen wäre ich glücklich geworden, -  ohne zu erwägen, dass man von seiner Frau dasselbe dachte.
Gatten  behandeln sich so wenig menschenfreundlich, weil nicht – wie im Verkehr  mit Fremden – Interesse oder Eitelkeit zu einen entgegengesetzten  Betragen veranlassen.
Weil die Frau nachdrücklicher und  gleichsam umsichtiger quält, als der Mann, und weil Männer sich dem  Schelten, Bespötteln, Klagen, strafend Anblicken und Anschreien nicht so  gut zu entziehen verstehen, wie Frauen, so hat die Bibel völlig Recht.  Er soll dein Herr sein.
Das Band, welches Verlobte sowohl wie Eheleute bindet, ist oft die Furcht vor Skandal.
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Oft  glauben wir eine Person des anderen Geschlechts zu lieben, ihren Besitz  zu begehren, wenn wir aus Eitelkeit von ihr begehrt werden wollen.
Unsere  Liebe wächst, wenn ihr Gegenstand auch unseren Freunden gefällt, - weil  unsere Eitelkeit nun gleichfalls triumphieren kann. Unsere Liebe nimmt  ab, wenn ihr Gegenstand unseren Freunden missfällt, weil unsere  Eitelkeit jetzt nicht triumphieren kann, vielleicht gar leidet.
Weiber  sind von Natur nicht neidischer, als Männer, aber weil alle Weiber  geborene Konkurrentinnen sind, so haben sie öfter Veranlassung zum  Neiden. Die Treue unserer Geliebten hängt von dem Umstande ab, ob sie  einen besseren Liebhaber findet oder nicht.
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In der Liebe pflegt man gleichzeitig Betrüger und Betrogener zu sein.
Die Frau ist nicht selten über die Versehen ihres Mannes erfreut, weil sie nun durch Vorwürfe ihre Herrschaft festigen kann.
Die Frauen würden sich schneller ergeben, wenn sie nicht fürchteten, sich in den Augen des Verführers selbst herabzusetzen.
88/89
Die  Frauen gewähren ihre Gunstbezeugungen selten dem Zaghaften. Denn sie  genieren sich vor ihm , durch ihr Betragen mehr Leichtigkeit zu zeigen,  als er selbst in seiner Zaghaftigkeit vorausgesetzt. Hingegen scheint  der Kühne sie nun doch einmal zu Gunstbezeugungen geneigt zu halten, so  dass sie durch das Zugeständnis derselben nichts mehr vor ihm verlieren.  Auch zwingt die zuversichtliche Besitznahme ihnen unwillkürlich den  Gedanken auf, dass dieselbe irgendwie sich auf einen wirklichen  Rechtsanspruch gründen müsse, und überhaupt ist einiger Mut  erforderlich, um Jemanden Das abzuschlagen, was er wie sein rechtmäßiges  Eigentum requirirt.
Eine Frau, die zufällig, gehört hat, dass  bedeutende Frauen auch die Vorreden der Bücher lesen (nach Jean Paul),  wird in Zukunft alle Vorreden lesen.

Paul Rée  (* 21. November 1849 in Neu Bartelshagen, Pommern; † 28. Oktober 1901 in  Celerina, Schweiz) war ein deutscher empiristischer Philosoph und  späterer Arzt


Lyrik als Widerspruch zur gesellschaftlichen Praxis

Lassen  Sie mich an Ihr eigenes Mißtrauen anknüpfen. "Sie empfinden die Lyrik  als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, durchaus Individuelles. Ihr  Affekt hält daran fest, daß es so bleiben soll, daß der lyrische  Ausdruck, gegenständlicher Schwere entronnen, das Bild eines Lebens  beschwöre, das frei sei vom Zwang der herrschenden Praxis, der  Nützlichkeit, vom Druck der sturen' Selbsterhaltung. Diese Forderung an  die Lyrik jedoch, die des jungfräulichen Wortes, ist in sich selbst  gesellschaftlich. Sie impliziert den Protest gegen einen  gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich,  fremd, kalt, be-  drückend erfährt, und negativ prägt der Zustand dem  Gebilde sich ein: je schwererer lastet, desto unnachgiebiger widersteht  ihm das Gebilde, indem es keinem Heterognomen sich beugt und sich  gänzlich nachdem je eigenen Gesetz konstituiert. Sein Abstand vom bloßen  Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem. Im Protest  dagegen spricht das Gedicht den Traum einer Welt aus, in der es anders  wäre. Die Idiosynkrasie des lyrischen Geistes gegen die Übergewalt der  Dinge ist eine Reaktionsform auf die Verdinglichung der Welt, der  Herrschaft von Waren über Menschen, die seit Beginn der Neuzeit sich  ausgebreitet, seit der industriellen Revolution zur herrschenden Gewalt  des Lebens sich entfaltet hat. […] –

Man  pflegt zu sagen, ein vollkommenes lyrisches Gedicht müsse Totalität  oder Universalität besitzen, müsse in seiner Begrenzung das Ganze, in  seiner Endlichkeit das Unendliche geben. Soll das mehr sein als ein  Gemeinplatz aus jener Ästhetik, die da als .Allerweltsmittel   den  Begriff des Symbolischen zur Hand hat, dann zeigt es an, daß in jedem  lyrischen Gedicht das geschichtliche Verhältnis des Subjekts zur  Objektivität, des Einzelnen zur Gesellschaft irn Medium des subjektiven,  auf sich zurückgeworfenen Geistes seinen Niederschlag ınuß gefunden  haben. Er- wird um so vollkommener sein, je weniger das Gebilde das  Verhältnis von Ich und Gesellschaft thematisch macht, je unwillkürlicher  es vielmehr im Gebilde von sich aus sich kristallisiert. […]

 Die spezifische Paradoxie des lyrischen Gebildes, die in Objektivität  umschlagende Subjektivität, ist gebunden an jenen Vorrang der  Sprachgestalt in der Lyrik, von dem der Primat der Sprache in der  Dichtung überhaupt, bis zur Form von Prosa, herstammt. Denn die Sprache  ist selber ein Doppeltes. Sie bildet durch ihre Konfigurationen den  subjektiven Regungen gänzlich sich ein; ja wenig fehlt, und man könnte-  denken, sie zeitigte sie über- haupt erst. Aber sie bleibt doch Wiederum  das Medium der Begriffe, das, was die un- abdingbare Beziehung auf  Allgemeines und die Gesellschaft herstellt. Die höchsten lyrischen  Gebilde sind darum die, in denen das Subjekt, ohne Rest von bloßem  Stoff, in der Sprache tönt, bis die Sprache selber laut wird. Die  Selbstvergessenheit des Subjekts, das der Sprache als einem Objektiven  sich anheimgibt, und die Unmittelbarkeit und Unwillkürlichkeit seines  Ausdrucks sind dasselbe: so vermittelt die Sprache Lyrik und  Gesellschaft im Innersten. Darum zeigt Lyrik dort sich am tiefsten  gesellschaftlich verbürgt, wo sie nicht der Gesellschaft nach dem Munde  redet, wo sie nichts mitteilt, sondern wo das Subjekt, dem der Ausdruck  glückt, zum Einstand mit der Sprache selber kommt, dem wohin diese von  sich aus möchte. [...]  
Wo das  Ich in der Sprache sich vergißt, ist es doch ganz gegenwärtig; sonst  verfiele die Sprache, als geweihtes Abrakadabra, ebenso der  Verdinglichung wie in der kommunikativen Rede. Das weist aber zurück auf  das reale Verhältnis zwischen Einzelnem und Gesellschaft. Nicht bloß  ist der Einzelne in sich gesellschaftlich vermittelt, nicht bloß sind  seine Inhalte immer zugleich auch gesellschaftlich. Sondern umgekehrt  bildet sich und lebt die Gesellschaft auch nur vermöge der Individuen,  deren Inbegriff sie ist. [. . .]
Es  war meine Behauptung, das lyrische Gebilde sei stets auch der  subjektive Ausdruck eines gesellschaftlichen Antagonismus. Da aber die  objektive Welt, welche Lyrik hervorbringt, an sich die antagonistische  ist, so geht der Begriff  von Lyrik nicht auf im Ausdruck der  Subjektivität, der die Sprache Objektivität schenkt. Nicht bloß  verkörpert das lyrische Subjekt, je angemessener es sich kundgibt, um so  verbindlicher auch das Ganze. Sondern die dichterische Subjektivität  verdankt sich selber dem Privileg: daß es nur den wenigsten Menschen je  vom Druck der Lebensnot erlaubt wurde,  in Selbstversenkung das Allgemeine zu ergreifen, ja überhaupt als  selbständige, des freien Ausdrucks ihrer selbstmächtige Subjekte sich zu  entfalten.    

Text aus: Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft. In: Noten zur Literatur I. Frankfurt, 1969, S.77ff


 


Kurt Pinthus: Zur jüngsten Dichtung

Die  jüngsten Menschen aber, nach 1900 sich entwickelnd, fanden sich wehrlos  und ungeschützt hineingestellt in den schimmernden Zauber der  abenteuerlichen Reisen, der freier sich bietenden Geschlechtlichkeit,  der von geheimnisvollen Farben, Geräuschen und Gestalten schwirrenden  und verwirrenden Straßen, Landschaften, Cafes und Vergnügungspaläste,  der rätselhaften Fabriken, Maschinen und Bewegungsmöglichkeiten  Sie  stürzten sich, beherrscht vom rasenden Takt der mechanisch abrollenden  Umwelt, mit wollüstigem Schrei in die „Welt neuer Wunder",  verschwendeten sich entzückt an die Erscheinungen, ließen Sinne und  Nerven lodern und zucken  und dichteten Rausch, Spannung und Kater. Bis  allmählich in der Seligkeit des Seins leise anklingend, dann  posaunenhaft dröhnend die Erkenntnis aufschwoll:  Wir sind! Und sind  Menschen! Uns Menschen soll nicht die Welt, sondern die Menschheit das  wichtige sein. „Die Welt fangt im Menschen an." (Werfel)  „Uns dient die  Erde nur, uns selbst zu sehen" (Wolfenstein)  Alle unsre Wege sollen  weg von uns, sondern zu uns hin führen.

Nicht  wollen wir einen Mikrokosmos in die Welt, sondern den Makrokosmos in  unsern Mikrokosmos hineinprojizieren und umgebärerı. Von der Expansion  hin zur Konzentration! Nicht Erschütterungen der Sinne, sondern  Erschütterungen der Seele! Mit aulkeimender Einsicht: Wirklichkeit und  Kunst seien nicht ein Abhängiges, Bedingtes, sondern (urn es  schärfstens- zu formulieren) sie schlössen sich aus, beginnt die Epoche  der jüngsten Kunst. Die Wirklichkeit, die starr und wild, mild und sanft  uns umgibt, jene Wirklichkeit, die unsere Sinne lockt, ätzt, quält,  entzückt, jene Wirklichkeit, von der wir nicht wissen, was eigentlich an  sich sie ist, jenes uns ganz Fremde, das außer uns, ohne uns ist,  Chaos, jenseits unseres geistigen Willens, in das mühsam wir Gesetze  hineininterpretieren - und jene Kunst, die ganz und gar aus uns selbst  strömt, die ganz in der Idee, in der von uns gegebenen Form lebt, also  ganz und immer Schöpfung und Werk unseres Gefiíhls, Geistes und Willens  ist... was eigentlich haben sie miteinander gemeinsam?  Was anderes, als  dass wir der Kunst Ausdrucksmöglichkeiten, Requisiten wie eine Haut  abnehmen von den Erscheinungen, welche die Wirklichkeit unseren Sinnen  darbietet, - um das der Wirklichkeit Fremdeste: Geist, Fühlen, Wollen  einander sichtbar zu machen.

Die  Wirklichkeit vom Umriß ihrer Erscheinung zu befreien, uns selbst von  ihr zu befreien, sie zu überwinden nicht mit ihren eigenen Mitteln,  nicht indem wir ihr entfliehen, sondern, sie umso inbrünstiger  umfassend, durch des Geists Bohrkraft, Beweglichkeit, Klärungssehnsucht,  durch des Gefiihls Intensität und Explosivkrafi sie besiegen und  beherrschen,  das ist der gemeinsamste Wille der jüngsten Dichtung.  Unter Wirklichkeit soll nicht etwa nur die Erscheinungswelt der Natur  und der uns umgebenden, von uns selbst geschaffenen körperlichen  Kulissen der Städte und der Erzeugnisse formender Technik verstanden  werden, sondern vor allem das Gewirr unserer sozialen, kulturellen,  politischen, wirtschaftlichen Beziehungen und Einrichtungen.

 Kurt Pinthus
*  29. April 1886 in Erfurt; † 11. Juli 1975 in Marbach am Neckar;  Pseudonym Paulus Potter, war ein deutscher Schriftsteller und  Journalist.

Text aus:  Vom jüngsten Tag. Ein Almanach neuer Dichtung. Leipzig 1915. ' ' Zifiert  nach: Wort und Sinn, Arbeitsbuch Literatur, Struktur und Geschichte,  Padeıbom 1980, Schöningh Verlag, S. 46/47.  


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Februar / März 17   DIE ARCHAISCHE ZEIT (bis ca. 500 v. Chr.)

um  1000 Große oder Ägäische Wanderung: Zusammenbruch des Hethiterreiches  und des ägyptischen Neuen Reiches. Niedergang der mykenischen Kultur in  Griechenland. Die Illyrer geben den Anstoß zur Großen Wanderung; ein  Teil davon ist die Dorische Wanderung: Die Peloponnes-Halbinsel wird von  Doriern, das übrige Griechenland von Nordwestgriechen besetzt.

8.  Jh. Entstehung der Polis: Stadtstaat, gegr. vom erstarkenden Adel,  besonders in Thessalien, Argolis und Attika, häufig durch  Zusammensiedlung von größeren und kleineren Gemeinwesen (Synoikismos).
Die  Polis Athen wird Hauptort von Attika. Geometrischer Stil in der Kunst.  Entwicklung der griech. Mythologie u. Götterwelt. Entwicklung des  griech. Epos: Ilias und Odyssee, entstanden bei den Griechen  Kleinasiens. Dichterfigur: Homer (keine sichere Zuordnung der Werke).  Homer schafft eine allgemeine, griechische Literatursprache.

seit  1500 Entwicklung der kretisch-mykenischen Schrift bis zum griechischen  Alphabet, zuerst auf Melos, Thera und Kreta. Erst im 7. Jh. nennen sich  die Griechen "Hellenen" ("Griechen" kommt vom lateinischen "Graeci").

um 800 Gründung von Sparta
um  800 Eroberung der Festung Amyklai durch die Spartaner. Zu jedem  Jahresanfang wird den Heloten von den Spartanern der Krieg neu erklärt.  Tiefer Haß. Spartanisches Doppelkönigtum.

740-720 1. Messenischer Krieg.

660-640 2. Messenischer Krieg. Entwicklung der Phalanx aus den spartanischen Hoplitenkämpfern.
Tyrtaios: Spartanischer Elegiendichter, Sänger des spartanischen Mannestums und Kriegermutes.
nach  640 Bodenreform: gleiche Verteilung des Bodens an alle Spartiaten.  Verfassungsänderung: Apella, Versammlung der Wehrgemeinde; Gerusia, Rat  der Alten; Doppelkönigtum mit Vetorecht; neben die "Phylen" treten die  "Oben"; an die Spitze des Staates treten fünf Männer, die Ephoren, die  jährlich wechseln. König und Ephoren garantieren sich gegenseitig. Nach  antiker Überlieferung geht diese Verfassung schon auf Lykurgos (im 8.  Jh.) zurück. Die Reformen beschränken sich auf die Spartiaten.
Die Heloten und Periöken werden weiter brutal unterdrückt. Verhältnis Spartiaten zu Heloten: ca. 1:7.

550 Bildung des Peloponnesischen Bundes unter Führung Spartas.


8./6. Jh. DIE GRIECHISCHE KOLONISATION
Ausdehnungsvorgang der griechischen Welt auf sämtliche Küsten des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres.
Kolonisation in politisch noch leere Räume. Ausgangspunkte: Chalkis, Eretria (ionisch), Megara, Korinth.
Zunächst meist Ackerbaukolonien.
Erste Gründung im Westen (Italien): Kyme (Cumae).
Einzige spartanische Kolonie: Tarent.

im 7. Jh. Soziale Krise des Demos.
Einteilung  der Bevölkerung in Phylen (Stamm) und Phratrien (Bruderschaft), urspr.  zu milit. Zwecken, schon bei Homer. Später die äußere juristische  Gliederung des Gemeinwesens: Phratrie = Zusammenschluß mehrerer  Familien, Phyle = mehrere Phatrien. Zugehörigkeit zu beiden war erblich.  Veränderungen in der Kampfesweise: vom homerischen Einzelkämpfer zur  Phalanx.

um 600 Gründung von Massalia (Marseille).
Entwicklung des Dionysos-Kultes als Antipode der homerischen, olympischen Götter.
7. Jh. Hesiod: "Theogonie", Gedicht von der Entstehung der Götter.
um 650 Archilochos: erster griechischer Lyriker.
um 650 Erste griech. Tyrannis in Korinth. (Ursprünglich ausgleichende Wirkung der Tyrannis zwischen Adel und Demos.)
594 Kodifizierung des Rechts: Solonische Gesetzgebung.
um 500 Erstarken Karthagos im Westen und Persiens im Osten. Damit Ende der griechischen Kolonisation.

6./5. Jh. DAS KLASSISCHE ATHEN
594 Wahl Solons zum Archon.
559 Tod Solons. (Nach mehrjähriger Amtsführung geht Solon auf Reisen, bis er 559 in Athen stirbt.)

ab  561 Tyrannis des Peisistratos, der zweimal vertrieben wird und 527  stirbt. Er entfaltet rege Bautätigkeit in Athen. Schaffung der  Panathenäen und der All-Athene-Feiern. Seine Söhne Hipparchos und  Hippias regieren wie ihr Vater unter Mißachtung der Solonischen  Verfassung.
514 Ermordung des Hipparchos.
510 Vertreibung des Hippias mit Hilfe der Spartaner unter König Kleomenes. Nach einigen Wirren in Athen behauptet sich:
509/07 Kleisthenes: Phylen-Reform.

DIE BLÜTEZEIT GRIECHENLANDS (510-404 v. Chr.)
500-494 Aufstand der Griechen in Kleinasien gegen die Perser. Athen leistet Hilfe.
494 Zerstörung von Milet durch die Perser. Herodot (485-430): Historiker der Perserkriege.
493 Themistokles (528-462) wird Archon in Athen.
492 1. Perserzug gegen Athen. (Perserkönig Dareios).
492 Untergang der persischen Flotte im Sturm am Kap Athos.
490 2. Perserzug gegen Athen. Schlacht bei Marathon. Sieg der Athener.


480-477 3. Perserzug gegen Griechenland
480 Schlacht bei den Thermopylen: Niederlage der Spartaner unter Leonidas durch Verrat. (Perserkönig Xerxes).
480 Seeschlacht bei Salamis: Themistokles besiegt die Perser.
479 Endgültiger Sieg der Griechen bei Platää über die Perser.
477  Gründung des Attischen Seebundes gegen die Perser, unter Führung Athens  (ohne Sparta). Zweifrontenstellung Athens gegen Persien und Sparta.
471 Verbannung von Themistokles aus Athen (durch Ostrakismus: Scherbengericht).
476-461 Kimon herrscht in Athen.
461 Verfassungsreform: Ausschaltung des Areopags.
448  Kallias-Friede zw. Athen und Persien. Athen gibt den Kampf gegen  Persien auf, Persien verzichtet auf die griechischen Städte in  Kleinasien.

446-431 Zeitalter des Perikles in Athen
Perikles (495-429): verbessert die demokratische Verfassung.
446 Er schließt Frieden mit Sparta.
Er läßt die Akropolis erbauen.
Er läßt die Langen Mauern um den Hafen Piräus und die Stadt Athen bauen: Athen Land- und Seefestung.
Krise um den Attischen Seebund.

Höhepunkt  der griechischen Demokratie: Im Unterschied zur modernen Demokratie  noch ohne Repräsentativsystem und Institutionalisierung der  Regierungsfunktionen. Aber Ansätze zur Gewaltenteilung. Ämter durch Lose  verteilt. Nur die 10 Strategen werden gewählt. In der Volksversammlung  verkörpert sich die Gesamtheit der Vollbürger in der Polis als  Stadtstaat. Einfluß auf die Politik durch Beschlüsse der  Volksversammlung. Unabhängigkeit der Rechtsprechung durch  Geschworenengerichtshöfe. Noch keine methodische Rechtswissenschaft  (daher heute Einfluß des römischen Rechts stärker). Dreiteilung der  Bevölkerung in Vollbürger, Metöken (Zugewanderte) und Sklaven.

Höhepunkt der Klassik in der griechischen Philosophie, Literatur, Geschichtsschreibung, Theater- und Baukunst.

431-404 Der Peloponnesische Krieg
Ursache: Rivalität zwischen Athen und Sparta.
Anlaß: Einmischung Athens in einen Krieg zwischen Kerkyra und Korinth. Kriegsbeschluß Korinths und Spartas gegen Athen.

Thukydides (um 460 bis nach 400): Historiker des Pelop. Krieges.

Drei Phasen des Pelop. Krieges:
a) 431-421: Der Archidamische Krieg.
b) 415-413: Die Expedition Athens nach Sizilien.
c) 413-404: Der Dekeleische Krieg.

429 Perikles stirbt an der Pest in Athen.
421 Der Friede des Nikias: der "faule Friede" beseitigt nicht die Feindschaft zwischen Athen und Sparta.

415-413  Krieg der Athener gegen Sizilien auf Veranlassung des Alkibiades.  Katastrophales Scheitern der Athener. Alkibiades verrät die Athener,  flieht nach Sparta und zu den Persern.

413-404  Dekeleische Krieg: Sparta besetzt Dekelea auf Attika und terrorisiert  die Landbevölkerung von Athen. Verfassungsänderung von Athen.

404 Belagerung Athens und endgültige Niederlage des Stadtstaates gegen Sparta.

4. Jh. DER NIEDERGANG DER DEMOKRATIE IN ATHEN UND DIE ÜBERFORDERUNG SPARTAS ALS SIEGERMACHT
399 Sokrates hingerichtet.
401-399  Zug der Zehntausend: "Anabasis" von Xenophon, die Katastrophe eines  griech. Söldnerheeres in persischen Diensten am Schwarzen Meer.
399-394 Krieg zw. Sparta und Persien. Niederlage der Spartaner.

387 Der "Königsfriede": Kleinasien wird persisch, Hegemonie Spartas in Griechenland.

379-362 Krieg zwischen Sparta und Theben.

371  Schlacht bei Leutra. Der Thebaner Epaminondas vernichtet die Macht der  Spartaner. Auflösung des Pelop. Bundes. Ende des klassischen Sparta.

362 Schlacht bei Mantinea: Tod des Epaminondas.
357-355 Bundesgenossenkrieg Athens gegen seine kleinasiatischen Bündner.

359-336 König Philipp II. von Makedonien einigt die makedonischen Völker.
338 Schlacht von Chaironeia: Sieg Philipps über die Griechen, entschieden durch die Reiterei unter Sohn Alexander.
336 Ermordung Philipps.

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336-323 ALEXANDER DER GROSSE (geb. 356)

Durch  Philipp II. geeinigt, hat Makedonien die Hegemonie über Griechenland  errungen. Sein Sohn Alexander greift nach der Weltmacht.

335 Zerstörung von Theben durch Alexander.

334 Eröffnung des Feldzugs gegen Persien als griech.-makedonischer "Rachefeldzug".
334 Sieg am Granikos über die Perser.

333 Sieg bei Issos über Dareios III. Alexander erobert den Westteil des Perserreiches.
331 Sieg bei Arbela und Gaugamela. Tod von Dareios III. Alexander wird Herrscher über das Perserreich.

327-325 Alexanders Zug nach Nordwestindien.

324  Massenhochzeit von Susa: Plan zur Verschmelzung von Makedonen und  Persern zur Begründung eines griech.-orient. Weltreiches. Plan zur  Eroberung des westlichen Mittelmeeres, Arabiens und Afrikas.

323, Juni Tod Alexanders am Fieber in Babylon.

323-280 DIE KÄMPFE DER DIADOCHEN
Der plötzliche Tod von Alexander macht offenbar, daß seine Weltreichidee kaum zu realisieren ist:

nach 323 Entstehung von Diadochenreichen:
- Perdikkas: Reichsverweser.
- Antipater: Statthalter in Makedonien und Griechenland.
- Antigonos: Statthalter in Phrygien und Lykien.
- Ptolemaios: Statthalter in Ägypten.
- Lysimachos: Statthalter in Thrakien.

315 Antigonos Herr in Asien.
306 Antigonos nimmt Königstitel an.
304 Ptolemaios, Seleukos, Lysimachos und Kassander nehmen ebenfalls Königstitel an.

301 Schlacht bei Ipsos: Sieg des Seleukos und Lysimachos über Antigonos. Entstehung von 4 Reichen:
- Makedonien: Reich des Kassander.
- Kleinasien: Reich des Lysimachos.
- Ägypten: Reich des Ptolemaios.
- Syrien: Reich des Seleukos.

281 Schlacht bei Kurupedion: Sieg des Seleukos über Lysimachos (Tod).

280 Die Diadochenkämpfe enden mit drei großen hellenistischen Monarchien:
- Makedonien: unter den Antigoniden
- Vorderasien: unter den Seleukiden
- Ägypten: unter den Ptolemaiern

168-30 Die Römer erobern die Reste der hellenistischen Reiche und formen sie zu eigenen Provinzen um.
30 v. Chr. Niederlage und Tod von Kleopatra und Marc Antonius in Ägypten gegen die Römer.

280-30 DER HELLENISMUS
Der  Begriff des Hellenismus (neugeprägt von Droysen) bezeichnet die  Durchdringung des Orients (und des Westens, einschließlich Roms) durch  die griechische Kultur sowie die gleichzeitige Einwirkung von  orientalischem Kulturgut auf die Griechen. In der politischen  Betrachtung umfaßt das Zeitalter des Hellenismus aber nur die Geschichte  der Diadochenstaaten - und daneben die der Griechen des Mutterlandes -  von ihrer Herauslösung aus dem Alexanderreich bis zur Eroberung Ägyptens  durch Rom im Jahre 30 v. Chr. (und damit dem Ende des letzten  Diadochenstaates). Verfassungs- und Lebensform der griechischen Polis  bleiben im Hellenismus weitgehend intakt. Auch der Aufstieg des Orients  vollzieht sich erst unter der Kulturdecke des Hellenismus. Ebenso ist  die Verbreitung einer griechischen Umgangssprache (Koine) im Zeitalter  des Hellenismus und die Offenheit für orientalisches Denken bei den  Griechen und Römern eine wesentliche Voraussetzung für die rasche  Ausbreitung des Christentums nach der Zeitenwende.

Beispiele für hellenistische Kunst und Wissenschaft:
- Baukunst: Zeusaltar von Pergamon.
- Technik: Leuchtturm von Alexandria.
-  Naturwissenschaften: Entdeckungen in Mathematik, Physik, Geographie,  Astronomie, Anatomie und Biologie: Euklid, Archimedes, Apollonios,  Philon, Aristarchos, Hipparchos, Eratosthenes u.a.
- Sprach-  und Literaturwissenschaft: Bibliothek von Alexandria (verbrannt); Texte  griechischer Dichter; Werke von Homer in Abschriften und Übersetzungen;  das Alte Testament in Abschriften u. Übersetzungen.

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753-510 DIE KÖNIGSZEIT

um 900 Stadtstaaten der Etrusker.

753 Gründung Roms.
Sagenhaft:  Romulus und Remus und die Wölfin. Sagenhafte Reihe der 7 Könige:  Romulus, Numa Pompilius, Tullus Hostilius, Ancus Marcius, Tarquinius  Priscus, Servius Tullius, Tarquinius Superbus.

um 510 Vertreibung der etruskischen Königsfamilie.

510-340 DAS WERDEN DER RÖMISCHEN REPUBLIK
5. Jh. Die Patrizier beherrschen die Republik.
Ständekämpfe zwischen Patriziern und Plebejern.
Centuriatsverfassung. Nobilität.
um 451 Zwölftafelgesetz.
387/86 Niederlage der Römer an der Allia gegen die Gallier.
um 378 Errichtung einer Stadtmauer in Rom um die 7 Hügel:
Capitolinum, Palatium, Aventinus, Caelius, Esquilinus, Viminalis, Quirinalis.
367/66 Plebejer erhalten Zugang zum Konsulat.
343-341 1. Samniterkrieg.

340-268 DIE BEGRÜNDUNG DER HERRSCHAFT IN ITALIEN
340-338 Latinerkrieg. Unterwerfung Latiums durch die Römer.
326-304 2. Samniterkrieg.
298-290 3. Samniterkrieg. Sieg der Römer.
Einverleibung des Ager Gallicus. Sieg über die Etrusker.

287 Beschlüsse der Plebejerversammlung sind Gesetz.
Abschluß der Ständekämpfe zw. Patriziern u. Plebejern.

282-272 Krieg mit Tarent (geg. d. süditalien. Griechen).
279  Pyrrhus-Sieg bei Asculum in Apulien unter großen Verlusten. Der Grieche  Pyrrhus erobert fast ganz Sizilien. Kriegsbündnis zwischen Rom und  Karthago.
275 Pyrrhus in der Schlacht bei Beneventum von den Römern geschlagen. Begründung der Italischen Wehrgenossenschaft.

264-133 DIE BEGRÜNDUNG DER WELTHERRSCHAFT
264-241 1. Punischer Krieg.
Rom gegen Karthago. Friede: Die Karthager verzichten auf ganz Sizilien. Der Westteil Siziliens wird erste röm. Provinz.
238 Abtretung der Inseln Sardinien und Korsika an die Römer.
(2. römische Provinz).

218-201 2. Punischer Krieg.
Anlaß: Eroberung Sagunts in Spanien durch Hannibal 219.
218 Hannibals Zug über die Alpen nach Italien.
217  Schlacht am Trasimenischen See: Hannibal vernichtet 30.000 Römer unter  C. Flaminius. Q. Fabius Cunctator (der Zögerer) zum röm. Diktator  bestimmt. Dieser vermeidet die offene Schlacht mit dem karthagischen  Heer.
216 Schlacht bei Cannae: Hannibal vernichtet in der wohl  berühmtesten Kesselschlacht der Geschichte die Römer. Rom isoliert. Nur  Latium und Campanien bleiben treu. Dennoch gibt Rom seine Sache nicht  verloren. In diesem Überdauern der Niederlage hat der griech. Historiker  Polybios (gest. um 120) den Anfang zu Roms stetigem Aufstieg zur  Großmacht erkannt.
215 Wendung des Krieges zugunsten der  Römer. Hannibal muß den Angriffskrieg aufgeben. Er erhält von Karthago  keine Unterstützung mehr.
214-210 Krieg in Sizilien. Die Römer erobern Syrakus. Hannibal operiert hilflos in Süditalien.
212 Zug gegen Rom mißlingt: "Hannibal ante portas!"
Gleichzeitig Kämpfe der Scipionen in Spanien gegen Hannibals Bruder Hasdrubal.
209 Carthago nova von den Römern erobert. (Scipio Afrikanus).
207 Niederlage und Tod Hasdrubals bei Schlacht in Oberitalien.

215-205 Gleichzeitig im Osten: 1. Makedonischer Krieg:
Philipp von Makedonien unterstützt zunächst Hannibal, bringt jedoch keine entscheidende Hilfe.
205 Friede von Phoinike.

204 Scipio landet in Afrika. Hannibal wird von den Karthagern aus Italien zurückgerufen.
202  Entscheidungsschlacht bei Zama in Nordafrika zwischen den Heeren von  Scipio und Hannibal. Karthager vernichtet. Hannibal flüchtet und rät zum  Frieden.
201 Friedensschluß: Karthago verzichtet auf Spanien  und die Inseln im Mittelmeer. Es übergibt Numidien an Masinissa, zahlt  auf 50 Jahre eine jährliche Kriegskostenentschädigung von 200 Talenten,  liefert alle Kriegsschiffe aus bis auf 10 und darf fortan nur noch mit  Erlaubnis der Römer Krieg führen. Rom tritt die Nachfolge Karthagos in  der Beherrschung des westlichen Mittelmeeres an.
200-191 Oberitalien wird Provinz Gallia cisalpina (nach schwerem Kampf mit den dortigen Stämmen).

200-197 2. Makedonischer Krieg: Sieg der Römer in der Schlacht bei Kynoskephalae 197 gegen Philipp V.

183 Selbstmord Hannibals.

171-168 3. Makedonischer Krieg: Sieg der Römer unter L. Aemilius Paullus über den makedonischen König Perseus in der
168  Schlacht bei Pydna. Ende des makedonischen Königtums. Seit 168 ist Rom  Schiedsrichter der Welt am Mittelmeer. Wachsende Verachtung der  "Graeculi" in Rom.
146 Römische Provinz Makedonia.

149-146  3. Punischer Krieg: Streitigkeiten der Karthager mit Masinissa führen  zu Kämpfen ohne römische Erlaubnis. In Rom drängt Cato (gest. 149) auf  Krieg: "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam".
146 Einnahme und Zerstörung Karthagos. Afrika röm. Provinz.

135-131 1. Sklavenkrieg.
133 Röm. Provinz Asia.
121  Röm. Provinz Gallia Narbonensis. Die röm. Politik, besonders in den  Provinzen, ist bestimmt durch den Gedanken der "Pax Romana". Roms  Erfolge im Osten werden vom Zerfall der hellenistischen Staaten  erleichtert.

133-30 DAS ZEITALTER DER BÜRGERKRIEGE
133-121  Die Revolution der Gracchen: Tiberius Sempronius Gracchus fordert  Revision der Zuweisung von Gemeindeland. Beim Versuch, seine Wiederwahl  als Volkstribun gesetzeswidrig durchzudrücken, wird
133 Tiberius 133 mit 300 Anhängern von den Optimaten unter P. Cornelius Scipio Nasica erschlagen.
123  Gaius Sempronius Gracchus erneuert als Volkstribun das Agrargesetz  seines Bruders, fordert staatlichen Getreidekauf an Arme zu verbilligten  Preisen, Erleichterung des Kriegsdienstes, Sicherung der persönlichen  Freiheit. Er fordert die Zuerkennung latinischen Rechts an alle  italischen Bundesgenossen. Dadurch Opposition gegen ihn.
121 Selbstmord von Gaius Gr., nach Straßenkämpfen in Rom, Erstürmung des Aventin.
Aufhebung der "leges" des Gaius Gracchus.

120-70 MARIUS UND SULLA
111-105 Jugurthinischer Krieg.
113-101 Krieg gegen die Kimbern und Teutonen:
Erneuerung des Gallierschreckens in Rom. Marius, fünfmal zum Konsul gewählt, reformiert das röm. Heer zum Berufsheer.
105 Niederlage der Römer bei Arausio gegen die Kimbern.
102 Schlacht bei Aquae Sextiae: Marius besiegt die Teutonen.
101 Schlacht bei Vercellae: Marius besiegt die Kimbern.
88-84 1. Mithridatischer Krieg.
Gleichz.  Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla. Letzte Erhebung des Griechentums  gegen Rom. König Mithradates tötet 80.000 Römer. Reaktion gegen das  Treiben der röm. Steuerpächter. Sulla schlägt Mithradates in  Griechenland.
84 Friede zu Dardanos mit Mithradates. Mit  40.000 Mann kehrt Sulla nach Italien zurück, wo inzwischen die Marianer  herrschen (Schreckensherrschaft der Optimaten unter Marius und Cinna).
86 Tod von Marius.
84 Tod von Cinna.
82 Sulla besetzt Rom mit seinen sieggewohnten Truppen. Proskriptionslisten (Todes-Namenslisten) gegen die Marianer.
82 Sulla Diktator in Rom. Reaktionäre Gesetzgebung.

83-81 2. Mithridatischer Krieg.
Erneuter Sieg und Triumph Sullas.

80 Sulla legt überraschend die Diktatur nieder und zieht sich aus der Politik zurück.
79 Tod Sullas.

74-64 3. Mithridatischer Krieg.
Pompeius schlägt König Mithradates.

70 Umsturz der Sullanischen Verfassung: Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt durch die Konsuln Pompeius und Crassus.

MERKMALE DER SULLANISCHEN EPOCHE:
Reaktion gegen den Radikalismus der Gracchen.
Wiederbelebung  altadliger Haltung in Politik und Kultur, vertieft durch  späthellenistischen Schicksalsglauben und Epikureismus. Begünstigung  italischer Sitten und altrömischer Kultur. Abschirmung der  Senatherrschaft bei gleichzeitiger Schwächung der Macht der  Volkstribunen.

70-44 POMPEIUS UND CAESAR
106-48  Pompeius: geb. 29.09.106 v. Chr., steigt unter Sulla als Feldherr auf.  Von 67-64 rottet er das Seeräuberunwesen im Mittelmeer aus. Er beendet  siegreich den 3. Mithradatischen Krieg. Neuordnung Asiens: Neue  Provinzen Pontus, Syria und Cilicia.

100-44 C.  Julius Caesar: geb. 12.07.100 v. Chr., aus altadligem Geschlecht, aber  Neffe des Marius, Schwiegersohn Cinnas, daher 82 von Sulla geächtet,  dann "begnadigt". Caesar tut Kriegsdienst in Cilicia, studiert in Rhodos  Rhetorik, wird von Seeräubern gefangen.
68 Caesar wird Quästor in Spanien.
65 Caesar wird Aedil.
63 Caesar wird Pontifex Maximus.

63 Cicero Konsul: er bekämpft die Verschwörung des Catilina (Umtriebe verarmter Optimaten).
62 Niederlage und Tod des Catilina mit 3.000 seiner Anhänger in der Schlacht bei Pistoria.

60 Triumvirat zwischen Pompeius, Caesar und Crassus.

59 Caesar Konsul:
Übernahme von Cypern als Erbe der Ptolemaier.
Ächtung Ciceros wegen der Hinrichtung römischer Bürger (der Catilinarier) ohne gerichtliches Urteil.

56 Erneuerung des Triumvirats zw. Pompeius, Caesar, Crassus.
53 Crassus auf Kriegszug gegen die Parther getötet.
52 Pompeius wird Konsul "sine collega": Er erreicht damit sein Ziel verfassungsmäßiger Alleinherrschaft.

58-51 Caesar erobert Gallien: "Bellum Gallicum".
Provinz Gallia.
Caesar  gewinnt dabei ein kampferprobtes, ergebenes Heer. Er verlangt von  Pompeius die Niederlegung des Oberbefehls über das röm. Heer. Der Senat  fordert die Auflösung von Caesars Heer. "Senatus consultum ultimum" geg.  Caesar.
49 Bürgerkrieg zwischen Pompeius und Caesar.
Caesar überschreitet den Rubicon: "Alea iacta est!"
Pompeius  und ein Teil des Senats, darunter Cicero, entweichen nach Brundisium,  bei Caesars Nachsetzen nach Dyrrhachium. Caesar ist Diktator.
48  Entscheidungsschlacht bei Pharsalus in Griechenland zwischen Pompeius  und Caesar. Caesar siegt, Pompeius flieht und wird ermordet.

48-47  Alexandrinischer Krieg: Während der Verfolgung des Pompeius Verbrennung  der Flotte vor Alexandria und des berühmten Museions in Alexandria mit  seiner unersetzlichen hellenistischen Bibliothek.
Caesar siegt am Nil.
Kleopatra Königin in Ägypten (und Geliebte Caesars).
47 Krieg Caesars gegen Pharnaces, den Sohn des Mithradates. ("Veni, vidi, vici!")
Caesar kehrt siegreich nach Rom zurück. Begnadigung seiner Gegner, darunter Cicero.
46 Sieg Caesars bei Thapsus in Afrika gegen die Pompeianer und Teile des Senats.
Triumph Caesars über Gallien, Ägypten, Pharnaces, Afrika.
Wahl zum Diktator auf 10 Jahre, später auf Lebenszeit.
Ehrennamen: "Imperator" und "Pater patriae".
Neuordnung  des Staates. Lex Julia mincipalis über die Gemeinden Italiens.  Äckerverteilung an die Veteranen. Erweiterung des Senats.
Julianischer  Kalender: Einführung des ägyptischen Sonnenjahres (statt röm. Mondjahr)  mit 365 1/4 Tagen und einem Schaltjahr alle 4 Jahre. (Gültigkeit bis  zur Gregorianischen Reform 1582.)

Übersteigerung  der Ehrungen für Caesar und der Verdacht, er wolle sich eine  Königskrone aufsetzen lassen, führen zu einer republikanischen  Verschwörung im Senat, der Caesar zum Opfer fällt:

44,  15.03. Die Iden des März: Ermordung Caesars (Erdolchung) durch seinen  Adoptivsohn Brutus und andere Senatoren. (Im Senat, vor dem Denkmal des  Pompeius.)

44-30 DAS ENDE DER BÜRGERKRIEGE
Marc Antonius reißt die Vollstreckung von Caesars Testament an sich.
43 Triumvirat zwischen Marc Antonius, Octavian und Lepidus.
43-42 Krieg gegen die Caesarmörder.
42 Schlacht bei Philippi: Antonius schlägt die Caesarmörder Brutus und Cassius.

31-30 Krieg zwischen Marc Antonius und Octavian.
31 Seeschlacht bei Actium: Sieg Octavians. Selbstmord von Antonius und seiner Geliebten Kleopatra.
30 Einnahme von Alexandria durch Octavian. Ägypten wird römische Provinz. Ende der hellenistischen Staaten.

30 v. - 476 n. Chr. DIE RÖMISCHE KAISERZEIT
30 v. bis 14 n. Chr. Kaiser Augustus (Octavian).
27  Neue Staatsform des Prinzipats, Ende der Republik: Der Kaiser als  "princeps", zunächst im Senat, dann allgemein. Titel: "Imperator Caesar  Augustus".
Alle verfassungsmäßigen Ämter auf Lebenszeit für  Augustus. Wiederaufnahme des frührepublikanischen Nebeneinander von  "tribunus plebis" und Senat: der Kaiser künftig als "Schutzherr" des  Volkes (plebs). Ruhigstellung des Volkes durch "panem et circenses"  (Brot und Spiele).
Einlullung mit Gladiatorenkämpfen.

26-25 Unterwerfung der Iberischen Halbinsel.
23-21 Regierungskrise des Augustus.
20 Rückgabe der röm. Feldzeichen durch die Parther.
15-12 Unterwerfung der Zentralalpen durch Tiberius und Drusus.
12-9 Drusus in Germanien.
12-9 Tiberius in Illyrien.

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0 CHRISTI GEBURT - (wohl schon 6/7 vor Chr.) ZEITENWENDE
nnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn

4- 6 n. Chr. Vorbereitung der endgültigen Unterwerfung Germaniens durch Tiberius.
6- 9 n. Chr. Pannonischer Aufstand (heut. Ungarn, Istrien, Adriaküste) durch Tiberius niedergekämpft.
9 n. Chr. Schlacht im Teutoburger Wald:
(genauer: Kalkriese bei Osnabrück am Wiehengebirge!):
Römische  Legionen unter Varus werden von Germanen unter Hermann dem Cherusker  vollständig aufgerieben. Aber kein allgemeiner Aufstand der Germanen.
10-12 Tiberius hält die Rheingrenze gegen die Germanen.

59-17 n. Historiker: Livius.
43-17 n. Dichter: Ovid.

30 v. bis 68 n. Chr. Das julisch-claudische Herrscherhaus
30 v. bis 14 n. Kaiser Augustus (Octavian).

14-37 Kaiser Tiberius.

7-41 Kaiser Caligula.

41-54 Kaiser Claudius.

54-68 Kaiser Nero.
64 Brand Roms. Erste Christenverfolgung.

69-96 Das flavische Herrscherhaus
69-79 Kaiser Vespasian.
70 Zerstörung von Jerusalem. Vertreibung der Juden.

79-81 Kaiser Titus.

81-96 Kaiser Domitian. Baubeginn des Limes in Germanien.
96-192 Die Adoptivkaiser
96-98 Kaiser Nerva.

98-117  Kaiser Traian. Beginn einer Kulturblüte, die bis 180 anhält: das  "humanitäre Kaisertum". Historiker: Tacitus. Dichter: Plutarch. Aber  auch: Wiederaufnahme der Eroberungspolitik Caesars.

117-138 Kaiser Hadrian.
Einführung eines Beamtenapparates. Hadrian begründet den Höhepunkt des Kaiserfriedens.

138-161 Kaiser Antonius Pius.

161-169 Kaiser Marc Aurel und Kaiser Lucius Verus.

169-180 Kaiser Marc Aurel.
Der "Philosoph auf dem römischen Kaiserthron".

180-192 Kaiser Commodus.
Unter ihm Krise des Kaisertums.
180-235 Der Zusammenbruch des humanitären Kaisertums und der Prinzipatsverfassung.

193-235 Das severische Herrscherhaus
193-211 Kaiser Severus.

211-217 Kaiser Caracalla.

218-222 Kaiser Elagabalus.

222-235 Kaiser Severus Alexander.

235-325 Die Soldatenkaiser
235-238 Kaiser Maximinus Thrax.

238-244 Kaiser Gordianus III.

244-249 Kaiser Philippus Arabs.

249-251 Kaiser Decius.

252-268 Kaiser: Trebonianus Gallus, Aemilianus, Valerianus und Gallienus.

Unter  den Soldatenkaisern vollendet sich als Folge der Prätendentenkämpfe der  Zusammenbruch des Kaiserfriedens. Krise der alten Welt durch den  Eintritt neuer Völker in die Geschichte: Franken, Alamannen, Goten,  Heruler, Sassaniden.

268-270 Kaiser Claudius II.

270-275 Kaiser Aurelianus.

276-283 Kaiser: Tacitus, Probus und Carus.

284-305 Kaiser Diocletian. Neue Reichsverfassung mit absoluter Monarchie.
293  Begründung der Tetrachie: Aufgliederung des Reiches in vier Teilgebiete  mit Hauptstädten Tier, Mailand, Sirmium und Nikomedia. 12 Diözesen.
303 Christenverfolgung.

305-325 Kaiser: Galerius, Chlorus, Constantinus, Maxentius, Licinius, Constantin.

325-476 Die christliche Monarchie
325-337 Kaiser Constantin der Große.
312 Mit-Kaiser Constantin siegt über Maxentius an der Milvischen Brücke unter einem christlichen Feldzeichen.
313 Toleranzedikt von Mailand:
Constantin und Licinius erlassen Gesetz über Religionsfreiheit: Ende der Christenverfolgungen.
325  Konzil von Nicaea: erste allg. Kirchenversammlung der Christen. Streit  zwischen Arianern und Athanasianern: Arianer: Lehre, daß Christus nur  gottähnlich sei; Athanasianer: Lehre, daß Christus mit Gott wesensgleich  sei. (Langfristig: Durchsetzung der Athanasianer.)

Constantin  begründet das politische Dogma, daß der Kaiser als Stellvertreter  Christi Herr des Staates wie auch der Kirche ist. Damit leitet er die  Entwicklung des Byzantinischen Reiches und seiner Staatsidee ein.

326 Constantin wählt Byzanz unter dem Namen Constantinopel zur Hauptstadt.

ab 340 Allmähliche Teilung des Reiches in West- und Ostrom
Doppelreich der Söhne des Constantin:
340-350 Westen: Kaiser Constans.
340-361 Osten: Kaiser Constantius.

361-363 Kaiser Julianus, genannt Apostata.

364-378 Kaiser: Valentius I. und Valens.

um 375 Beginn der germanischen Völkerwanderung.

379-395 Kaiser Theodosius I.
391 Christentum wird Staatsreligion. Begründung des oströmischen Caesarpapismus.

330-420 Kirchenvater Hieronymus.
354-430 Kirchenvater Augustinus.

395 Endgültige Reichsteilung:
395-408 Ostrom: Kaiser Arcadius (Hauptstadt Konstantinopel).

395-423 Westrom: Kaiser Honorius (Hauptstadt: Ravenna).

410 Einnahme Roms durch die Goten unter Alarich. Schwere Gefährdung Westroms.
408-450 Ostrom: Kaiser Theodosius II.
425-455 Westrom: Kaiser Valentinian III.

451  Schlacht auf den Katalaunischen Feldern: Die Hunnen unter Attila werden  von Aetius und dem Westgotenkönig Theoderich geschlagen.

457-474 Leo I.

5./6. Jh. Germanenreiche im geteilten Römischen Reich
429-534 Vandalenreich in Afrika.
419-507 Westgotenreich in Südfrankreich.
443-534 Burgunderreich vor den Alpen.
493-553 Ostgotenreich in Italien.
ab 5. Jh. Frankenreich in Gallien (zerfällt nicht; es führt in den folgenden 350 Jahren die römische Tradition fort.)

476 Absetzung des letzten weströmischen Kaisers: Romulus
610-641 Ende Ostroms unter Kaiser Herakleios durch die Einführung des griechischen Kaisertums.

4.-6. Jh. Auseinandersetzung zwischen Antike und Christentum


29.12.16

PLATON
Der Künstler als Lügner und Verführer

Über  den Nachbildner also sind wir eins; sage mir aber vom Maler noch  dieses. Dünkt er dich darauf auszugehen, von jeglichem jenes eine in der  Natur nachzubilden oder die  Werke der zweiten Bildner?
Die der Werkbildner, sagte er.  
Und wie sie sind oder wie sie erscheinen? Denn auch dieses unterscheide mir wohl.  
Wie meinst du? sagte er.
So.  Ein Bettgestell, wenn man es von  der Seite sieht oder von vorne oder  wie sonst, ist es deshalb von sich selbst  verschieden oder das zwar gar  nicht,  es erscheint aber anders? Und mit allem anderen ebenso?
So ist es, sagte er; es erscheint anders, ist aber nicht verschieden.
Nun  betrachte mir eben dieses. Auf welches von beiden geht die Malerei  bei  jedem? Das Seiende nachzubilden,  wie es sich verhält, oder das  Erscheinende, wie es erscheint, als eine  Nachbildnerei der Erscheinung  oder  der Wahrheit?
Der Erscheinung, sagte er.
Gar  weit also von der Wahrheit ist die  Nachbildnerei; und deshalb, wie es   scheint, macht sie auch alles, weil sie von jedem nur ein Weniges  trifft und  das im Schattenbild. Wie der Maler,  das leugnen wir doch  nicht, uns Schuster, Tischler und die anderen Handwerker nachbilden  wird, ohne irgend etwas von diesen Künsten zu verstehen; aber doch, ist  er nur ein guter Maler und zeigt, wenn er einen Tischler  gemalt hat,  ihn nur hübsch von fern, so  wird er doch Kinder wenigstens und unkluge  Leute anführen, daß sie das  Gemälde für einen wirklichen Tischler   halten.  
Wie sollte er nicht!  Aber dieses, meine ich, o  Freund, müssen wir doch von allen dieser Art denken, wenn uns jemand von  einem berichtet, er habe einen Menschen ange- troffen, der alle  Handwerke verstehe  und alles andere, was sonst jeder nur einzeln weiß,  verstehe er um nichts  weniger genau als irgendeiner, den muß man doch  gleich darauf anreden,  daß er ein einfältiger Mensch ist, den  ein  Taschenspieler oder ein Nachbildner angeführt hat, daß er ihn wirklich   für allweise hält, weil er selbst nämlich nicht fähig ist, Erkenntnis  und Unkenntnis und Nachbildung zu sichten.  
Vollkommen richtig, sagte er.  
Wollen  wir also feststellen, daß vom  Homeros an alle Dichter nur Nachbildner  von Schattenbildern der Tugend  seien und der anderen Dinge, worüber   sie dichten, die Wahrheit aber gar  nicht berühren; sondern, wie wir  eben  sagten, der Maler werde etwas machen,was man für einen Schuhmacher  hält, ohne selbst etwas von der Schu- sterei zu verstehen, und für die,  welche  nichts davon verstehen, sondern nur  auf Farben und Umrisse  sehen?  
Das sagten wir.  
Ebenso, denke ich, wollen  wir auch  von dem Dichter sagen, daß er Farben  gleichsam von jeglicher  Kunst in Wörtern und Namen auftrage, ohne daß er etwas verstände als  eben nachzubilden; so daß andere solche, wenn sie  die Dinge nach seinen  Reden betrachten, mag er nun von der Schusterei  handeln in gemessener,  wohlgebauter  und wohlklingender Rede, glauben müssen, daß es  vollkommen richtig  gesetzt sei, oder mag er vom Kriegswesen oder was du  sonst irgend willst,  handeln, so einen gewaltigen Reiz  habe eben  dieses von Natur. Denn wie  die Werke der Dichter, entkleidet von den  Farben dieser Tonkunst an und für  sich vorgetragen, sich zeigen, das   denke ich, weißt du; du hast es ja wohl  einmal wahrgenommen.
Das habe ich freilich, sagte er.  
Nicht  wahr, sprach ich, sie gleichen  „jugendlichen, aber nicht schönen   Gesichtern“, wie die anzusehen sind,  wenn ihre Blütezeit vorüber ist?  
Vollkommen, sagte er.  
Der Maler, sagen wir, kann uns Zaum und Gebiß malen?  
Ja.  
Machen aber wird sie der Sattler und  Kupferschmied?  
Freilich.  
Wie  nun Zügel und Stange beschaffen  sein müssen, versteht das der  Zeichner? Oder nicht einmal der Kupferschmied und der Sattler, der sie  macht,  sondern nur jener allein, der sich derselben zu bedienen weiß,  der Reiter?  
Vollkommen richtig.  
Wollen wir nun nicht sagen, daß es  sich mit allem so verhalte?  
Wie?  
Daß es für jedes diese drei Künste gibt,  die gebrauchende, die verfertigende,  die nachbildende?  
Ja.  
Nun  aber bezieht sich doch eines jeglichen Gerätes und Werkzeuges sowie   jedes lebenden Wesens und jeder  Handlung Tugend, Schönheit und   Richtigkeit auf nichts anderes als auf  den Gebrauch, wozu eben  jegliches  angefertigt oder von der Natur hervorgebracht ist.  
Richtig.  
Notwendig  also ist auch der Gebrauchende immer der Erfahrenste und  muß dem  Verfertiger Bericht erstatten,  wie sich das, was er gebraucht, gut   oder schlecht zeigt im Gebrauch. Wie  der Flötenspieler dem  Flötenmacher  Bescheid sagen muß von den Flöten,  welche ihm gute  Dienste tun beim Bla-sen, und ihm angeben muß, wie er sie  machen soll,  dieser aber Folge leisten  muß.  
Natürlich.  
Der eine also als Wissender gibt an, was gute und schlechte Flöten sind, der andere aber verfertigt sie als Glaubender?  
Ja.  
Von  demselben Gerät also hat der Verfertiger einen richtigen Glauben, wie   es schön sei oder schlecht, weil er mit  dem Wissenden umgeht und  genötigt  wird, auf diesen Wissenden zu hören;  die Wissenschaft davon  aber hat der  Gebrauchende.  
Freilich.  
Der  Nachbildner aber, wird der aus dem Gebrauch eine Wissenschaft haben von  dem, was er zeichnet, ob es  schön und richtig ist oder nicht? Oder  hat  er eine richtige Meinung vermöge  notwendigen Umganges mit dem  Wissenden und weil dieser ihm befiehlt,  wie er zeichnen soll?  
Keines von beiden.  
Also  weder Einsicht wird der Nachbildner haben noch richtige Vorstellung von  dem, was er nachbildet, was Güte und Schlechtigkeit anlangt.  
Es scheint nicht.  
Trefflich also ist der in der Nachbildung begriffene Nachbildner in der Kunde von dem, was er macht?  
Nicht sonderlich.  
Aber  doch wird er drauflos nachbilden,  ohne zu wissen, wie jedes gut oder   schlecht ist, sondern, wie es scheint,  was dem Volk und den Unkundigen  als  schön erscheint, das bildet er nach.  
Was auch sonst!  
Dieses  also, wie sich zeigt, ist uns  ziemlich klar geworden, daß der  Nachbildner nichts der Rede Wertes versteht von dem, was er nachbildet,  sondern die Nachbildung eben nur ein  Spiel ist und kein Ernst und daß,  die  sich mit der tragischen Dichtung beschäftigen in Jamben sowie in  Hexametern, insgesamt Nachbildner sind  so gut wie irgendeiner.  
Allerdings.
(Politeia X, 598a-602 b)

Können  wir ihn (den Dichter, der Hrsg.)  also nicht jetzt mit vollem Recht  angreifen und ihn als ein Seitenstück zu  dem Maler aufstellen? Denn  darin, daß  er Schlechtes hervorbringt, wenn man  auf die Wahrheit  sieht, gleicht er ihm;  und daß er sich an ebensolches in der  Seele  wendet und nicht an das Beste,  auch darin sind sie einander ähnlich.   Und so sind wir wohl schon gerechtfertigt, wenn wir ihn nicht aufnehmen   in eine Stadt, die eine untadelige Verfassung haben soll, weil er  jenes in der  Seele aufregt und nährt und, indem er es kräftig macht,  das Vernünftige verdirbt, wie im Staat, wenn einer den  Schlechten die  Gewalt verschaffend  den Staat verrät und die Besseren herunterbringt,  ebenso werden wir sagen,  daß der nachbildende Dichter jedem  eine  schlechte Verfassung in seiner  Seele aufrichtet, indem er dem Unver-  nünftigen darin, welches nicht einmal  Großes und Kleines unterscheidet,   sondern dasselbe bald für groß hält, bald für klein, sich gefällig  beweist und  ihm Schattenbilder hervorruft, von der Wahrheit aber ganz  weit entfernt  bleibt.  
Allerdings.  
Und doch  haben wir die größte Anklage gegen sie noch nicht vorgebracht; denn daß  sie imstande ist, auch die Wohlgesinnten, einige gar wenige   ausgenommen, zu verderben, das ist  doch gar arg.  
Ganz gewiß, wenn sie dies nur wirklich tut.  
So  höre und überlege. Auch die Besten von uns, wenn wir den Homeros hören   oder einen anderen Tragödiendichter,  wie er uns einen Helden darstellt  in  trauriger Bewegung, eine lange Klagerede haltend, oder auch  Singende und  sich heftig Gebärdende, so wird uns  wohl zumute, wir  geben uns hin und  folgen mitempfindend, und, die Sache  sehr ernsthaft  nehmend, loben wir den  als einen guten Dichter, der uns am meisten in  diesen Zustand versetzt.  
Das weiß ich; wie sollten wir auch  nicht?  
Wenn  aber einen von uns ein eigener  Kummer trifft, so merkst du doch, daß   wir dann ganz im Gegenteil unseren  Ruhm darein setzen, wenn wir  imstande sínd, ruhig zu sein und auszuharren, weil das die Sache eines  Mannes sei, jenes aber weibisch, was wir  damals lobten?  
Das merke ich, sagte er.  
Ist  das nun wohl ein feiner Ruhm, wenn man jemanden sieht, so wie man  selbst  nicht sein möchte, sondern sich  schämen würde, davor sich nicht  zu  ekeln, sondern sich daran zu freuen  und es zu loben?  
(Politeia X, 605a-605e)


Friedrich Nietzsche
Kunstmetaphysik
a) Die Hinterwelt
Bereits  im Vorwort an Richard Wagner wird die Kunst - und  nicht die Moral -  als die eigentlich metaphysische Tätigkeit des  Menschen hingestellt; im  Buche selbst kehrt der anzügliche Satz mehrfach wieder, daß nur als  ästhetisches Phänomen das Dasein der Weltgerechtfertigt ist. In der Tat,  das ganze Buch kennt nur einen Künstler-Sinn und - Hintersinn hinter  allem Geschehen, - einen „Gott“, wenn man will,  aber gewiß nur einen  gänzlich unbedenklichen und unmoralischen Künstler-Gott, der im Bauen  wie im Zerstören, im Guten wie im Schlimmen, seiner gleichen Lust und  Selbstherrlichkeit innewerden will, der sich, Welten schaffend, von der  Not der Fülle und Überfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze  löst. Die Welt, in jedem Augenblick die erreichte Erlösung Gottes, als  die ewig wechselnde, ewig neue Vision  des Leidendsten,  Gegensätzlichsten, Widerspruchreichsten, der nur im  Scheine sich zu  erlösen weiß: diese ganze Artisten-Metaphysik mag man  willkürlich,  müßig, phantastisch nennen -, das Wesentliche daran ist,  daß sie  bereits einen Geist verrät, der sich einmal aufjede Gefahr hin gegen die  moralische Ausdeutung und Bedeutsamkeit des Daseins zur Wehre setzen  wird. Hier kündigt sich, vielleicht zum ersten Male, ein Pessimismus  „jenseits von Gut und Böse“ an, hier kommt jene „Perversität  der  Gesinnung“ zu Wort und Formel, gegen welche Schopenhauer nicht  müde  geworden ist, im voraus seine zornigsten Flüche und Donnerkeile  zu  schleudern, -eine Philosophie, welche es wagt, die Moral selbst in die   Welt der Erscheinung zu setzen, herabzusetzen und nicht nur unter die   „Erscheinungen“ (im Sinne des idealistischen terminus technicus),   sondern unter die „Täuschungen“, als Schein, Wahn, Irrtum, Ausdeutung,  Zurechtmachung, Kunst. Vielleicht läßt sich die Tiefe dieses  widermoralischen Hanges am besten aus dem behutsamen und feindseligen  Schweigen ermessen, mit dem in dem ganzen Buche das Christentum  behandelt ist, - das Christentum als die ausschweifendste Durchfi-  gurierung des moralischen Themas, welche die Menschheit bisher anzuhören  bekommen hat. ln Wahrheit, es gibt zu der rein ästhetischen   Weltauslegung und Welt-Rechtfertigung, wie sie in diesem Buche gelehrt  wird, keinen größeren Gegensatz als die christliche Lehre, welche  nur  moralisch ist und sein will und mit ihren absoluten Maßen, zum Beispiel  schon mit ihrer Wahrhaftigkeit Gottes, die Kunst, jede Kunst ins  Reich  der Lüge verweist, - das heißt verneint, verdammt, verurteilt. Hinter  einer derartigen Denk- und Wertungsweise, welche kunstfeindlich  sein  muß, solange sie irgendwie echt ist, empfand ich von jeher auch das   Lebensfeindliche, den ingrimmigen rachsüchtigen Widerwillen gegen  das  Leben selbst: denn alles Leben ruht auf Schein, Kunst, Täuschung,   Optik, Notwendigkeit des Perspektivischen und des lrrtums. Christentum  war von Anfang an, wesentlich und gründlich, Ekel und Überdruß  des  Lebens am Leben, welcher sich unter dem Glauben an ein „anderes“  oder  „besseres“ Leben nur verkleidete, nur versteckte, nur aufputzte.  

Der  Haß auf die „Welt“, der Fluch auf die Affekte, die Furcht vor der   Schönheit und Sinnlichkeit, ein Jenseits, erfunden, um das Diesseits   besser zu verleumden, im Grunde ein Verlangen ins Nichts, ans Ende, ins   Ausruhen, hin zum „Sabbat der Sabbate“ - dies alles dünkte mich,   ebenso wie der unbedingte Wille des Christentums, nur moralische  Werte  gelten zu lassen, immer wie die gefährlichste und unheimlichste  Form  aller möglichen Formen eines „Willens zum Untergang“, zum mindesten ein  Zeichen tiefster Erkrankung, Müdigkeit, Mißmutigkeit, Erschöpfung,  Verarmung an Leben, - denn vor der Moral (insonderheit  christlichen,  das heißt unbedingten Moral) muß das Leben beständig und unvermeidlich  Unrecht bekommen, weil Leben etwas essentiell Unmoralisches ist, - muß  endlich das Leben, erdrückt unter dem Gewichte der Verachtung und des  ewigen Neins, als begehrensunwürdig, als unwert an sich empfunden  werden. Moral selbst- wie? sollte Moral nicht  ein „Wille zur Verneinung  des Lebens“, ein heimlicher lnstinkt der Vernichtung, ein Verfalls-,  Verkleinerungs-, Verleumdungsprinzip, ein Anfang vom Ende sein? Und,  folglich, die Gefahr der Gefahren? _ _ Gegen  die Moral also kehrte sich  damals, mit diesem fragwürdigen Buche, mein  lnstinkt, als ein  fürsprechender lnstinkt des Lebens, und erfand sich eine  grundsätzliche  Gegenlehre und Gegenwertung des Lebens, eine rein artistische, eine  antichristliche. Wie sie nennen? Als Philologe und Mensch der Worte  taufte ich sie, nicht ohne einige Freiheit - denn wer wüßte den rechten  Namen des Antichrist? - auf den Namen eines griechischen Gottes: ich  hieß sie die dionysische. -
(Die Geburt der Tragödie. Werke I, S. 14-15)

Man  wird mir dankbar sein, wenn ich eine ,so wesentliche, so neue Einsicht  in vier Thesen zusammendränge: ich erleichtere damit das Verstehen, ich  fordere damit den Widerspruch heraus.  
Erster Satz. Die  Gründe, daraufhin „diese“ Welt als scheinbar bezeichnet  worden ist,  begründen vielmehr deren Realität- eine andre Art Realität  ist absolut  unnachweisbar.  
Zweiter Satz. Die Kennzeichen, welche man dem  „wahren Sein“ der  Dinge geben hat, sind die Kennzeichen des  Nicht-Seins, des Nichts -  man hat die „wahre Welt“ aus dem Widerspruch  zur wirklichen Welt aufgebaut: eine scheinbare Welt in der Tat, insofern  sie bloß eine moralisch-optische Täuschung ist.  

Dritter  Satz. Von einer „andren“ Welt als dieser zu fabeln hat gar keinen   Sinn, vorausgesetzt, daß nicht ein lnstinkt der Verleumdung,  Verkleinerung, Verdächtigung des Lebens in uns mächtig ist: im letzteren  Falle rächen wir uns am Leben mit der Phantasmagorie eines „anderen“,  eines  „besseren“ Lebens.  

Vierter Satz. Die  Welt scheiden in eine „wahre“ und eine „scheinbare“,  sei es in der Art  des Christentums, sei es in der Art Kants (eines hinterlistigen Christen  zu guter Letzt -) ist nur eine Suggestion der décadence -  ein Symptom  niedergehenden Lebens. Daß der Künstler den Schein  höher schätzt als  die Realität, ist kein Einwand gegen diesen Satz. Denn  „der Schein“  bedeutet hier die Realität noch einmal, nur in einer Auswahl,  Verstärkung, Korrektur. Der tragische Künstler ist kein Pessimist  -er  sagt gerade Ja zu allem Fragwürdigen und Furchtbaren selbst, er ist   dionysisch _ _ _  
(Götzendämmerung, Werke ll. S. 960-961)       




Kunst und Erlösung
Die Kunst in der „Geburt der Tragödie“  
                                                                 I
Die  Konzeption des Werks,  auf welche man in dem Hintergrunde  dieses  Buches stößt, ist absonderlich  düster und unangenehm: unter den  bisher  bekannt gewordnen Typen des  Pessimismus scheint keiner diesen  Grad  von Bösartigkeit erreicht zu ha-  ben. Hier fehlt der Gegensatz einer   wahren und einer scheinbaren Welt: es  gibt nur eine Welt, und diese  ist falsch,  grausam, widersprüchlich, verführe-  risch, ohne Sinn...  Eine so beschaffene Welt ist die wahre Welt. Wir haben Lüge nötig, um  über diese Realität,  diese „Wahrheit“ zum Sieg zu kommen, das heißt, um  zu leben…  Daß die  Lüge nötig ist, um zu leben, das gehört  selbst  noch mit zu diesem furchtbaren  und fragwürdigen Charakter des Daseins.  
Die  Metaphysik, die Moral, die Religion,  die Wissenschaft - sie werden in  diesem Buche nur als verschiedne Formen  der Lüge in Betracht gezogen:  mit ihrer  Hilfe wird ans Leben geglaubt. „Das  Leben soll Vertrauen  einflößen“: die  Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um  sie zu lösen,  muß der Mensch schon  von Natur Lügner sein, er muß mehr als  alles  andere Künstler sein. Und erist es  auch: Metaphysik, Religion, Moral,   Wissenschaft - alles nur Ausgeburten  seines Willens zur Kunst, zur  Lüge, zur  Flucht vor der „Wahrheit“, zur Verneinung der „Wahrheit“. Das  Vermögen  selbst, dank dem er die Realität durch  die Lüge  vergewaltigt, dieses Künstler -Vermögen des Menschen par excellence - er  hat es noch mit allem, was ist,  gemein. Er selbst ist ja ein Stück  Wirk-  lichkeit, Wahrheit, Natur: wie sollte er nicht auch ein Stück  Genie der Lüge sein!

Daß der Charakter des  Daseins verkannt werde -tiefste und höchste Geheim-Absicht hinter  allem,wasTugend,  Wissenschaft, Frömmigkeit, Künstlertum ist. Vieles  niemals sehn, vieles  falsch sehn, vieles hinzusehn: o wie  klug man  noch ist, in Zuständen, wo  man am fernsten davon ist, sich für klug  zu  halten! Die Liebe, die Begeisterung,  „Gott“ lauter Feinheiten des  letzten  Selbstbetrugs, lauter Verführungen  zum Leben, lauter Glaube an  das Leben! ln Augenblicken, wo der Mensch  zum Betrognen ward, wo er  sich überlistet hat, wo er ans Leben glaubt: o wie  schwillt es da in  ihm auf! Welches Entzücken! Welches Gefühl von Macht!  Wieviel  Künstler-Triumph im Gefühl der  Macht!  Der Mensch ward wieder  einmal  Herr über den „Stoff“ - Herr  über die Wahrheit!  - Und wann immer  der  Mensch sich freut, er ist immer der  gleiche in seiner Freude: er freut  sich  als Künstler, er genießt sich als Macht,  er genießt die Lüge als  seine  Macht...
                                                              II

Die  Kunst und nichts als die Kunst!  Sie ist die große Ermöglicherin des   Lebens, die große Verführerin zum  Leben, das große Stimulans des  Lebens.  Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen Willen  zur Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische,  Antinihilistische par excellence.  Die Kunst als die Erlösung des  Erkennenden - dessen, der den furchtbaren  und fragwürdigen Charakter  des Daseins sieht, sehen will, des Tragisch- Erkennenden.  Die Kunst als  die Erlösung des Handelnden - dessen, der den furchtbaren  und  fragwürdigen Charakter des Da-  seins nicht nur sieht, sondern lebt,  leben will, des tragisch-kriegerischen  Menschen, des Helden.        
Die  Kunst als die Erlösung des Leidenden - als Weg zu Zuständen, wo das   Leiden gewollt, verklärt, vergöttlicht  wird, wo das Leiden eine Form  der  großen Entzückung ist.
                                                          lll
Man  sieht, daß in diesem Buche der  Pessimismus, sagen wir deutlicher der   Nihilismus, als die „Wahrheit“ gilt.  Aber die Wahrheit gilt nicht als  ober-  stes Wertmaß, noch weniger als oberste Macht. Der Wille zum  Schein, zur lllusion, zur Täuschung, zum Werden  und Wechseln (zur  objektivierten Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprüngli-  cher,  „metaphysischer“ als der Wille  zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum   Schein - letzterer ist selbst bloß eine  Form des Willens zur Illusion.  Ebenso  gilt die Lust als ursprünglicher als der  Schmerz: der Schmerz  erst als bedingt, als eine Folgeerscheinung des  Willens zur Lust (des  Willens zum  Werden, Wachsen, Gestalten, d. h.  zum Schaffen: im  Schaffen ist aber das  Zerstören eingerechnet). Es wird ein  höchster  Zustand von Bejahung des  Daseins konzipiert, aus dem auch der  höchste  Schmerz nicht abgerechnet  werden kann: der tragisch-dionysische  Zustand.

                                                     IV

Dies  Buch ist dergestalt sogar antipessimistisch: nämlich in dem Sinne, daß   es etwas lehrt, das stärker ist als der  Pessimismus, das „göttlicher“  ist als  die Wahrheit: die Kunst. 'Niemand  würde, wie es scheint, einer  radikalen  Verneinung des Lebens, einem wirklichen Neintun noch mehr  als einem  Neinsagen zum Leben ernstlicher das  Wort reden, als der  Verfasser dieses  Buches. Nur weiß er - er hat es erlebt,  er hat  vielleicht nichts anderes erlebt!  - daß die Kunst mehr wert ist, als  die  Wahrheit.  ln der Vorrede bereits, mit der Richard  Wagner wie zu  einem Zwiegespräche  eingeladen wird, erscheint dies Glau-   bensbekenntnis, dies Artisten-Evangelium: „die Kunst als die  eigentliche  Aufgabe des Lebens, die Kunst als  dessen metaphysische  Tätigkeit…“  
(Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre. Werke Ill, S.  691-694)        



Wir basteln. - Danke fürs Interesse....., was tatsächlich sehr stört.


d) Die Wahrheit des Kunstwerks

Kunstwerke, die  der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine. Rätsel  ist dabei keine Allerweltsphrase wie meist das Wort Problem, das  ästhetisch nur im strikten Sinn der von der immanenten Zusammensetzung  der Werke gestellten Aufgabe zu verwenden wäre. Nicht minder strikt sind  die Kunstwerke Rätsel. Sie enthalten potentiell die Lösung, nicht ist  sie objektiv gesetzt. Jedes Kunstwerk ist ein Vexierbild, nur derart,  daß es beim Vexieren bleibt, bei der prästabilierten Niederlage ihres  Betrachters. Das Vexierbild wiederholt im Scherz, was die Kunstwerke im  Ernst verüben. Spezifisch ähneln sie jenem darin, daß das von ihnen  Versteckte, wie der Poesche Brief, erscheint und durchs Erscheinen sich  versteckt. Die Sprache, wie sie vorphilosophisch die ästhetische  Erfahrung beschreibt, sagt mit Grund, einer verstünde etwas von Kunst,  nicht, er verstünde Kunst. Kennerschaft ist adäquates Verständnis der  Sache und borniertes Unverständnis des Rätsels in eins, neutral zum  Verhüllten. Wer bloß verständnisvoll in der Kunst sich bewegt, macht sie  zu einem Selbstverständlichen, und das ist sie am letzten. Sucht einer  dem Regenbogen ganz nahezukommen, so verschwindet dieser. Prototypisch  dafür ist, vor den anderen Künsten, die Musik, ganz Rätsel und ganz  evident zugleich. Es ist nicht zu lösen, nur seine Gestalt zu  dechiffrieren, und eben das ist an der Philosophie der Kunst. Erst der  verstünde Musik, welcher so fremd sie hörte wie ein Unmusikalischer und  so vertraut wie Siegfried die Sprache der Vögel. Durchs Verstehen jedoch  ist der Rätselcharakter nicht ausgelöscht. Noch das glücklich  interpretierte Werk möchte weiterhin verstanden werden, als wartete es  auf das lösende Wort, vor dem seine konstitutive Verdunklung zerginge.
(Ästhetische Theorie, S. 184-185)

Urteilslos  deuten die Kunstwerke gleichwie mit dem Finger auf ihren Gehalt, ohne  daß er diskursiv würde. Die spontane Reaktion des Rezipierenden ist  Mimesis an die Unmittelbarkeit dieses Gestus. ln ihm jedoch erschöpfen  die Werke sich nicht. Die Position, die jene Stelle durch ihren Gestus  bezieht, unterliegt, einmal integriert, der Kritik: ob die Macht des  Sound nicht Andersseins, auf deren Epiphanie solche Augenblicke der  Kunst es abgesehen haben, Index ihrer eigenen Wahrheit sei. Volle  Erfahrung, terminierend im Urteil über das urteils Iose Werk, verlangt  die Entscheidung darüber und deswegen den Begriff. Das Erlebnis ist  einzig ein Moment solcher Erfahrung und ein fehlbares, mit der Qualität  des Überredetwerdens. Werke des Typus der Neunten Symphonie üben  Suggestion aus: die Ge- walt, die sie durch ihr eigenes Gefüge erlangen,  springt auf die Wirkung über.
(Ästhetische Theorie, S. 363-364)    

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Apparition (Theodor W. Adorno)

a) Kunst als Schein und gesellschaftliche Utopie  

Herkömmlicherweise  wird der Scheincharakter der Kunstwerke auf ihr sinnliches Moment  bezogen, zumal in der Hegelschen Formulierung vom sinnlichen Scheinen  der Idee. Diese Ansicht vom Schein steht im Bann der traditionellen,  Platonisch-Aristotelischen vom Schein der Sinnenwelt hier, dem Wesen,  oder dem reinen Geist, als dem wahrhaften Sein dort. Der Schein der  Kunstwerke entspringt jedoch in ihrem geistigen Wesen. Dem Geist selber,  als einem von seinem Anderen Getrennten, ihm gegenüber sich  Verselbständigenden und in solchem Fürsichsein Ungreifbaren, eignet ein  Scheinhaftes; aller Geist, Ewgíg vom Leibhaften, hat in sich den Aspekt,  ein Nichtseiendes, Abstraktes zum Seienden zu erheben; das ist das  Wahrheitsmoment des Nominalismus. Kunst macht auf die Scheinhaftigkeit  des Geistes als eines Wesens sui generis die Probe, indem sie den  Anspruch des Geistes, Seien des zu sein, beim Wort nimmt und ihn als  Seiendes vor Augen stellt. Das, viel mehr als die Nachahmung der  Sinnenwelt durch das ästhetisch Sinnliche, auf welche die Kunst  verzichten lernte, nötigt sie zum Schein. Geist in dessen ist nicht nur  Schein, sondern auch Wahrheit, er ist nicht nur der Trug eines  Ansichseienden, sondern ebenso die Negation alles falschen Ansichseins.  Das Moment seines Nichtseins und seiner Negativität tritt in die  Kunstwerke ein, die ja den Geist nicht unmittelbar versinnlichen,  dingfest machen, sondern allein durchs Verhältnis ihrer sinnlichen  Elemente zueinander Geist werden. Deshalb ist der Scheincharakter der  Kunst zugleich ihre Methexis (1) an der Wahrheit. Die Flucht mancher  gegenwärtiger Manifestationen der Kunst in den Zufall dürfte als  desperate Antwort auf die Ubiquität des Scheins zu deuten sein: das  Kontingente soll ins Ganze übergehen ohne das Pseudos prästabilierter  Harmonie. Damit indessen wird einerseits das Kunstwerk einer blinden  Gesetzmäßigkeit ausgeliefert, die von seiner totalen Determination von  oben her gar nicht mehr zu unter scheiden ist, andererseits das Ganze  dem Zufall überantwortet und die Dialektik von Einzelnem und Ganzem zum  Schein entwertet: indem nämlich ein Ganzes gar nicht resultiert.  Vollendete Scheinlosigkeit regrediert aufs chaotisch Gesetzliche, darin  Zufall und Notwendigkeit ihre unselige Ver schwörung erneuern. Kunst hat  keine Gewalt über den Schein durch dessen Abschaffung. Der  Scheincharakter der Kunstwerke bedingt, daß ihre Erkenntnis dem  Erkenntnisbegriff der Kantischen reinen Vernunft widerstreitet. Schein  sind sie, indem sie ihr Inneres, Geist, nach außen setzen, und sie  werden nur insoweit erkannt, wie, gegen das Verbot des  Amphiboliekaptels, ihr Inneres erkannt wird. [. . .] Schein sind die  Kunstwerke dadurch, daß sie dem, was sie selbst nicht sein können, zu  einer Art von zweitem, modifiziertem Dasein verhelfen; Erscheinung, weil  jenes Nichtseiende an ihnen, um dessentwillen sie existieren, vermöge  der ästhetischen Realisierung zu einem wie immer auch gebrochenen Dasein  gelangt. Identität von Wesen und Erscheinung jedoch ist der Kunst so  wenig erreichbar wie der Erkenntnis von Realem.
(Ästhetische Theorie, S. 165-168)


Das  Verhältnis zum Neuen hat sein Modell an dem Kind, das auf dem Klavier  nach einem noch nie gehörten, unberührten Akkord tastet. Aber es gab den  Akkord immer schon, die Möglichkeiten der Kombination sind beschränkt,  eigentlich steckt alles schon in der`Klaviatur. Das Neue ist die  Sehnsucht nach dem Neuen, kaum es selbst, daran krankt alles Neue. Was  als Utopie sich fühlt, bleibt ein Negatives gegen das Bestehende, und  diesem hörig. Zentral unter den gegenwärtigen Antinomien ist, daß Kunst  Utopie sein muß und will und zwar desto entschiedener, je mehr der reale  Funktionszusammenhang Utopie verbaut; daß sie aber, um nicht Utopie an  Schein und Trost zu verraten, nicht Utopie sein darf. Erfüllte sich die  Utopie von Kunst, so wäre das ihr zeitliches Ende. Hegel als erster hat  er kannt, daß es in ihrem Begriff impliziert ist. Daß seine Prophezeiung  nicht eingelöst ward, hat einen paradoxen Grund in seinem  Geschichtsoptimismus. Er verrie tdie Utopie, indem er das Bestehende  konstruierte, als wäre es jene, die absolute Idee. Gegen Hegels Lehre,  der Weltgeist sei über die Gestalt der Kunst hinaus, behauptet sich  seine andere, welche die Kunst der widerspruchsvollen Existenz zuordnet,  die wider alle affirmative Philosophie fortwährt. Schlagend ist das an  der Architektur: wollte sie, aus Überdruß an den Zweckformen und ihrer  totalen Angepaßtheit, der ungezügelten Phantasie sich anheimgeben, sie  geriete sogleich in Kitsch. So wenig wie Theorie vermag Kunst Utopie zu  konkretisieren; nicht einmal negativ. Das Neue als Kryptogramm ist das  Bild des Untergangs; nur durch dessen absolute Negativität spricht Kunst  das Unaussprechliche aus, die Utopie. Zu jenem Bild versammeln sich all  die Stigmata des Abstoßenden und Abscheulichen in der neuen Kunst.  Durch unversöhnliche Absage an den Schein von Versöhnung hält sie diese  fest inmitten des Unversöhnten, richtiges Bewußtsein einer Epoche, darin  die reale Möglichkeit von Utopie, daß die Erde, nach dem Stand der  Produktivkräfte, jetzt, hier, unmittelbar das Paradies sein könnte auf  einer äußersten Spitze mit der Möglichkeit der totalen Katastrophe sich  vereint. ln deren Bild keinem Abbild sondern den Chiffren ihres  Potentials tritt der magische Zug der fernsten Vorzeit von Kunst unterm  totalen Bann wieder hervor; als wollte sie die Katastrophe durch ihr  Bild beschwörend verhindern. Das Tabu über dem geschichtlichen Telos ist  die einzige Legitimation dessen, wodurch das Neue politisch-praktisch  sich kompromittiert, seines Auftretens als Selbstzweck.
(Ästhetische Theorie, S. 55-56)

Ohnmächtig  wären Kunstwerke aus bloßer Sehnsucht, obwohl kein stichhaltiges ohne  Sehnsucht ist. Wodurch sie jedoch die Sehnsucht transzendieren, das ist  die Bedürftigkeit, die als Figur dem geschichtlich Seienden  einbeschrieben ist. Indem sie diese Figur nachzeichnen, sind sie nicht  nur mehr, als was bloß ist, sondern haben soviel an objektiver Wahrheit,  wie das Bedürftige seine Ergänzung und Änderung herbeizieht. Nicht für  sich, dem Bewußtsein nach, jedoch an sich will, was ist, das Andere, und  das Kunstwerk ist die Sprache solchen Willens und sein Gehalt so  substantiell wie er. Die Elemente jenes Anderen sind in der Realität  versammelt, sie müßten nur, um ein Geringes versetzt, in neue  Konstellation treten, um ihre rechte Stelle zu finden. Weniger als daß  sie imitierten, machen die Kunstwerke der Realität diese Versetzung vor.  Umzukehren wäre am Ende die Nachahmungslehre; in einem sublimierten  Sinn soll die Realität die Kunstwerke nachahmen. Daß aber die Kunstwerke  da sind, deutet darauf, daß das Nichtseiende sein könnte. Die  Wirklichkeit der Kunstwerke zeugt für die Möglichkeit des Möglichen.  Worauf die Sehnsucht an den Kunstwerken geht die Wirklichkeit dessen,  was nicht ist -, das verwandelt sich ihr in Erinnerung. ln ihr vermählt  sich was ist, als Gewesenes, dem Nichtseienden, weil das Gewesene nicht  mehr ist. Seit der Platonischen Anamnesis ist vom noch nicht Seienden im  Eingedenken geträumt worden, das allein Utopie konkretisiert, ohne sie  an Dasein zu verraten. Dem bleibt der Schein gesellt: auch damals ist es  nie gewesen.
(Ästhetische Theorie, S. 199-200)

1) Methexis = Teilhabe



(aus Mai 2016)

Der Hauptgedanke der Theorie der Gerechtigkeit
Gesellschaftsvertrag

Ich möchte eine Gerechtigkeitsvorstellung darlegen, die die bekannte Theorie des Gesellschaftsvertrages etwa von Locke, Rousseau und Kant verallgemeinert und auf eine höhere Abstraktionsebene hebt. Dazu darf man sich den ursprünglichen Vertrag nicht so vorstellen, als ob er in eine bestimmte Gesellschaft eingeführt würde oder eine bestimmte Regierungs¬form errichtete. Der Leitgedanke ist vielmehr, daß sich die ursprüngliche Übereinkunft auf die Gerechtigkeitsgrundsätze für die gesellschaftliche Grundstruktur bezieht. Es sind diejenigen Grundsätze, die freie und vernünftige Menschen in ihrem eigenen Interesse in einer anfänglichen Situation der Gleichheit zur Bestimmung der Grundverhältnisse ihrer Verbindung annehmen würden. Ihnen haben sich alle weiteren Vereinbarungen anzupassen; sie bestimmen die möglichen Arten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit und der Regierung. Diese Betrachtungsweise der Gerechtigkeitsgrundsätze nenne ich Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß.
Wir wollen uns also vorstellen, daß diejenigen, die sich zu gesellschaftlicher Zusammenarbeit vereinigen wollen, in einem gemeinsamen Akt die Grundsätze wählen, nach denen Grundrechte und -pflichten und die Verteilung der gesellschaftlichen Güter bestimmt werden. Die Menschen sollen im voraus entscheiden, wie sie ihre Ansprüche gegeneinander regeln wollen und wie die Gründungsurkunde ihrer Gesellschaft aussehen soll. [...]

Urzustand

In der Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß spielt die ursprüngliche Situation der Gleichheit dieselbe Rolle wie der Naturzustand in der herkömmlichen Theorie des Gesellschaftsvertrags. Dieser Urzustand wird natürlich nicht als ein wirklicher geschichtlicher Zustand vorgestellt, noch weniger als primitives Stadium der Kultur. Er wird als rein theoretische Situation aufgefaßt, die so beschaffen ist, daß sie zu einer bestimmten Gerechtigkeitsvorstellung führt.

Schleier des Nichtwissens

Zu den wesentlichen Eigenschaften dieser Situation gehört, daß niemand seine Stellung in der Gesellschaft kennt, seine Klasse oder seinen Status, ebensowenig sein Los bei der Verteilung natürlicher Gaben wie Intelligenz oder Körperkraft. Ich nehme sogar an, daß die Beteiligten ihre Vorstellung vom Guten und ihre besonderen psychologischen Neigungen nicht kennen. Die Grundsätze der Gerechtigkeit werden hinter einem Schleier des Nichtwissens festgelegt. Dies gewährleistet, daß dabei niemand durch die Zufälligkeiten der Natur oder der gesellschaftlichen Umstände bevorzugt oder benachteiligt wird. Da sich alle in der gleichen Lage befinden und niemand Grundsätze ausdenken kann, die ihn aufgrund seiner besonderen Verhältnisse bevorzugen, sind die Grundsätze der Gerechtigkeit das Ergebnis einer fairen Übereinkunft oder Verhandlung. Die Gerechtigkeit als Fairneß beginnt, so sagte ich, mit der allgemeinsten Entscheidung, die Menschen überhaupt zusammen treffen können, nämlich mit der Wahl der ersten Grundsätze einer Gerechtigkeitsvorstellung, die für alle spätere Kritik und Veränderung von Institutionen maßgebend sein soll.

aus: John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, S. 19 ff., a. a. 0.

25.1.2015

Was darf Satire?

Tucholskys schlichte Antwort "Alles" war schon 1919 sehr fragwürdig.-
In der Schule haben wir gestern gelernt:

"Satire ist ästhetisch-sozialisierter Angriffswitz." 
 (nach J. Brummack)

Das gilt heute noch immer - nein, mehr denn je !

Man mag über Presse- und Meinungsfreiheit reden, wie man will - Freiheit ist nicht grenzenlos - auch nicht über den Wolken!
Wer Freiheit postuliert, fordert damit Humanes, Demokratisches, den Dialog.

Die Mittel der Forderung sind daher gebunden, denn 
- Humanes entsteht nicht aus Inhumanem, aber gegen Inhumanes
- Demokratie entsteht nicht aus Undemokratischem, aber gegen Undemokratisches
- der Dialog ist Basis des Demokratischen... und der Diskurs erst recht !

Damit sind die Grenzen der Satire klar bestimmt; überschreitet sie diese, verlässt sie den Boden, den sie mit ihren Mitteln verbessern wollte.

Ein letztes Wort zu diesem Thema:

Religionsfreiheit ist eine Abart der Freiheit. - Die verlangt deren Verantwortung in vollem Maß.

Lesenswert: Anshuman A. Mondal: Islam and Controversy.
31.3.14

THE DISCOVERY OF THE HIGGS BOSON - University of Edinburgh



Eine interessante Zusammenfassung (in Englisch)
finden Sie hier:

John Lysons                                                       H I E R !











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